iOS 7 – viel abgekuckt, viel erneuert & viel gewonnen? [Kommentar]
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Der Tag danach… Nachdem Apple auf der WWDC-Keynote gestern zahlreiche Hard- und Software-Neuheiten der Öffentlichkeit präsentiert hatte, entzündete sich im Netz das Feuerwerk. Im Zentrum der Diskussionen steht unweigerlich iOS 7 mit seinem optischen Redesign und neuen Features. Klar, es gibt auch das neue Mac OS X Mavericks, neue MacBook Airs, einen neuen, hochgezüchteten Mac Pro und das neugierig machende iWork for iCloud. Doch allein die Tatsache, dass die Präsentation von iOS 7 den Höhepunkt der Keynote bildete, zeigt, welche Bedeutung es für Apple und den Markt hat. 

Befreiungsschlag?

Die Stimmung im Moscone Center in San Francisco war euphorisch und auch draußen in der Weltöffentlichkeit war die Resonanz auf das Gezeigte überwiegend positiv. Den Verantwortlichen, allen voran CEO Tim Cook, wird ein Gebirge vom Herzen gefallen sein, vor allem, weil es sich bei dem gestern vorgestellten Betriebssystem-Update laut seinen eigenen Worten um „the biggest change to the operating system since the introduction of the iPhone“ handelte, also die größte Änderung am OS seit Einführung des iPhone. Große Worte, denen Bilder, Videos und Demos folgten, die Lust auf mehr machen. So mancher Beobachter auf Twitter scherzte: Viele würden jetzt am liebsten ihr iPhone wegpacken und erst wieder raus holen, wenn iOS 7 verfügbar ist.

Ein Video, das zu Beginn der gestrigen Keynote gezeigt wurde, hatte bereits klar die Richtung vorgegeben. Dort hieß es:

If everyone is busy making everything, how can anyone perfect anything?

We start to confuse convenience with joy, abundance with choice,

Designing something requires focus.

The first thing we ask is: what do people want to feel?

Delight, suprise, love, connection.

Then we begin to craft around our intention.

It takes time …

There are a thousand no’s for every yes.

We simplify. We perfect. We start over.

Until everything we touch enhances each life it touches.

Only then do we sign our work.

Starke Worte mit einer gehörigen Portion Pathos. Doch sie versinnbildlichen, was das ziel dieser Keynote war: Es sollte ein Befreiungsschlag werden. Aber nicht einfach nur das, sondern ein Befreiungsschlag auf Basis der oben geschilderten Apple-Prinzipien.

Die Tatsache, dass die Aussagen zum Redesign und den neuen Features so polarisieren wie zu besten Steve-Jobs-Keynote-Zeiten, ist für mich ein erster Hinweis darauf, dass Apple viel richtig gemacht haben muss. 

Wie meine Kollege André in seinem Beitrag „iOS 7: Revolution of Simplicity“ von gestern Abend schrieb:

Multitasking, Surfen in Safari, Fotos bearbeiten und sortieren – all das wirkte in der gerade zu Ende gegangenen WWDC-Keynote natürlicher, leichter und intuitiver als je zuvor.

In der Tat – das, was man von neuen iOS zu sehen bekam, wirkte ebenso elegant wie gereift und schien sich durch eine nie zuvor gesehene Leichtigkeit auszuzeichnen. Doch als ehemaliger Android-Nutzer, der vor dem Wechsel auf das iPhone 5 und iOS 6 noch Android Jelly Bean im Einsatz hatte, erinnerte mich viel an das Google OS. Allein die Uhr im Lockscreen sah den typischen Anzeigen in Uhr- und Wetter-Widgets auf Android-Smartphones doch sehr ähnlich. Schaut man auf die Tweets von gestern Abend, ging es vielen anderen genauso. Darüber hinaus wollten einige Design-Elemente von HTC, Microsoft und sogar Palm erkannt haben. Von daher ist iOS 7 in puncto Optik und User Interface nur für Apple eine wirkliche Revolution. iOS 7 im Bereich der mobilen Betriebssysteme hingegen als bahnbrechend zu beschreiben, wäre des Guten ein bisschen zu viel. 

