Ehssan Dariani – vom Lecker Bäcker zum studiVZ-Millionär zum Provocateur
Kommentare

Irgendwo in Berlin-Mitte, da wo sich erfolgshungrige Startups mit erfolgreichen Investoren in den Cafés das gleiche WLAN teilen, treffe ich den studiVZ-Gründer Ehssan Dariani. Er ist Anfang dreißig, ein fransiger Vollbart umwuchert sein jugendliches Gesicht. Während er in seinem Minztee rührt, steche ich ins Wespennest: „Was ist mit dem einstigen Erfolg von studiVZ?“, will ich wissen.

Ehssan richtet sich auf und holt zum Rundumschlag aus. Er wettert gegen den Holtzbrink Verlag, der studiVZ 2007 übernommen hat, und von dem er sich betrogen fühlt. Er poltert gegen die angebliche deutsche Elite und bezieht sich dabei auf das Buch „Die kaputte Elite“ von Benedikt Herles, die nur angepasste Schnösel hervorbringt, und rechnet mit der angeblich so heilen Berliner Startup-Welt ab. Eine Welt, der er selbst angehört und die ihn reich gemacht hat.

Was wurde aus studiVZ?

Ich lasse ihn zunächst toben und hake dann erneut nach: „Warum ist studiVZ nicht mehr erfolgreich – was ist passiert?“. Schließlich bekomme ich eine überraschend simple Antwort:

„Stell dir vor, du kaufst die Beatles und tauscht John Lennon gegen einen hervorragenden Musiker aus, der ein exzellentes Diplom an einer Musikhochschule absolviert hat – würde das funktionieren? Es fehlten die neuen Ideen“.

Ehssan blieb nach der Übernahme zwar als Manager beim Holtzbrink Verlag, wurde aber nur wenige Monate später rausgeworfen. Das schmerzt. Ist aber ein zweistelliger Millionenbetrag auf dem Konto kein guter Trost?“, frage ich ihn. „Du bist schließlich jung und reich“.

Seine Mimik entspannt sich, doch sein Blick bleibt durchdringend: „Ich bin in keiner reichen Familie aufgewachsen, wir sind während des Ersten Golfgkrieges aus dem Iran geflohen“, sagt der gebürtige Iraner. Er erinnert sich an die Bomben, die über seiner Heimatstadt abgeworfen wurden und erzählt von der abenteuerlichen Flucht aus dem Iran.

Kindheit und Jugend in Kassel

Aufgewachsen ist Ehssan im nordhessischen Kassel. Er ging dort zur Schule und engagierte sich schon früh politisch. Er sei schon immer angeeckt und habe Menschen mit ihren Schwächen konfrontiert, sagt er. Bei manchen Lehrern war er deshalb unbeliebt und blieb auch unter seinen Mitschülern eher ein Außenseiter. Seine ersten Schritte in der Berufswelt hat Ehssan, wie so viele andere auch, in verschiedenen Nebenjobs gemacht.

Er habe zum Beispiel am Kasseler Bahnhof beim Lecker Bäcker gearbeitet, erzählt er mit einem Lächeln. „Ich kann auch Anweisungen befolgen, so ist es nicht.“. Aber für einen normalen Job sei er nicht geschaffen. Deshalb sei er auch früh von Zuhause ausgezogen, fügt er hinzu. Sein Blick wandert aus dem Fenster.

Provocateur

Heute ist Ehssan in der Berliner Startup-Szene bekannt wie ein bunter Hund und für seine scharfen Kommentare bei Facebook und Co. berüchtigt. Deshalb haben wir uns für unser Treffen einen ruhigen Ort ausgesucht. Wir sitzen in der hinteren Ecke eines Cafés. Zwei Tische weiter hockt eine junge Frau, die gelangweilt auf ihr MacBook starrt. Sie interessiert sich nicht für unsere Unterhaltung, die durch das Lokal schallt. Es wird langsam dunkel und wir bestellen die zweite Runde Tee.

Während Ehssan die Minzblätter aus seiner Tasse fischt, frage ich ihn nach der deutschen Elite. Warum hat er ausgerechnet in St. Gallen studiert, einem Ort, der als Talentschmiede für Manager der deutschen Wirtschaft bekannt ist. Ein Bootcamp für die Nachwuchs-Elite. „Wie konntest du dir das überhaupt leisten, wenn deine Familie nicht reich war?“, frage ich.

Die Studiengebühren selbst seien in der Schweiz nicht so teuer, die Lebenshaltungskosten hingegen extrem hoch, erklärt Ehssan. „Ein Döner kostet rund sieben Euro“, rechnet er mir vor. Von seinem ersten studiVZ-Geld, damals 200.000 Euro, konnte Ehssan schließlich die Studienschulden in Höhe von 20.000 Euro tilgen. Doch bis dahin war es für ihn ein weiter Weg.

ehssan dariani

studiVZ war seinerzeit die deutsche Antwort auf Facebook. Screenshot: http://www.studivz.net/Default

Als er nach Berlin kam, schlief er zunächst für ein Jahr bei einem Freund auf der Couch, hatte keine eigene Wohnung und kratze mittags sein Kleingeld zusammen, um sich davon etwas zu Essen zu kaufen. Ein Schicksal, das Ehssan mit vielen Gründern in Berlin teilt. Nur bleibt bei vielen Startup-Kollegen der Erfolg aus – bei Ehssan nicht. „Der Erfolg kam aber nicht über Nacht, es ging langsam los.“, erinnert er sich.

Vom einstigen Couch-Gast, hat es Ehssan innerhalb weniger Jahre zum Startup-Millionär geschafft und investiert nun zum Beispiel in Immobilien in Berlin Mitte. Er baut unter anderem seine eigene Wohnung um und plant einen Hühnerstall auf dem Dach seines Appartments: „Der ist beheizt und kostet nur 1.500 Euro.“ Ich schaue ihn fragend an – Ehssan lacht und schiebt nach: „Da kann man morgens frische Bio-Eier sammeln.“

Political Activist

„Klingt nach einem entspannten Leben“, füge ich als Randnotiz hinzu. Dann erzählt mir Ehssan aber von seinen Startup-Projekten im Nahen Osten, im Iran und in Israel. Er wolle zwischen Startups vermitteln, sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen den verfeindeten Ländern und setzte sich für einen offenen Dialog ein. „Iranische Jugendliche sind viel moderner als man es im Westen vermutet, es findet ein schneller Wandel statt.“ Für Ehssan wird der Konflikt der beiden Regierungen bald vorbei sein. Darin sieht er ein großes Potenzial für junge Gründer.

Ehssan engagiert sich auch politisch, organisiert seit der Grünen Bewegung Demonstrationen und mischte sich ein. Unangenehm, laut und provokativ. Ehssan erzählt mir, dass er Larry Flynt, den Gründer des Porno-Magazins Hustler, inspirierend findet. Larry Flynt habe eine politische Meinung und äußere diese auf unangenehme Weise, provokativ und laut – ohne Angst um das Image. In Ehssans Email-Signatur steht unter seinem Namen „Entrepreneur. Intellectual. Activist“. Ich muss gestehen, als ich das zum ersten Mal laß, runzelte ich die Stirn. Nun verstehe ich langsam, was er damit meint.

Nachdem uns der Kellner pünktlich zum Ladenschluß die Rechnung bringt, drehen wir noch eine schnelle Runde durch Ehssans Kiez. Er will mir zeigen, wo er wohnt: schicke Neubauten umringt von typischen Altbauwohnungen, einen Steinwurf vom Rosenthaler Platz entfernt, wo die digitale Avandgarde gerade am neuen studiVZ oder an sonst irgendeiner Idee arbeitet.

Ehssan verabschiedet sich und steigt in seinen Wagen. Er wolle noch eine Runde ins Fitnessstudio gehen – ins Soho House, wo sich unter anderem die Startup-Szene trifft. Ich steige auf mein Fahrrad und rumpel über die verhassten Berliner Pflastersteine nach Hause. Am Rosenthaler Platz schaue noch mal in die Fenster der hell erleuchteten Cafès: Junge Gründer sitzen in inniger Eintracht zusammen, netzwerken und polieren das eigene Image. Kontroverse Persönlichkeiten findet man hier selten, aber vielleicht ist „provozieren“ auch nur ein Luxus, den sich nur wirklich erfolgreiche Gründer wie Ehssan Dariani leisten können.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -