Google Chromecast: Pros, Contras und Alternativen
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Gestern hat Google mit Chromecast einen kleinen Streaming-Stick vorgestellt, der ähnliche Funktionen wie AirPlay via Apple TV verspricht. Filme und Musik können sowohl von Android-Geräten als auch von iPhone und iPad kabellos an den Fernseher übertragen werden. Angeschlossen wird das USB-Stick-förmige Gadget über HDMI, seine Stromversorgung erfolgt via USB.

Das verlockenste Merkmal des Chromecast (UPDATE: seit März 2014 ist dieser jetzt auch in Deutschland erhältlich) ist auf den ersten Blick jedoch der Preis: Er kostet gerade mal 35 US-Dollar. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Preis dann eins zu eins in Euro umgerechnet, sobald der Stick hierzulande auf den Markt kommt. Wann und ob dies der Fall sein wird, hat Google allerdings noch nicht verraten. In den USA verkauft sich Chromecast offenbar wie warme Semmeln, was vor allem an einem dreimonatigen Zugang zum Video-Streaming-Anbieter Netflix liegt, den Chromecast-Käufer im Rahmen einer Promoaktion gratis erhielten – bis gestern zumindest, denn inzwischen wurde die Aktion beendet. Google erklärte gegenüber der Los Angeles Times, die Nachfrage sei „überwältigend“.

Doch es gibt mehrere Haken bei Chromecast

Okay, der Preis ist also schon mal ein starkes Argument für den Chromecast. Wir haben uns das Gerät und die Spezifikationen mal etwas genauer angesehen und uns Gedanken gemacht. Dabei sind wir auf einige Haken, ja Schwachstellen, gestoßen. 

Die Inhalte sind begrenzt

Was man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht realisiert: Chromecast streamt keine Inhalte von heimischen Geräten auf den Fernseher. Derzeit bekommt Chromecast lediglich von einem mobilen Gerät den Befehl, ein gewünschtes Video oder Musikstück aus dem Netz zu ziehen und abzuspielen. Das heißt im Klartext: Die Inhalte kommen aus dem Netz, aus der Cloud. Im Gegensatz zu Apples AirPlay streamt Chromecast also keine Inhalte von Gerät zu Gerät. Letztendlich ist Chromecast damit eine Settop-Box für Online-Inhalte im Mini-Format. Wer denkt, er könnte seine lokale Filmdatenbank kabellos vom Androiden oder iPhone auf seinen HDTV feuern, hat also falsch gedacht.  

Der Umfang der verfügbaren Inhalte ist derzeit noch begrenzt. Momentan werden in den USA die Dienste Netflix, YouTube, Google Play Movies & TV und Google Play Music unterstützt. In Kürze soll sich die App Pandora dazugesellen. Welche Services bei einem Marktstart in Deutschland an Bord sind, steht noch in den Sternen.  

Einen Vorteil hat die Tatsache, dass der Chromecast-Stick das Streamen der Inhalte übernimmt und das Smartphone lediglich die Fernbedienung ist: Das Telefon bleibt so frei zum Surfen, Nachrichten versenden oder – wer hätte es gedacht – telefonieren.

Die Funktion Content aus dem Web via Chrome Browser auf den Bildschirm zu bringen (ganz konkret: den Inhalt von Browser-Tabs), befindet sich zum Produktstart noch in der Beta, ist also noch nicht ausgereift. Liest man sich erste Hands-on-Berichte durch, scheint es hier noch an der Performance zu mangeln. Bewegtbildwiedergabe wird von Kompressionsartefakten geplagt und Scrolling ist offenbar rucklig (hier ein Hands-on von den Kollegen von The Verge). Sobald dieses auf der WebRTC Technologie basierende Feature allerdings über mehr Stabilität verfügt, hat Chromecast hier einen Vorteil gegenüber Apple TV (mehr zu dieser Alternative später): Man ist flexibler mit Chromecast, denn Inhalte lassen sich dann von jeder Plattform auf der ein Chrome Browser läuft auf den Fernseher schicken. 

Wer hatte bloß die Idee mit dem Kabelsalat?

Noch einmal zurück zur oben bereits erwähnten Stromversorgung. Was man im Video unten und scheinbar auch bei Live-Demos von Google mit Pressevertretern in den USA nicht sah, ist ein Praxisbeispiel für eine aktive Stromversorgung. Die erfolgt nämlich über einen Micro-USB-Anschluss am anderen Ende des Geräts. Das bedeutet aber, dass man am Fernseher über einen USB-Port verfügt, der genügend Spannung liefert, oder dass hinter dem TV eine weitere Steckdose vorhanden ist. Das wiederum bedeutet, dass man ein weiteres Kabel zum Fernseher führen muss – für viele Menschen, die gerne Ordnung  hinter dem TV haben ein No-Go. Ganz zu schweigen von denen, die ihren Flachbild-TV an der Wand montiert haben und an so wenig Kabeln wie möglich interessiert sind.

