Facebook Graph Search – die Milliarden-Menschen- oder Milliarden-Dollar-Suchmaschine?
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Graph Search ist keine Websuche! Es war Mark Zuckerberg extrem wichtig diesen Aspekt des gestern vorgestellten Facebook-Features zu betonen. Denn beim Social Network weiß man ganz genau, dass man mit der reinen Websuche von Google nicht konkurrieren kann (zumindest noch nicht) und auch nicht will (jedenfalls nicht gleich). Niemand wird Facebook aufrufen, um eine Websuche anzustoßen, sagte Zuckerberg gestern selbst.

Also was steckt hinter dem Graph Search? Hinter dem für User auf den ersten Blick nützlichen Feature, mit dem man künftig sein persönliches soziales Netzwerk besser durchsuchen können soll? Denn eins ist klar: Aussagen wie „neue Freunde, Orte und Dinge entdecken“ oder „das soziale Netzwerk wieder zu seinen Wurzeln zurückführen“ sind zwar hehre Ziele und werden, insofern verwirklicht, zu einer bisher ungekannten Personalisierung von Suchergebnissen führen. Doch damit kratzt man in der Analyse nur an der Oberfläche.

Monetarisierung: noch nicht, aber bald!

Vor allem ergibt sich durch den Graph Search die Möglichkeit, die riesigen, aus dem Open Graph stammenden Datenmengen Facebooks sinnvoll nutzen zu können. Und sinnvoll bedeutet, die Daten zu monetarisieren.

Auch für Martin Szugat, Facebook-Experte und Geschäftsführer der Social-Media-Agentur SnipClip, ist Graph Search die logische Weiterentwicklung von Open Graph. „Mit Open Graph bereicherte Facebook sein soziales Netzwerk um ein semantisches Netzwerk. Pro Tag erreichen Facebook eine Milliarde Open Graph-Meldungen, welche Auskunft über das Nutzerverhalten und Aktivitäten auf und auch außerhalb von Facebook geben. Mit Graph Search folgt jetzt die semantische Suche. Statt Volltextsuche versteht die Graph Search Fragen in natürlicher Sprache und erinnert damit stark an Wolfram Alpha oder Siri“, erklärt Szugat.

Selbst uns Journalisten hat der Graph Search im Visier. Der Facebook-Blogeintrag „How Journalists Can Use Facebook Graph Search for Reporting“ preist Graph Search bereits seit Dienstag als „Rolodex of 1 billion potential sources“ an. Die Message ist klar: Mit dem Graph Search können Journalisten ergiebigere Suchen anstoßen, neue Quellen auftun und von nicht-Journalisten besser auf Facebook gefunden werden. Dank der unglaublich umfangreichen Datenmengen, die Graph Search durchsuchen kann, positioniert es sich im Handumdrehen auch als Konkurrent von Flickr und Twitters Echtzeitsuche.

Graph Search Beispiel
Um möglichst nutzerfreundliche Ergebnisse auszuspucken, soll der Graph Search dem User eine Reihe von Filtern anbieten.

Wie Zuckerberg gestern zu Protokoll gab, sei die kommerzielle Nutzung des Graph Search zwar bisher nicht geplant. Doch „im Laufe der Zeit könnte daraus ein Geschäft werden“, wird er weiter zitiert. Ich denke, es passiert eher früher als später. Denn schließlich ist Facebook seit einigen Monaten an der Börse und versucht mehr denn je, das eigene Potenzial zu monetarisieren. Und dieses Potenzial sind die User, ihre Netzwerke, ihre Vorlieben. Alles zum Ausdruck gebracht mit Likes und Shares.

Für Martin Szugat ist die Monetarisierung des Graph Search ebenfalls nur noch eine Frage der Zeit: „Im Vergleich zu Google, welches keinen Zugriff auf den immensen und schnell wachsenden Datenschatz von Facebook hat, indiziert Facebook sowohl das öffentliche als auch das private Netz und bietet so seinen Nutzern eine personalisierte und soziale Suche an“, erläutert er im Gespräch mit WebMagazin. „Der nächste logische Schritt wird personalisierte und kontextbasierte Werbung im Umfeld der Graph Search sein und damit vor allem im mobilen Umfeld ein enormes Marktpotential beweisen.“

Angriff auf Google

Solch eine Richtungsänderung könnte das Social Network in Zukunft grundlegend verändern. Der Umbau der Suchfunktion ist ein direkter Angriff: auf eine Vielzahl von Diensten, aber vor allem auf Google. Denn es trifft den Suchmaschinenriesen genau da, wo es ihm am meisten weh tut und wo Google bisher nicht den erhofften Erfolg vorweisen kann. Gerade die Integration des Social Graph in Suchergebnisse und die damit verbundene Monetarisierung war von vornherein eines der Ziele, die Google mit Google+ erreichen wollte. Doch trotz solider Mitgliederzahlen verfügt Google+ nicht mal annähernd über die Mitgliederzahlen von Facebook – und damit auch nicht über derart umfangreiche persönliche Daten.

Darüber hinaus könnte Facebook mit einem Schlag einer ganzen Palette von Online-Dienstleistungen erhebliche Konkurrenz machen: von Restaurantsbewertungsportalen über Online-Partnervermittlungen bis hin zu Jobbörsen. Alle Portalbetreiber, die ihr Geschäft damit machen, dass auf ihrem Portal Nutzer Empfehlungen für Nutzer abgeben, werden die weitere Entwicklung des Graph Search mit Argusaugen beobachten.

Welchen Stellenwert das Projekt bei Facebook hat, unterstreicht die Tatsache, dass laut Wired rund 50 Entwickler an dem Projekt gewerkelt haben, darunter auch die Ex-Google-Angestellten Lars Rasmussen und Tom Stocky, die das Projetk federführend betreut haben und Mark Zuckerberg ein Jahr lang jeden Freitag Rede und Antwort stehen mussten.

Datensicherheit? Wie immer …

Und was ist mit der Privatssphäre? Ein Aufschrei von Datenschützern nach der Präsentation des Graph Search war vorprogrammiert. Facebook selbst kontert Bedenken auf einer eigens angelegten Infoseite so:

Deine Privatsphäre-Einstellungen bestimmen, nach welchen Inhalten gesucht werden kann. […] Mit der Suche im Social Graph kannst du nach allen Inhalten suchen, die mit dir auf Facebook geteilt wurden. Zudem können andere Nutzer Inhalte finden, die du mit diesen geteilt hast, einschließlich Inhalte, die öffentlich sichtbar sind. Das bedeutet, dass verschiedene Personen unterschiedliche Ergebnisse sehen.

Also das alte Lied: Gefunden wird per Graph Search nur, was User öffentlich oder mit Freunden geteilt haben. Auch Zuckerberg stimmte mit ein und versuchte Facebooks Bemühen um Datensicherheit mit dem Hinweis zu unterstreichen, dass zehn Prozent der CPU-Power, die Facebook zur Verfügung steht, in die Bearbeitung von sogenannten „privacy checks“ investiert wird. Dennoch darf man gespannt sein, ob man als Facebook-Mitglied in Zukunft einfacher von anderen gefunden wird – auch von Unbekannten.

Ich bin mehr als gespannt, welche Entwicklung dieses Projekt nehmen wird. Und wer weiß: Entpuppt sich der Graph Search als mächtiges Instrument, könnte er vielleicht bei so manchem User doch Google den Rang als Suchmaschine Nummer eins ablaufen.

Quelle alle Bilder: Facebook.com

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