Facebook-Studie: ein Abbild unseres Lebens? [Gastbeitrag]
Kommentare

Hast Du auch einen Account bei Facebook? Wenn ja, dann gehörst Du zu den rund eine Milliarden aktiven Nutzern, die Facebook zum größten sozialen Netzwerk der Welt machen. Viele dieser Nutzer sind auf Facebook, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, Informationen und Bilder auszutauschen, oder einen günstigen Chat und Messaging Dienst zu nutzen. Bestimmt nicht wenige nutzen Facebook auch als Zeitvertreib zum Spielen, Chatten oder (wohlwollendem) Stalken. So ist Facebook für den einzelnen User gewiss von Nutzen. Was passiert aber, wenn wir mehrere Hunderte oder sogar Tausende Facebook Nutzer zusammen nehmen, anonymisieren, abstrahieren und dann im Aggregat analysieren? Das Ergebnis ist ein Abbild unseres Lebens. 

Stephen Wolfram, Mathematiker und Erfinder von Wolfram Alpha, hat auf seinem Blog eine kürzlich erarbeitete Studie mit freiwilligen Facebook Usern vorgestellt, für die Nutzerdaten auf dem sozialen Netzwerk anonymisiert zusammengestellt und analysiert wurden. Auch wer kein großer Fan von statistischen Spierlereien ist, könnte an den Ergebnissen der Studie Interesse haben. Denn, kaum überraschend, hat sich herausgestellt, dass Facebook einen wunderbaren Einblick in unsere Gesellschaft bietet (oder in diesem Fall hauptsächlich der amerikanischen Gesellschaft).

Der Facebook-Durchschnittsnutzer

Die Statistiken zeigen den durchschnittlichen Facebook Nutzer: 30 Jahre alt mit 342 Freunden auf dem sozialen Netzwerk. Wenn man sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, zeigt die Studie auch die Wendepunkte im Leben: Mit 18 Jahren ziehen viele User um, wahrscheinlich für eine Ausbildung oder ein Studium. Mit Mitte 20 verlobt man sich und heiratet dann in den späten 20er Jahren. Ab Ende 20 und spätestens Anfang 30 werden Beruf und Finanzen zu wichtigen Themen. Die Zahl der verwitweten Facebook Nutzer beginnt ab Alter 60 zu steigen.

Neben diesen vorhersagbaren Trends lassen sich auch einige Anomalien feststellen: Beispielsweise, dass sich Teenager ab 13 Jahren schon als “verheiratet” eintragen. Das wird öfter von Mädchen als von Jungen praktiziert und soll normalerweise eine besonders enge Freundschaft ausdrücken. Ältere Frauen (ab Mitte 50) sind öfter “Single” als ihre männlichen Altersgenossen. Und ungewöhnlich viele amerikanische Facebook User scheinen Freunde in Island zu haben (dieses Ergebnis konnten auch die Autoren der Studie nicht erklären).

Eine Analyse von Facebook Freunden ist auch ergiebig: So zeigt sich zum Beispiel, dass Freunde von Usern mit vielen Freunden, selber auch viele Freunde haben. Außerdem lässt sich die Entwicklung von Freundeskreisen erkennen. Teenager scheinen im Durchschnitt drei Freundeskreise zu haben (die Autoren schlagen vor, dies sei auf Schule, Familie und die Nachbarschaft zurückzuführen). Mit zunehmendem Alter erweitern sich dann die Freundeskreise: durch die Universität, den Beruf oder Freizeitaktivitäten.

Altersverteilung

Ähnliche Schlussfolgerungen sind auch aus der Altersverteilung der Freunde zu erkennen. Besonders junge Menschen (Teenager bis zu 40-Jährige) haben vor allem Freunde in ihrem eigenen Alter. Dieser Trend ist ab Ende 20 / Anfang 30, also mit dem Einstieg ins Berufsleben, etwas weniger rigide als für Teenager, hält aber an bis in die 40er. User ab Mitte 40 haben hingegen eine viel ausgeglichenere Altersverteilung bei ihren Freunden, was man darauf zurückführen könnte, dass ihre Kinder (oder bei über 60-Jährigen ihre Enkelkinder) ein Alter erreichen, indem sie auch auf Facebook aktiv werden.

Ein letzter Bereich der Studie soll hier noch aufgegriffen werden: Die Themen, mit denen sich Facebook User auf dem sozialen Netzwerk beschäftigen. Auch hier lässt sich klar mitverfolgen, wie sich die Interessen eines Menschen im Laufe seines Lebens weiterentwickeln – einige Ergebnisse sind zu erwarten, andere überraschen vielleicht. So unterhalten sich Menschen mit zunehmendem Alter mehr über das Wetter und die Politik als über Videospiele oder andere Unterhaltungstechnologien wie Fernseher oder Gamer PC. Männer schreiben mehr über Sport und Technik als Frauen; Frauen hingegen schreiben mehr über Filme, Fernsehen und Musik. Desweiteren unterhalten sich Frauen öfter über Haustiere, Familie, Freunde, Beziehungen – und ab einem gewissen Alter (die Autoren meinen ab dem gebärfähigen Alter) auch über Gesundheit. Es stellte sich auch heraus, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter weniger über besondere Anlässe sprechen (zum Beispiel Geburtstagsglückwünsche hinterlassen), während Erwachsene wohl wieder Interesse an diesen Themen gefunden haben.

Facebook – ein Abbild unseres Alltags?

All diese Statistiken und viele mehr lassen sich in der Studie, optisch übersichtlich in Grafiken und Tabellendiagrammen dargestellt, nachlesen. Diese Studie fasziniert nicht unbedingt wegen ihrer genauen Daten und Eckpunkte, sondern vielmehr wegen ihrer fast gesamtheitlichen Darstellung unseres Alltags: Was wir machen, was uns wichtig ist und mit wem wir uns darüber unterhalten. Man fühlt sich ein bisschen wie die Archäologen, die die Ruinen in Pompeji ausgegraben haben: Hier ist unsere Gesellschaft festgehalten, quantifizierbar in Durchschnitsswerten, die ein ganz normales Leben in unserer Zeit darstellen. Unter der Annahme, dass Facebook noch ein paar Jahrzehnte lang existieren wird, wäre ein Vergleich unserer Gesellschaft im Laufe der Zeitgeschichte ein faszinierendes Projekt für die Zukunft. 

Was diese Werte aber auch zeigen, ist wie sehr soziale Netzwerke in unser Leben eingedrungen sind. Die Studie unterstreicht, wie offen wir mit unserem Privatleben, unseren wichtigen und traurigen Momenten in unserer Gemeinschaft und auch im Internet umgehen. Facebook ist somit längst kein reiner Zeitvertreib mehr, sondern auch ein substantiver (und offensichtlich aussagekräftiger) Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. 

Für die Kritiker sei angemerkt: Die Autoren haben einige verifizierbare Daten, wie zum Beispiel das durchschnittliche Heiratsalter, mit Daten des Statistischen Bundesamtes der USA (US Census Report) verglichen und eine weitgehende Übereinstimmung festgestellt.

 

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -