Das Social Media Hochwasser – was Facebook, Twitter & Co. zur Fluthilfe beitragen
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Das Hochwasser in Deutschland hält derzeit Tausende von Bürgern in Atem. Banges Warten an Elbe, Donau und anderen Strömen: Wie hoch wird der Scheitelpunkt der Flut, werden die Dämme halten? Überall in den Hochwassergebieten sind Hilfskräfte rund um die Uhr im Einsatz, füllen und verbauen Sandsäcke oder – in ganz schlimmen Fällen wie im niederbayerischen Deggendorf – retten Anwohner aus Häusern, die bis unters Dach im Wasser stehen.

Die Social Media Flut

Verfolgt man die Berichterstattung in den Medien, fällt aus medialer Sicht ein gravierender Unterschied zum Jahrhunderthochwasser von vor elf Jahren auf: Es ist die erste große Naturkatastrophe in Deutschland im Social-Media-Zeitalter – und das hat in der Mehrheit positive Ausprägungen. Denn schaut man sich im Netz genauer um, entdeckt man, dass in sozialen Netzwerken unglaubliche viele Hilfeleistungen koordiniert, ganz viele Hilfeangebote gemacht und jede Menge Informationen ausgetauscht werden. Es scheint, als ob die Zahl freiwilliger Helfer, die sich mit Betroffen solidarisieren, so groß ist wie nie zuvor.

Informationen via Twitter, Koordination via Facebook

Das Potenzial, das bei solchen Naturkatastrophen im Netz und ganz speziell in den sozialen Netzwerken schlummert, wird also erkannt und wahrgenommen. Die Timelines sind voll von Posts mit Hochwasserbezug. Seit Beginn der Hochwasserüberflutungen rufen Behörden im Web Bürger zur Unterstützung auf, Freiwillige Feuerwehren aktivieren via Facebook Helfer für das Füllen und den Aufbau von Sandsäcken oder das Auspumpen von Kellern. Das Netz ist voll von Hilfsangeboten.

Auf Twitter trugen in den letzten Tagen unter dem Hashtag #hochwasser die Informationen zur Flut zusammen. Evakuierungsmaßnahmen, Pegelstände oder Verkehrsinfos wurden der Öffentlichkeit über Kurznachrichtendienst mitgeteilt. Twitter selbst hat dazu den Blogeintrag „#Hochwasser – Die Jahrhundertflut auf Twitter“ verfasst, in dem eine Vielzahl von #hochwasser-Tweets gesammelt wurden. Erstaunlich ist dabei, wie aktiv viele Städte inzwischen auf Twitter sind. Chapeau! Das hätten wir so nicht vermutet. 

Die Situation auf Facebook lediglich als ‚ähnlich’ zu beschreiben, wird den Ausmaßen und dem Umfang mit dem auf dem sozialen Netzwerk rund um das Thema Hochwasser gepostet und geholfen wird, nicht gerecht. Filtert man eine Facebook-Suche nach dem Begriff „Hochwasser“ nach Gruppen, fördert sie Dutzende von Ergebnissen zutage:

Hochwassergruppen auf Facebook

Da wäre beispielsweise Hochwasser Passau 2013. Dort wird mit einem oben gepinnten Beitrag informiert, dass zum Thema gleich vier Seiten verfügbar sind: eine Seite für alle Infos zum Thema Wasser, eine Seite für Meldungen zum Straßenverkehr, eine Seite für jeden, der sucht, beziehungsweise etwas braucht und eine Seite für Spenden.  

In den Posts erfahren die Helfer, wo was gebraucht wird, wann es ein kostenloses Mittagessen gibt, wo es Antragsformulare für Soforthilfe zum Download gibt oder wie es mit dem Versicherungsschutz aussieht. Darüber hinaus können Hilfsbereite posten, mit was sie den Flutopfern unter die Arme greifen können: Essen, Möbel, Kleidung oder Unterkünfte.

Auch als Informationsinstrument für Gebiete, in denen der Scheitelpunkt der Flut noch nicht angekommen ist, wird Social Media genutzt. So kann man auf der Facebookseite Elbpegelstand die aktuellen Pegelstände des Stroms abfragen. Über 83.000 Fans hat die Seite derzeit. Am 1. Juni waren es nur elf!

Ein weiteres tolles Beispiel für gelungen Hochwasserhilfe ist die Google Maps Karte „Hochwasserhilfe Dresden“. Die Karte zeigt wo Kinder Hilfe benötigen, wo Hilfe bei der Sandsackbefüllung benötigt wird oder wo Sandsäcke gebraucht werden. Die elektronische Karte wurde bis dato über 2,7 Millionen Mal aufgerufen.

