Facebook, ich hasse Dich, aber ohne kann ich auch nicht [Kommentar]
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2004 war ein tolles Jahr, im Radio dudelte Schnappi das kleine Krokodil, die Griechen waren wegen der Olympischen Spiele noch mächtig in Feierlaune und der Facebook-Vater Mark Zuckerberg tüftelte in Harvard zusammen mit anderen pickeligen Geeks an einer Idee: Facebook!

In den darauffolgenden Jahren meldeten sich immer mehr meiner Freunde bei Facebook an. Warum auch nicht? Damals tummelten wir uns alle mehr oder weniger halbherzig auf Portalen wie StudiVZ und Co., warum also auch nicht bei Facebook? Ich kann mich an eine Wiedersehens-Party mit alten Erasmsus-Studi-Kollegen erinnern: Ich stand mit Tabita aus Barcelona irgendwo zwischen Nudelsalat und Billig-Sangria in der WG-Küche, als sie mir vorschlug, zukünftig via Facebook in Kontakt zu bleiben.

Zwischen Nudelsalat und Einsamkeit

Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass dieses Facebook, im Gegensatz zu anderen Portalen, ein internationales Ding ist. Also meldete ich mich an und entdeckte plötzlich verschollene Freunde aus Kindertagen oder Freunde aus Amerika, mit denen ich wegen der Zeitverschiebung immer nur wenig Echtzeitkontakt hatte. Plötzlich war meine Welt voller Freunde, bunter Bilder und bestätigenden Likes. Ständig kamen neue Freunde hinzu und die Definition „Freund“ wurde großzügig aufgeweicht.

Ob Geburtstage, Hochzeiten oder Beziehungskrisen – ich blieb immer auf dem Laufenden, was in meinem Freundeskreis gerade passierte. Keine Stundenlange Telefonate mehr. Dafür mehr kurze aber knackige Chats – was für eine Zeitersparnis! Auch als ich in eine neue Stadt zog und keinen kannte, hatte ich dank Facebook immer den Support meiner Freunde und war nie allein.

Umziehen mit dem virtuellen Freundeskreis

Im Laufe der Zeit erreichten uns Facebook-User jedoch immer wieder erschreckende Nachrichten über Datenpannen und Sicherheitslücken. Wir wurden vorsichtiger und begannen, die Sicherheitseinstellungen zu suchen und unsere kleine Facebook-Welt, die wir mit viel Liebe über die Jahre aufgebaut hatten, nach außen hin abzuschotten. Zweifel an der Seriösität von Facebook wurden laut: Gehören alle meine geposteten Bilder Facebook? Auch die peinlichen aus dem Urlaub?

Nun ist Facebook ja auch schon seit einigen Monaten an der Börse und versucht mehr denn je, das eigene Potenzial zu monetarisieren. Facebooks Potenzial sind seine User, die Netzwerke, die Vorlieben, die wir anhand von Likes und Shares zum Ausdruck gebracht haben, das bin ich und das sind auch meine Freunde und deren Kinder.

Hinzu kommt die Sache mit der Mitbestimmung: Weil sich zu wenig User an den vergangenen Mitgliederabstimmungen beteiligt hatten, bestimmt Facebook fortan selbst über Regeländerungen. Von den rund eine Milliarde Usern, hätten dreißig Prozent an der Abstimmung teilnehmen müssen – das wären rund 300 Millionen Teilnehmer! Für viele ist klar, dass Facebook von vorn herein die Demokratie auf der eigenen Plattform abschaffen wollte.

Verdienst Du Geld mit meinem Freundeskreis?

Mit jeder neuen Negativ-Schlagzeile wächst die Wut mancher User und wie oft waren einige von uns kurz davor, der Plattform für immer den Rücken zuzukehren? Und wie wenige haben den Absprung tatsächlich geschafft. Facebook den Rücken zuzukehren bedeutet gleichzeitig auch, den bequemen Kontakt zum Freunden zu kappen.

Wer sich einmal abgemeldet hat, der kennt es: Das Profil wird nicht sofort abgeschaltet. Vielmehr wird eine zweiwöchige Frist aktiviert, in der man sich nicht wieder einloggen darf, sonst verfällt die Abmeldung. Die wenigsten erliegen der Versuchung, sich doch wieder einzuloggen, um schnell zu schauen, wie das neue Baby ihres besten Freundes aussieht – Like! Oder doch nicht Like?

Ein Café ist auch ein soziale Plattform

Sind wir schon so stark vernetzt, haben wir uns schon sehr daran gewöhnt mit Freunden zu chatten, Bilder, Kommentare und Videos zu teilen, dass wir uns ein Leben ohne Facebook nicht mehr vorstellen können? Könnte ich meinen virtuellen Freundeskreis auf eine andere Plattform migrieren? Aber wohin? Wie wäre es mal mit einer Migration in ein Café? Das war doch früher auch eine super Plattform. Aber dafür müsste Tabita erst aus Barcelona anreisen – zu umständlich!

Es wird uns wohl so schnell keine Alternative zu Facebook einfallen und auch andere Portale kochen nur mit Wasser. Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als Facebook besonnen zu nutzen und sich vielleicht im Alltag mehr Zeit einzuräumen, um Freunde auch mal im realen Leben zu treffen oder miteinander zu telefonieren.

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