Kein Wunder also, dass man im Werbematerial geflissentlich übergeht, wie der Stromanschluss in der Praxis aussieht:

Mäßiger Sound

Ein weiteres Manko ist der fehlende Tonausgang des Chromecast. Während der Apple TV per optischem Ausgang an die heimische Anlage Anschluss findet, bleibt dem Nutzer des Chromecast zunächst nichts anderes übrig, als mit der Tonausgabe des Fernsehers vorlieb zu nehmen. Und die ist bei vielen modernen Flachbildschirm oft eher bescheiden. Glück haben diejenigen, deren TV über einen Tonausgang, Cinch oder digital – verfügt. Auf diesem Weg landen die Sounds der gestreamten Inhalte dann auch in der heimischen Anlage. Schlecht sieht es für Nutzer aus, die Chromecast an einem Projektor betreiben wollen. Hier sind Tonausgänge sehr selten und die Möglichkeit mit Splittern zu arbeiten sorgt nur für noch mehr Kabelsalat. 

Ein Ausweg wären AV-Receiver. Doch Besitzern von Home Entertainment Systemen sei gesagt, dass es momentan noch keine Aussagen gibt, ob Chromecast an den HDMI-Eingängen von AV-Receivern funktioniert. Hier gilt es, am besten auf erste Nutzererfahrungen zu warten. Wir schätzen aber die Chancen ganz gut ein, dass der Chromecast in diesem Nutzungsszenario funktioniert. Das Ein- und Ausschalten des Fernsehers dank HDMI CEC funktioniert natürlich nur, wenn Chromecast direkt in einem HDMI-Eingang am TV steckt. 

Was gibt es für Alternativen zu Chromecast?

Eines der Hauptziele Googles dürfte ein Angriff auf Apple TV sein. Das dreimal so teuere Gerät arbeitet natürlich problemlos mit anderen Apple Devices zusammen und streamt nicht nur Inhalte aus dem Netz, sondern kann per AirPlay auch lokale Dateien auf dem Fernseher wiedergeben. Auf Wunsch lässt sich Apple TV auch per Ethernet-Kabel ins Netzwerk integrieren.

Darüber hinaus unterstützt Apple TV Watchever und spielt auch Inhalte aus der iTunes-Bibliothek ab. Andere Dienste wie WSJ, Flickr, MLB.tv und weitere sind ebenfalls mit an Bord. Darüber hinaus bieten Angebote wie aTV Flash von Firecore eine lohnenswerste Feature-Erweiterung an (Jailbreak vorausgesetzt). Und natürlich wäre da noch der Faktor Gaming. Fürs Zocken ist der Chromecast derzeit nicht ausgelegt, man darf aber gespannt sein, welche interessanten Apps und Dienste Entwickler in Zukunft auf Basis des Chromecast Software Development Kits (SDK) basteln. Beim Apple TV kann man hingegen dank Dual-Screen-Funktionalität diverse Spiele-Apps auch auf den TV bringen. 

HDMI-Dongles

Eine Alternative um sozusagen „pures“ Android auf den Fernseher zu bringen (und damit verschiedene Online-Inhalte) sind Android-Sticks mit HDMI-Anschluss. Dabei handelt es sich quasi um Mini-Computer mit Android-Betriebssystem (in der Regel Android 4.0 oder höher) für unter 100 Euro, die ihr User Interface nicht auf einen eigenen Bildschirm, sondern per HDMI-Ausgang auf den Flachbildfernseher übertragen. Dank WLAN machen solche Sticks aus herkömmlichen Flat-TVs internetfähige Fernseher (die heute ja meist als Smart TVs bezeichnet werden), wobei die Android-Oberfläche von den Herstellern meist umfangreich angepasst, d.h. abgespeckt, wird.

Bedient werden die Sticks nicht übers Smartphone oder Tablet, sondern per mitgelieferter Fernbedienung – und die liefern nicht ansatzweise den Bedienkomfort von Touchscreens. Einige Hersteller bieten allerdings optionale Tastaturen mit Touch-Element an.

Wer sich für solch Android-HDMI-Stick entscheidet – es gibt sie beispielsweise von Herstellern wie Hama, Fantec, Amerry, TVPeCee oder iMito – sollte darauf achten, ein Modell mit Dual-Core-CPU zu wählen. Insbesondere bei der Videowiedergabe mach sich zwei Kerne positiv bemerkbar.

Dank installiertem Browser lässt sich mit dem Stick im Netz surfen, je nach Hersteller lassen sich Apps aus verschiedenen App Stores zusätzlich installieren.

Roku

Wenn auch hierzulande nur als Import erhältlich, stellt Roku eine wirkliche Alternative zum Apple TV dar. Die recht neue Medien-Box Roku 3 kommt mit fast jedem Streaming-Anbieter klar und wirft dessen Inhalte auf die Mattscheibe – mit Ausnahme von iTunes, versteht sich. Leider sind die Medienangebote auf der Box derzeit auf den US-Markt zugeschnitten, sodass man hierzulande wenig bis gar nichts mit der knapp 100 US-Dollar teuren Box anfangen kann. Wir können uns aber vorstellen, dass sie aufgrund des wachsenden Streamingmarktes in naher Zukunft auch hier auf dem Markt landen wird.

 

 

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