Gamification – vollkommen überbewertet oder effektive Strategie?
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Betreiber von Websites lassen nur wenig unversucht, wenn es darum geht, den Traffic zu steigern und mehr User auf die eigenen Seiten zu locken. Eine beliebte Möglichkeit, die Motivation der Nutzer zu steigern, ist dabei Gamification oder Gamifizierung. Diesem Prinzip folgend werden spieltypische Elemente in spielfremde Zusammenhänge eingefügt, etwa virtuelle Güter, Auszeichnungen oder Ranglisten. Für viele ist Gamification daher ein beliebtes Instrument der Kundenbindung, doch nicht jeder ist überzeugt: In einem Blogpost stellt Rich Millington von FeverBee die Effektivität der Gamifizierung in Frage.

Ein entschiedenes Problem, das nicht zuletzt die Verbreitung der Gamification begründet, sei, so Millington, dass sich die Effektivität der praktizierten Methoden kaum messen lässt. So gäbe es zwar Studien, die belegen, dass die Aktivitäten auf einer Website gesteigert werden konnten, nachdem eine Gamification-Methode eingeführt wurde, doch können die Studien nicht beweisen, dass sich die Aktivitätssteigerung tatsächlich auf die damit verbundene Promotion der Website zurückführen lässt. Auch lässt sich aus der Tatsache, dass Spielinhalte genutzt werden, nicht schlussfolgern, dass die Spiele für den Traffic verantwortlich sind. Insgesamt lässt sich mit den vorliegenden Studien also weder belegen, dass Seiten allein aufgrund von Gamification erfolgreich sind, wie Millington betont, noch, dass sie ohne Gamification erfolgreicher gewesen wären. Im Gegenteil: Häufig kann beobachtet werden, dass die Motivation der Nutzer unter den Ausgangswert vor Aktionsbeginn zurückfällt, sobald eine Aktion mit Gamification-Inhalten ausläuft.

Doch bevor man sich zu vorschnellen Urteilen verleiten lässt, muss auch ein Blick aus einer anderen Perspektive bemüht werden, um ein umfassenderes Verständnis der Gamification-Methoden und Möglichkeiten zu erhalten. Roman Rackwitz beispielsweise vertritt eine gegenteilige Auffassung bezüglich des Nutzens und der Effektivität von Gamification. Als CEO von Enginelab unterstützt Rackwitz Kunden aus Wirtschaft und staatlichen Einrichtungen bei einem erfolgreichen Einsatz der Gamification-Methoden. Dabei sei es Rackwitz zufolge zunächst einmal wichtig, zwischen den verschiedenen Arten von Spielen zu unterscheiden, denn die Gamifizierung findet nicht nur in einem virtuellen, abgeschlossenen Umfeld statt, sondern hat direkten Einfluss auf die Realität. Die Effektivität der Gamifizierung liegt dabei in der Verknüpfung psychologischer und biologischer Wissenschaften und der Spieleentwicklung, schließlich zählt das Spielen plump gesagt zu einem Grundbedürfnis des Menschen, das intuitiv in uns verankert ist. Im Grunde handelt es sich beim Spielen eigentlich immer um ein Lernen, wie Rackwitz betont. Allerdings wird dieser Lerneffekt häufig nicht als solcher wahrgenommen, da das Spielen Spaß macht. Als Beispiel führt Rackwitz gegenüber Internetworld die Aktion eines Sportartikelherstellers an, der über ein soziales Netzwerk seine Kunden dazu animiert, Laufstrecken, und –zeiten ins Internet hochzuladen, um sie mit Freunden vergleichen zu können oder auch privat zu analysieren. Durch den direkten Vergleich mit Gleichgesinnten entsteht für viele Nutzer eine zusätzliche Motivation, die einerseits das Training erleichtert und andererseits die Kunden unweigerlich an das entsprechende Unternehmen bindet. Es handelt sich also nicht immer nur um finanzielle, sondern auch um ideelle, körperliche oder andersartige Mehrwerte – also um Belohnungen im weitesten Sinne. Dass hierfür mittlerweile ein großer Markt besteht, zeigt sich nicht zuletzt auch an der Gamify Con, die am 18. Oktober in München stattfindet.

Vielleicht ist es so vor allem von dem subjektiven Empfinden abhängig, wie man die Gamifizierung bewertet. Es lässt sich nämlich bei den Studien und Berichten ein Phänomen erkennen, das häufig bei Erfolgsgeschichten auftritt. Statt über die unzähligen Lotto-Spieler zu berichten, die jede Woche erneut Lottoscheine kaufen und so im Laufe ihrer Karriere hunderte Euros verlieren, rücken die wenigen Glückspilze ins Rampenlicht, die den Jackpot knacken. Genauso erhalten diejenigen eine Plattform, die mit Gamification positive Erfahrungen gemacht haben und es gibt keine Vorträge von den Webdesignern oder Werbefachleuten, die mit ihren Projekten in der Versenkung verschwanden. Anderseits muss hier natürlich auch die Frage erlaubt sein, warum viele Spieler trotz des ausbleibenden Millionengewinns weiterspielen. Zwar kann man hier nicht unbedingt von einem Lerneffekt sprechen, doch zeigt es, wie effektiv spielerische Elemente die Kunden binden können.

So muss man letztlich also davor warnen, Gamification bedenkenlos einzusetzen. Sicherlich gibt es viele Fälle, in denen Aktionen sinnvoll sind, doch ebenso scheint es möglich, dass sie nichts erreichen oder langfristig sogar die Nutzerzahlen drücken. Wie immer gilt, dass die Spieleinhalte gut gestaltet sein müssen und wohldurchdacht angewendet werden sollten.

 

 

Aufmacherbild: Green road sign with a blue sky gradient background Foto via Shutterstock / Urheberrecht: JeremyWhat

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