Die Netzneutralität mit Füßen treten – Telekom sitzt Shitstorm aus [Kommentar]
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Ab dem 2. Mai müssen Neukunden der Telekom mit der Tempodrosselung ihrer Surfgeschwindigkeit rechnen, sobald ihr Datenvolumen aufgebraucht ist. Derzeit geht man beim großen Magenta-T davon aus, dass diese Limitierung „technisch nicht vor 2016“ umsetzt.

Bisher kannten eigentlich nur Smartphone-Nutzer dieses das Problem: Das Inklusivvolumen ist aufgebraucht und es geht nur noch im Schneckentempo weiter. Das fühlt sich dann ein wenig wie surfen in den 90ern an: klick … warten … klick … warten …

Begründet wird die Datendrosselung seitens der Telekom mit einem „rasanten Datenwachstum“ und dem notwendigen Ausbau der Netzarchitektur. Klar, so etwas kostet viel Geld, vermutlich hohe Millionenbeträge. Doch es kommt auch darauf an, wie man Netzausbau definiert. Wie Urs Mansmann überzeugend argumentiert, sind die Telekom-Argumente jedoch teils fadenscheinig. Für die angegebenen 80 Milliarden Euro, die laut Telekom der Netzausbau kostet, bekäme jeder deutsche Haushalt eine Glasfaserleitung mit 200MBit/s Downloadrate. Will man aber sicherstellen, dass angesichts des steigenden Datenaufkommens in den nächsten Jahren, eine Ausbremsung der Kunden aufgrund von Engpässen verhindert wird, ist eine deutlich geringere Summe notwendig. Trotzdem will die Telekom diesen Umstand nutzen, um den Markt und die Tarife nach ihrem Willen umzubauen.

Vor allem: Was nützt uns eine besser ausgebaute Internet-Infrastruktur, wenn das heimische Internet ab einem gewissen Zeitpunkt nur im Schneckentempo funktioniert?

Keine Drossel für Telekom-eigene Produkte

Die achso rasant wachsenden Datenmengen spielen für die Belastung der Netzarchitektur bei Telekom-eigenen Diensten wie beispielsweise das hauseigene IP-Fernsehen Entertain oder Sprachtelefonie über den Telefonanschluss nur eine untergeordnete Rolle. Denn für diese Dienste macht die Telekom natürlich eine Ausnahme und nimmt sie von der Bandbreitendrosselung aus.

Natürlich ruft das den Unmut von konkurrierenden Streaming-Anbietern hervor, deren Kunden ab einem gewissen Zeitpunkt keine Filme mehr sehen könnten, weil die Bandbreite nicht mehr ausreicht. Viele sehen deswegen zurecht die Netzneutralität verletzt. Diese besagt: alle Daten müssen gleich schnell durchs Internet transportiert werden – egal ob sie kommerziell von einem IT-Konzern verschickt werden oder von privat.

Der seit Tagen anhaltende Shitstorm war die Folge: Von DROSSELKOM war die Rede, von kastriertem Internet. Ein 18jähriger Abiturient hat bereits eine Petition gegen die Pläne der Telekom gestartet. Über 48.500 Unterstützer haben bis dato unterschrieben. 

Was eine Drosselung für den Kunden in der Praxis bedeuten kann, verdeutlich die Website drossl.de sehr anschaulich. So führt einem das Projekt von OpenDataCity vor Augen, was beispielsweise mit einer VDSL 25 Flatrate passiert:

Bei voller Nutzung wird Ihr Internetzugang bereits nach 18 Stunden 12 Minuten im Monat gedrosselt.

Die tatsächliche durchschnittliche Geschwindigkeit Ihres Zugangs beträgt somit nur 0,989 Mbit/s.

Sie können pro Monat maximal 317 GB übertragen (Ungedrosselt wären es 8026 GB)

Die Drosselung schränkt Ihren Internetzugang in seiner wichtigsten Funktionalität ein (Datenübertragung) von 100% runter auf 1,5% und macht ihn damit funktional kaputt.

Das sind eindrucksvolle Zahlen. Von einer Flatrate würde ich hier nicht mehr sprechen wollen. OpenDataCity hat darüber hinaus ein anschauliches Video ins Netz gestellt, das zeigt, was eine Drosselung auf 384 kbit/s im Downstream beim Laden einer Seite bedeutet – passenderweise mit www.telekom.de:

Telekom-Drossel mit 384 kbit/s from yetzt on Vimeo.

Politik schaltet sich ein

Natürlich hat auch die Politik den Drosselkom-Shitstorm für sich entdeckt und gibt sich volksnah empört. So sprach sich zum Beispiel  Vizekanzler Phillipp Rösler gegen die Pläne der Telekom aus und bemängelte mögliche Nachteile für Mitbewerber. Verbraucherministerin Ilse Aigner legte im Gespräch mit der BILD nach:

Anscheinend steht die Telekom auf der Leitung – sonst würde sie erkennen, dass ihr neues Geschäftsmodell ein klassischer Rohrkrepierer zu werden droht. Die Telekom darf ihre Kunden nicht vor den Kopf stoßen.