Hochwasserhilfe Google Maps

Was angenehm auffällt ist der durchweg persönliche und verständnisvolle Ton der dort angeschlagen wird. Man merkt: Die Menschen sind wirklich betroffen und wollen helfen. Natürlich gibt es auch auf den Hochwasserseiten schwarze Schafe, die versuchen Eigenwerbung zu machen oder mit Lügen und Falschmeldungen für Panik zu sorgen. Da ist schon an so mancher Stelle ein Damm gebrochen, wo es aber tatsächlich trocken war.

Aktualität und Moderation als Problem

Darüber hinaus besteht hier und da auch ein Problem mit der Aktualität. Schaut man sich auf den Seiten um, berichten zahlreiche Nutzer davon, dass sie beispielsweise auf eine Hilfeanfrage reagiert und sich zum Ort des Geschehens begeben hätten, nur um dann zu erfahren, dass keine Hilfe mehr benötigt werde. Völlig verständlich ist natürlich, dass bei dem herrschenden Chaos die Bittsteller nur selten Zeit haben, Anfragen nach getaner Arbeit auf „erledigt“ zu aktualisieren.

So liegt der größte Nachteil der Katastrophenhilfe per Social Media darin, dass die Hilfeseiten wie Pilze aus dem Boden sprießen (denn jeder kann schließlich so eine gruppe gründen). Dadurch geht nicht selten der Überblick verloren, weil es keine Moderatoren gibt, die für Ordnung und Verlässlichkeit sorgen.

Deswegen müssen gerade Städte, Behörden und Hilfsorganisationen den nächsten Schritt machen. Seit der letzten Jahrhundertflut haben sie die sozialen Netzwerke kennengelernt. Und wie oben erwähnt machen sich insbesondere viele Städte und Gemeinden die Vorteile von Twitter bei der Verbreitung von wichtigen Nachrichten schon sehr vorbildlich zunutze. Trotzdem besteht Verbesserungsbedarf. Bis zum nächsten großen Hochwasser müssen diese Akteure die Social-Media-Nutzung weiter optimieren und für die Zukunft feste Online-Anlaufstellen einrichten, die rechtzeitig und weitreichend publik gemacht werden. Aber vor allem müssen diese Anlaufstellen im Ernstfall angemessen aktualisiert und gepflegt werden.

Diese Einschätzung bestätigt auch Nicolas Hefner, Sprecher des Technischen Hilfswerks, gegenüber FAZ.net. Das THW findet die Helferorganisation über das Internet klasse. Allerdings müssten die THW-Mitarbeiter „jetzt erst einmal mit der neuen Situation umgehen lernen.“ Fortbildung ist also angesagt, damit bei der nächsten Flut – wahrscheinlich werden wir bald von Jahrzehnteflut sprechen – die Organisation und Koordination über die sozialen Medien noch effektiver, noch besser funktioniert.

YouTube als Katastrophenfilm

Die andere Funktion, die Social Media während der Flutkatastrophe erfüllt, ist die der Dokumentation. YouTube ist mittlerweile voll von Privatvideos, die reißende Wassermassen oder überschwemmte Wohngebiete zeigen: YouTube Suche mit dem Begriff „Hochwasser 2013“.

Wohl dem, der sich derartig unbeeindruckt von den Fluten zeigen kann, wie der Wakeboarder im Video unten, dessen wilder Ritt durch von Hochwasser überschwemmtes Gebiet (angeblich in der Nähe von Worms) inzwischen zu gewissem YouTube-Ruhm gelangt ist:

Hochwasser-Meme

Für eines der ersten Hochwasser-Memes zeichnet in diesem Fall Georgina Fleur verantwortlich. Wer sie nicht kennt: Die Dame hat es durch Auftritte in den RTL-Sendungen „Der Bachelor“ und „Dschungelcamp“ zu zweifelhaftem Ruhm gebracht. Begonnen hat das Georgina Hochwasser-Meme mit folgendem Tweet:

Daraus entwickelte sich der Tumblr „Georgina posing at Katastrophen“, der eine mehr oder weniger amüsante Sammlung von Bildern enthält, in denen die junge Dame per Bildbearbeitung in Katastrophenszenarien á la Syrien, Vulkanausbrüche oder Godzilla-Attacken montiert wurde. Tja, auch hier gilt: Kein Trend im Internet ohne dazugehöriges Meme. 

Quelle Aufmacherbild: Screenshot Facebookseite „Hochwasser 2013 in Thüringen“

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