Allerdings, da bin ich mir sicher, ist Apple dennoch ein großer Wurf gelungen, der dafür sorgen wird, dass sowohl iOS als auch iPhone und iPad auch in den nächsten Jahren an der Spitze mitspielen werden.

Modernisierung

Apple hat sich modernisiert. War die einzigartig gute Benutzerführung in den letzten Jahren immer das große Plus für iOS, wirkte das Betriebssystem in puncto Optik für viele schon lange altbacken, die skeuomorphischen Elemente überholt: eine Notizen-App im Still eines gelben Zettels oder grüner Roulettetischfilz im Game Center – all das erschien vielen zu verspielt, zu kindisch. 

Doch statt einen komplett neuen Weg einzuschlagen, brachte man dort Verbesserungen an, wo Nachholbedarf bestand. Hauptverantwortlicher für die behutsame Modernisierung ist Sir Jony Ive, der iOS 7 in Richtung Flat Design trieb. Es gilt für mich als sicher, dass der Brite nach diesem Erfolg iOS weiter in die Zukunft führen wird – auch damit sich die Hard- und Software Apples weiter aufeinander zu bewegen.

Für die aktuellen Verbesserungen orientierte man sich offensichtlich auch an der Konkurrenz: so geschehen bei der neuen Wetter-App (hallo HTC!), dem Control Center (danke Android) oder dem Multitasking-Feature (webOS, anyone?). Das Gute: Man hat sich die besten Sachen herausgepickt und – um etwas Fußball-Rhetorik einzubringen – sich gezielt verstärkt. Dennoch brachte man es offensichtlich nicht übers Herz, endlich Widgets in iOS einzuführen. Das wäre dann wohl aber auch etwas zu viel des Abkuckens gewesen.

Der Stachel saß tief 

Dass allerdings die Kritik, Apple könne nicht mehr dieselben innovativen Produkte auf den Markt bringen wie in der Vergangenheit, Cupertino nicht unbeeindruckt gelassen hat, zeigt auch ein beiläufiger Kommentar von Phil Schiller, der für großen Applaus und Johlen im Publikum führte:

Can’t innovate anymore, my ass!

… sprach der Senior Vice President of Worldwide Marketing während der Präsentation des neuen Mac Pro. Ein Seitenhieb für all jene, die Apple abgeschrieben hatten. Aber ein klarer Beweis dafür, wie sehr die Kritik am Selbstbewusstsein von Apple genagt haben muss.

Die Tatsache, dass gerade Apple erfolgreiche Konzepte von Konkurrenten ‚übernimmt’, mutet darüber hinaus etwas seltsam an, ist man doch immer vorne dabei, wenn es darum geht, potenzielle Nachahmer an den Pranger zu stellen. Jetzt hat man sich allerdings ganz klar dazu entschieden, gute Konzepte aufzunehmen – und das ist auch gut so. Vor allem, weil es Apple gelungen ist, den meisten Neuerungen trotzdem ein Apple-eigenes Look and Feel zu verpassen. Das ist die eigentliche Leistung und der Grund, warum auch ich mich sehr auf iOS 7 freue: Wenn jemand viele gute Ideen aus vielen Bereichen in einem Top-Produkt vereinen kann, dann ist das Apple. Und egal ob Microsoft schon lange das Flat Design versuchte salonfähig zu machen – es braucht Apple, um das flache User Interface zum Trend zu machen. Dabei vollzieht Apple die Transition hin zum Flat Design auch nicht einhundertprozentig. Doch es sind gerade die Gegensätze wie der 3D-Effekt von Icons beim Neigen des Homescreens, die langjährigen Apple-Fans versichern: Wir haben uns zwar modernisiert, aber im Kern bleiben wir das Apple, das ihr liebt!

Das bringt uns wieder zurück zum Auftaktvideo und den Aussagen, die für mich die Schlüsselsätze der Keynote sind:

We simplify. We perfect. We start over.

Quelle Aufmacherbild: apple.com

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