Einscannen und digital Abschied nehmen – Grabsteine mit QR Code
Kommentare

Die Zeiten ändern sich. Dass es sich bei diesem Satz nicht einfach nur um eine Floskel handelt, erkennt man daran, dass vor allem das Web in den letzten Jahren zahlreiche gesellschaftliche Gepflogenheiten aufgebrochen und durchlöchert hat. Die Beispiele sind vielfältig. Der Begriff Privatsphäre wird von einer jungen Generation, die mit Facebook & Co. aufwächst, völlig anders verstanden als von Menschen über 50. Auf Partnersuche begeben sich heutzutage immer mehr Menschen im Netz. Und auch das Trauern über verstobene Angehörige beginnt sich allmählich dem Netzzeitalter anzunähern.

Schon vor einiger Zeit haben wir hier im Beitrag „Tod und Trauer im Internet“ über virtuelle Friedhöfe und das Geschäft mit dem Abschied berichtet.

Eine neue Form der Trauerbewältigung will jetzt friedhofskerze.de anbieten: Grabsteine mit QR Code. Über den Barcode-Scanner auf dem Smartphone sollen Grabbesucher so zu einer „individuell gestalteten Trauerseite mit Infos, Bildern und einem digitalen Kondolenzbuch“ gelangen. Den 15 Zentimeter hohen und im Durchmesser 20 Zentimeter messenden Grabstein aus Granit gibt es in zwei Varianten: mit per Laser graviertem QR Code (150 Euro) und mit einem QR Code aus Porzellan (140 Euro). Die Gestaltung der Trauerseite übernimmt die verantwortliche Firma KULTexpress auf Wunsch für 50 Euro ebenfalls.

Verlagern wir also in Zukunft das Trauern – wie so vieles andere – ebenfalls ins Netz. Mir persönlich als „heavy smartphone user“ erscheint es allerdings derzeit noch etwas seltsam, vor einem Grab zu stehen und den QR Code auf dem Grabstein abzuscannen. Doch die wenigsten wissen: Auch die Trauerkultur entwickelt sich weiter. Als im 19. Jahrhundert die Zeitung zum Massenmedium wurde, hielt man anfänglich die Praxis Todesanzeigen aufzugeben für geschmacklos.

Dass es heute jedoch für die virtuelle Trauer einen Markt gibt, beweist die Tatsache, dass sich Trauerforen, virtuelle Kondolenzbücher sowie Cyber-Friedhöfe großer Beliebtheit erfreuen. Auf Websites wie strassederbesten oder internet-friedhof.de kann man virtuelle Gräber anlegen, auf denen Blumen, Kerzen und Urnen abgelegt werden können. Die US-Seite angelsonline bietet sogar einen Cyber-Friedhof für verstorbene Haustiere an. Der vielleicht größte Vorteil dieser Trauerformen: Sie sind rund um die Uhr geöffnet, der Friedhof hingegen schließt nachts seine Pforten.

Ganz neu ist die Idee mit den QR Code Grabsteinen jedoch nicht. Wir sind auf ein Interview in der Frankfurter Rundschau aus dem April 2012 gestoßen. Dort spricht man mit Steinmetz Andreas Rosenkranz, der schon damals QR Codes in Grabsteine meißelte. Die Dienstleistung sei jedoch bei Friedhofämtern nicht sonderlich beliebt. Warum fragt die FR. Die Antwort: „Sie haben Angst, dass jemand auf AC DC’s ‚Highway to Hell’ verlinken könnte.“

Wenn Ihr also demnächst jemanden auf dem Friedhof seht, der sich mit seinem Smartphone oder gar Tablet tief über einen Grabstein beugt, will derjenige nicht unbedingt die Blumen in Großaufnahme fotografieren. Es könnte sich stattdessen um einen „Early Adopter“ handeln, der digital Abschied nimmt.

Denn Ihr wisst ja: Die Zeiten ändern sich.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -