Google, Nest und das Internet of Things
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3,2 Milliarden Dollar für ein Unternehmen, das gerade mal zwei Produkte im Portfolio hat? Google hat mit dem Kauf von Nest Labs für großes Aufsehen in der Branche gesorgt und die Spekulationen über die Hintergründe des Übernahme-Deals sprießen wie Pilze aus dem Boden.

In einem Punkt sind sich jedoch alle einig: Nest Labs fernsteuerbares Heizungsthermostat und der Rauchmelder mit Smartphone-Anbindung sind keine 3,2 Milliarden Dollar wert. 

Aber was sind dann Googles Beweggründe einfach mal so 5,8 Prozent seines Cash-Vermögens für die Übernahme auszugeben?

Das SmartHome kommt!

Zunächst ist allgemein anerkannt, dass Nest Labs großes Potenzial besitzt. Denn schließlich weist der SmartHome- beziehungsweise Heimautomationsmarkt ein rasantes Wachstum auf, dass sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen soll. Von 2009 bis 2014 wurde laut Analysen von Telecom Paper eine Wachstumsrate von 16,5 Prozent erzielt. 90 Millionen Haushalte sollen laut ABI Research bis 2017 mit Heimautomations-Produkten ausgestattet sein und bis 2025 soll der SmartHome-Markt in Deutschland allein um 19 Milliarden Euro wachsen.

SmartHomes und Heimautomation sind wiederum Teil eines anderen heißen Trends in der Informations- und Kommunikationstechnologie, der momentan die Branche fesselt: Internet of Things oder kurz IoT.

Internet of Things

Beim Internet der Dinge ist handelt es sich nicht um Zukunftsmusik. IoT ist kein leerer Hype und erst recht keine vage Metapher. Im Gegenteil, hinter dem Begriff steht ein Markt, dessen prognostizierte Zahlen aufhorchen lassen: Fünf Milliarden miteinander vernetzte Geräte gibt es derzeit nach OECD-Angaben, eine Zahl, die sich bis 2020 verzehnfachen soll. Der gesamte IoT-Markt aus Komponenten, IT- und Connectivity-Dienstleistungen soll laut Analysen der International Data Corporation im Jahr 2020 Umsätze von unglaublichen 8,9 Billionen Dollar generieren.

Mit der Übernahme von Nest steigt Google nun selbst in diesem Märkt ein. Eigene Versuche in diesem Bereich Fuß zu fassen, waren in der Vergangenheit nicht von Erfolg gekrönt. So scheiterten sowohl Google Health, eine Plattform auf der elektronische Patientenakten abgelegt werden konnten, als auch das sogenannte PowerMeter, eine Software für die Analyse des heimischen Energieverbrauchs.

Den erneuten Versuch, eine eigene SmartHome-Sparte von Grund auf aufzubauen, wollte Google offenbar nicht wagen. 

Zusammen könnten Nest, dessen Produkte bisher mit Ausnahme von Großbritannien noch nicht in Europa erhältlich sind, und Google den weltweiten Markt aufmischen.

Eine Aussage von Nest-Gründer Tony Fadell gegenüber GigaOM unterstreicht diese Annahme:

When as a company you want to change the world, you have to look at markets outside of the US. We are doing very well in the US and Canada but we need to get to Europe and around the globe. [ … ] Will Google’s server infrastructure come in handy in a few years? Absolutely. Will their ability to work with algorithms help us? Absolutely. There are a lot of short and long term benefits, but in reality they are going to help us get to new markets at a much faster rate — especially, overseas. I see there are a lot of customers in countries were we are not there yet.

Googles Vision der Zukunft

Für den Kollege Nicholas Carson vom Entrepreneur sind die Gründe für die Nest-Übernahme untrennbar mit der Person Larry Page verbunden. Die Nest-Produkte entsprächen Pages Vision von dem, was Google tun sollte: mithilfe von komplexer Technologie einfache Lösungen für Probleme finden, mit denen eine große Anzahl von Menschen tagtäglich konfrontiert werden.

