Die Google Glass Revolution: mobile Ketten ablegen [Kommentar]
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Das beherrschende Thema diese Woche war ohne Frage Google Glass. Die ersten Brillen haben in den vergangenen Tagen die Fertigungshallen verlassen. Nach und nach erhalten jetzt rund 2.000 ausgewählte Entwickler ihr Exemplar von Googles Datenbrille. Wobei der Ausdruck Datenbrille eigentlich irreführend ist, denn „Glass“ bezieht sich auf das als Display agierende Glasprisma, welches das User Interface im Sichtfeld des Users einblendet.

Passend zum Versand an die Entwickler hat Google auf seinem Developer Blog Details und Guidelines zum Entwickeln für Google Glass veröffentlicht. Im Zentrum steht dabei das Mirror API. Entwickler können ab sofort per Java oder Python das API ansprechen und Dienste für die Brille entwickeln. Einen coolen Namen für solche Applikationen hat sich Google auf jeden Fall schon mal ausgedacht: Glassware.

Faszinierendes Potenzial 

Auch bei uns in der WebMagazin-Redaktion sind die meisten von Google Glass angetan, denn trotz aller Kritik, Datenschutzbefürchtungen und bereits erteilten oder angekündigten Verboten in Restaurants oder Geschäften – wir sind überzeugt, dass es in den kommenden Monaten faszinierende Entwicklungen im Bereich der Glassware geben wird. Google selbst hat zwar schon einige interessante Ideen für mögliche Dienste. Doch das volle Potenzial von Google Glass wird sich erst nach und nach und mit reger Beteiligung von Entwicklern entfalten.

Denn wie bei Smartphones und Tablets, durch die das große Ökosystem der mobilen Plattformen entstanden ist,  zeichnet sich dank Google Glass das nächste große Developer Ökosystem am Horizont ab. Und weil im Herzen des Google Glass OS ein Android-Betriebssystemkern schlummert (von Google CEO Larry Page gerade bestätigt), dürfte die Umstellung für Mobile Entwickler ein Kinderspiel sein.

Im Moment kann man wild drauf los spekulieren, denn die Tatsache, dass man erstmalig einen buchstäblich tragbaren Computer dabei haben kann, der sich ohne Hände bedienen lässt, hat das Potenzial die Art und Weise, wie wir mit Technologie interagieren, von Grund auf zu revolutionieren. Entsprechend groß war die Begeisterung bei der Vorstellung von Google Glass auf Googles Entwicklerkonferenz I/O, obwohl sicher die wenigstens anwesenden damals direkt das schlummernde Potenzial in vollem Umfang erkannt haben.

Kontextbasierte Dienste

Inzwischen wissen wir aber mehr und können uns direkt viele Uses Cases vorstellen. Die offensichtlichen Dinge sind dabei ortsbasierte Live-Informationen: Abfahrtzeiten von U-Bahnen, Staumeldungen, Flugverspätungen, Routenplanung, etc.

Das Zauberwort, das Glassware-Dienste aber noch attraktiver macht, ist „kontextbasiert“. Das bedeutet, das ein Service oder eine App in ihrer Dienstleistung über den location-based-Aspekt hinausgeht. Stattdessen erhält der Nutzer kontextbasierte Echtzeit-Informationen: Das Device berücksichtigt meine jeweils spezifische Ausgangssituation sowie meine Interessen und Vorlieben – und passt die Infos eines Dienstes darauf an.

Denkbare Anwendungsmöglichkeiten und Ideen in den bereichen Unterhaltung, Bildung, Gesundheit/Medizin, Kundenservice oder Sicherheit/Militär gibt es viele:

  • im Fußballstadion bekomme ich automatisch „Brillen“-Wiederholungen der letzten Spielszene angeboten
  • im Hörsaal blenden sich vom Professor vorher angefertigte Bulletpoints und Schaubilder in die Vorlesung ein
  • beim Joggen erhalte ich detaillierte Infos zu Strecke, Fitnessgrad und anderen relevanten Daten
  • im Restaurant gibt’s auf Wunsch einen Blick auf die Zubereitung meines Essens
  • im Brandfall führen mich On-Screen-Anweisungen sicher aus dem Gebäude
  • eine Software für die Erkennung von Zeichensprache ermöglicht eine Unterhaltung mit taubstummen Personen
  • ein Personal Shopping Assistant erledigt für mich mit Google Glasses bestückt die nervigen Weihnachtseinkäufe – und ich muss lediglich ab und an einen Blick auf die zur Auswahl stehenden Artikel werfen
  • Vielleicht erleben sogar die QR-Codes eine späte Renaissance: Anstatt umständlich das Smartphone zum Einscannen rauszuholen, geht das mit der Brille natürlich viel schneller.

Ja selbst der Aufbau eines Ikea-Regals könnte dank Unterstützung eines Service-Mitarbeiters, der sieht, was ich sehe, deutlich stressfreier vonstatten gehen. Ein solcher Echtzeit-Support lässt sich natürlich auch auf unzählige andere Branchen anwenden.

Und auch der gerade aufkommende „Quantified Self“-Trend, also die „Miss dich selbst“-Bewegung, könnte dank Google Glass so richtig durchstarten. Nicht nur kann jeder, der möchte, so einfach wie nie zuvor seinen Alltag dokumentieren.

Oder gehen wir einen Schritt weiter: Was wäre, wenn wir den Tag einer anderen Person miterleben könnten? Denn natürlich ist es denkbar, dass Leute mit Google Glass ihren Video-Feed anderen zur Verfügung stellen – möglicherweise gegen Bezahlung.

Und natürlich wissen wir, dass Sex und Pornografie zu den beliebtesten Themen im Web zählen. Welche Möglichkeiten Google Glass hier bietet, muss ich wohl nicht weiter skizzieren…

Marketing Revolution

Und dann wäre da natürlich noch die Werbung, für die sich – obwohl im Moment noch von Google verboten – ein neues Universum der Möglichkeiten eröffnet – ebenfalls kontextbasiert. Man stelle sich beispielsweise vor, auf Plakatwänden oder Litfaßsäulen sehen wir in Zukunft auf unsere persönlichen Vorlieben angepasste Werbung! Hier gibt es momentan natürlich noch die Einschränkung, dass die Einblendungen von Google Glass nur einen Teil des menschlichen Sichtfeldes einnehmen können. Doch auch hier dürfte mit der Zeit mehr möglich sein. Und welches Unternehmen würde nicht gerne solche Anzeigen mit ultimativer Personalisierung schalten? Klar: Dann braucht man natürlich auch einen Google Glass Adblocker. 

Mobile-Ketten ablegen

Der Ansporn für Entwickler muss sein, die Smartphone- und Tablet-Ketten abzulegen. So wie sie während der mobilen Revolution die Desktop-Ketten abgelegt haben, müssen sie in Zukunft erneut ihren Horizont erweitern und Dienste und Problemlösungen erdenken, die nur mit Google Glass praktikabel umgesetzt werden können. So können neue Geschäftsmodelle entstehen – das Potenzial ist riesig. Allerdings sollte es sich bei kommender Glassware um mehr handeln als die x-te Iteration eines schön anzusehenden, aber wenig praxistauglichen Augmented-Reality-Konzepts.

Zugegeben: vielleicht wird es erst einige Versionen von Google Glass brauchen, bis es ein wirklich reifes Produkt ist. Neben dem stolzen Preis von 1.500 Dollar ist derzeit vor allem die Sprachsteuerung die größte Hürde. Angesichts der nach wie vor mangelnden Treffsicherheit von Spracherkennungssoftware, ist man einfach schneller, wenn man Befehle oder Suchanfragen händisch ins Smartphone oder Tablet eintippt. 

Letztendlich kommt es nur auf einen entscheidenden Faktor an: den Konsumenten. Denn nur bei einer angemessenen Nachfrage hat das Produkt eine Chance auf Dauer erfolgreich zu sein. 

Doch sobald die Brille mit wirklich innovativen Diensten und Apps aufwarten kann, wird sich zumindest der Einwand Nummer eins – „wer will schon in der Öffentlichkeit mit so einem Ding rumlaufen?“ – ganz schnell in Luft auflösen.

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