Die EU-Kommission sieht hingegen keinen Handlungsbedarf. EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes sagte gegenüber der BILD, die Kunden sollten „mit den Füßen abstimmen“.

Wir hoffen, dass die Kunden dies auch tatsächlich tun werden. Denn am meisten Sorge bereitet uns tatsächlich der Aspekt der Netzneutralität. Droht uns ein Zwei-Klassen-Internet? Ein Internet für Wohlhabende, deren IP-Fernsehdaten stets ungebremst durchs Netz jagen und die sich nach einer Drosselung das „schnelle Internet“ wieder zurück kaufen können? und ein Internet für diejenigen, die nach der Drosselung in Ermangelung finanzieller Mittel nur noch zusehen können, wie die Daten zahlungskräftiger Kunden durchs Netz rasen, während die eigene E-Mail mit Foto im Anhang eine Stunde Versandzeit benötigt.

Telekom sitzt Shitstorm aus

Die Telekom selbst spielt diesen Aspekt herunter. Konzernsprecher Blank hielt die Empörung über die geplante Bandbreitendrosselung in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk heute morgen nur für ein vorübergehendes Phänomen:

Na ja, dass eine Preiserhöhung – und sei sie noch für so eine kleine Kundengruppe wie in unserem Fall – nicht besonders gut ankommt, hat uns nicht wirklich überrascht. Zudem befinden wir uns natürlich im Vorwahlkampf, in dem Politiker dankbar jedes Thema aufgreifen. Ich denke, für richtige Entscheidungen sollte man schon einige Tage Medienaufregung aushalten können.

Heißt im Klartext: Wir werden den aktuellen Shitstorm schön aussitzen, warten bis sich die Lage beruhigt und dann unbeeindruckt weiter mit unseren Plänen machen. Auch das Thema Netzneutralität stößt bei Herrn Blank auf taube Ohren:

Ich glaube, in dieser Debatte wird Netzneutralität teilweise mit einer quasi Gratis-Internetkultur verwechselt. Die Telekom steht für das freie und offene Internet, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Reguläre Internetdienste werden diskriminierungsfrei behandelt, das gilt für unsere Dienste genauso wie für alle anderen.

Und später offenbart Blank, dass Netzneutralität offensichtlich das ist, was man daraus macht:

Die Netzneutralität besagt, dass das Internet frei und offen sein soll und die Kunden sämtliche Dienste nutzen können sollen. Das tun sie. Die Netzneutralität besagt nicht, dass das kostenlos zu erfolgen hat.

Der Kern des Begriffs, der der Neutralität, ist offenbar aus dem Blickfeld geraten. Denn Netzneutralität ist die wertneutrale Datenübertragung im Internet. Allerdings ist es nicht wertneutral, wenn Telekom-eigene Dienste immer mit voller Geschwindigkeit erhältlich sind, während andere nach Inkrafttreten einer Drosselung nur elendig langsam und faktisch unbrauchbar verfügbar sind. Offen und frei ist das schon mal gar nicht. Neben dem gesellschaftlich-sozialen Aspekt gibt es auch einen nicht zu verachtenden wirtschaftlichen Aspekt, wie Christof Kerkmann auf handelsblatt.com anmerkt:

Gleichzeitig verstößt die Telekom gegen die Idee der Netzneutralität. Dieser Regulierungsgrundsatz sieht vor, dass die Telekommunikationsanbieter alle Daten gleich behandeln. Er ist seit den Anfängen des Internets ein Garant für Wettbewerb und Innovationen in der digitalen Industrie, weil jedes Unternehmen seine Dienste ohne Hürden anbieten kann. Mit seiner Pseudo-Flatrate schafft die Telekom auch diesen Grundsatz mehr oder weniger heimlich ab.

Rationierung des Internets?

Dass sich hier weitere beängstigende Szenarien entwerfen lassen – vor allem, wenn andere Provider ebenfalls den Telekom-Weg einschlagen – scheint Telekomchef Blank völlig entgangen zu sein. Denn das Beispiel des Zwei-Klassen-internets lässt sich noch verschärfen: Müssen wir angesichts der Tarifpläne davon ausgehen, dass sich in Zukunft nur noch entsprechend vermögende Familien das „richtige“, das „schnelle“ Internet leisten können, während weniger gut betuchte Familien den häuslichen DSL-Zugang rationieren müssen? Gibt es in ferner Zukunft neben den gemeinnützigen Tafeln für kostenlose Mahlzeiten auch Tafeln für kostenloses, schnelles Internet?

Bleibt zu hoffen, dass die Kunden weiter Sturm laufen und dass das Magenta-T seine Tarifpläne noch einmal überdenkt. Wenn nicht, gibt es ja immer noch die deutschen Regulierungsbehörden, die den geplanten Pseudo-Flatrates ein Bein stellen könnten.


Bildquelle Aufmacherfoto: CC BY-SA 2.0 secretlondon123 / John F. Nebel / metronaut.de

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