Der Physical Graph als Weg zur Allwissenheit

Andere Erklärungsversuche gehen noch einen Schritt weiter und bringen den sogenannten „Physical Graph“ ins Spiel. Vom Knowledge Graph (das, was man weiß), Social Graph (unsere persönlichen Beziehungen) oder Interest Graph (unsere Interessen) haben viele schon gehört. Für Mashables Pete Pachal hat Google diese Bereiche bereits ganz gut im Griff. Was fehlt ist der Physical Graph, also die Muster, die aus den Bewegungen von Individuen und ihren Interaktionen mit physischen, materiellen Systemen entstehen. Die daraus entstehenden Daten wären für Google höchst interessant, weil so zukünftige smarte Systeme mit all ihren denkbaren Einzelelementen – von der Beleuchtung über Heizung und Küche bis hin zum Home Entertainment – noch ausgereifter gestaltet werden können. Kontrolliert man die Daten, die SmartHomes produzieren, kann man Lösungen anbieten, die denen der Konkurrenz um Meilen voraus sind. Vielleicht könnte Google dann auch auf eine Art und Weise erfolgreich sein, die Apple seit jeher auszeichnet: intuitive, phyisische Produkte herzustellen, die unser Leben verbessern. Produkte, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie braucht, die man aber sobald man sie besitzt, nicht mehr missen möchte.

Es stellt sich ferner die Frage: Ist Google auf dem Weg in Richtung Allwissenheit? Ein Unternehmen, das bereits weiß, was wir wissen, das unsere persönlichen Beziehungen und Interessen kennt und bald auch unsere Verhaltensweisen in der realen Welt? Wann wir aufstehen, wo und wie wir uns in unseren eigenen vier Wänden bewegen, wann wir zur Arbeit gehen oder welche Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik wir benutzen. Wie fern ist dann ein Leben, in dem unser SmartHome von unseren Gepflogenheiten lernt und uns (hoffentlich) das Leben erleichtert? Bei all dem dürfen wir nicht andere Google-Projekte und –Produkte außer Acht lassen, die ebenfalls das Potenzial besitzen, jede Menge Daten aus unserem Alltag zu erfassen und zu verarbeiten: Google Glass oder die selbstfahrenden Google-Autos sind nur zwei Beispiele.

Google als Speerspitze des Internet of Things?

Das wir uns mit großen Schritten in Richtung Internet of Things und SmartHomes bewegen ist offensichtlich. Google hat dies erkannt und wird sicher in naher Zukunft verstärkt in diesem Bereich tätig sein, um mit einer kompletten Google-Infrastruktur die Führungsrolle zu übernehmen. Investitionen in Robotik-Firmen oder die Open Automotive Alliance passen ins Bild. 

Doch wir dürfen uns keine Illusionen über die altruistischen Motive von Google machen. Am Ende des Tages handelt es sich bei Google immer noch um ein Unternehmen. Ein Unternehmen, das genau weiß, welche Goldgrube das Internet of Things sein kann, man denke an die erwähnten Prognosen. Hat man entsprechende Daten zu allen relevanten Graphen, inklusive des Physical Graphs, ist man in der Lage, Menschen die bestmöglichen Produkte zum bestmöglichen Zeitpunkt anzubieten. 

Was all dies für das Thema Datenschutz bedeutet, möchten sich sensible Datenschützer lieber nicht ausmalen. Allerdings muss man sich im Klaren sein, dass sich mit dem Aufkommen des Internet of Things vermutlich auch unser Begriff von Privatsphäre ändern wird. Eine der entscheidenden Fragen in diesem Kontext wird sein: Wer besitzt und kontrolliert die Daten, die wir in Zukunft beispielsweise in SmartHome-Umgebungen generieren werden? 

 

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