Kommentar: Die Remote-Kultur
Kommentare

Yahoo! hat die Zeiten eigentlich hinter sich, in denen es für Furore gesorgt hat. Dieses Jahr steht es aber plötzlich wieder im Fokus. Das Jahr 2013 begann mit dem Amtsantritt von Marissa Mayer als neuem CEO. Sie ist die jüngste CEO eines Fortune-500-Unternehmens, die es jemals gab.

Das allein ist vielleicht nichts Besonderes, doch ist Mayer zusätzlich auch noch eine schillernde Persönlichkeit. Sie begann 1999 ihre Karriere als Mitarbeiterin Nummer 20 bei Google und begleitete den Such-Giganten viele Jahre. Sie sorgte für Aufsehen mit Statements wie „Meine Prioritäten sind Gott, meine Familie und Yahoo – und zwar in dieser Reihenfolge“ und sie nahm nur zwei Wochen Mutterschaftsurlaub nach der Geburt ihres Sohnes.

Vor wenigen Wochen hat sie als CEO dann eine Entscheidung getroffen, die seither in der Community heftig diskutiert wird: über ein Memo ließ sie bekannt geben, dass bei Yahoo Home Office künftig keine Option mehr darstellt. Jeder Remote-Worker solle ab Juni in eines der weltweit verfügbaren Büros zurückkehren. Yahoo beschäftigt aktuell über 11.000 Mitarbeiter, wie viele davon von zu Hause arbeiten, ist nicht bekannt.

Collaboration

Ich finde diese Diskussion rund um Mayers Entscheidung recht interessant, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir uns im nächsten Eclipse Magazin (www.eclipse-magazin.de) auch mit diesem Thema beschäftigen werden. Mich überraschte die Entscheidung auf den ersten Blick sehr, setzen heute doch viele große Unternehmen der IT-Welt auf Remote Worker, sei es die Mozilla Foundation, Red Hat oder Microsoft. Gerade in der Java-Welt, aber nicht nur dort, gibt es eine breite Palette von Werkzeugen, die eine Zusammenarbeit von Teams über Stadt- und Landesgrenzen hinweg ermöglichen soll. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Remote Working derzeit „en vogue“ ist. Es gibt Studien, zum Beispiel von Microsoft, die dem Home Office eine verstärkte Produktivität und zufriedenere Arbeitnehmer attestieren.

Umso überraschter war ich über Reaktionen in der Community, die Mayers Entscheidung für gut befanden. Ihre Argumente sind nicht minder überzeugend. So liest man einerseits in verschiedenen Quellen, dass Remote Worker bei Yahoo nicht die gewünschte Produktivität an den Tag gelegt haben sollen. „It was a great way to get Y! to pay you while you put in minimal work and do your side startup“, wird eine Quelle auf businessinsider.com zitiert.

Soft Skill?

Jetzt mag man das abtun als Einzelstimmen, die Yahoos Mitarbeiter schlecht reden wollen. Die Moral oder besser fehlende Arbeitsmoral einer Firma macht das Prinzip Remote Working ja nicht kaputt?

Hier ist es wiederum interessant, verschiedene Blogposts zu lesen von Angestellten, die selbst die Erfahrung Home Office gemacht haben. Sie sind sich überraschend einig: Remote-Arbeiter haben es nicht leichter als normale Angestellte, der Job ist im Gegenteil eigentlich schwieriger. So haben die meisten Remote-Worker ein schlechtes Gewissen – gegenüber ihren Kollegen im Büro oder gegenüber ihren Vorgesetzten, ob sie genug arbeiten (siehe z. B. Scott Hanselmans Beitrag „Being a Remote Worker Sucks – Long Live the Remote Worker“ und Christian Heilmanns „On Working Remotely and Efficiency“). Dadurch versuchen sie automatisch, mehr zu leisten.

Noch viel wichtiger ist aber die Struktur des Unternehmens, das Remote Worker beschäftigt. Wenn das Unternehmen keine Kultur für diese Arbeitsweise besitzt, haben es Remote-Worker schwer. Sie bekommen den Flurfunk nicht mit, haben keinen Zugriff auf die gesamte IT-Infrastruktur. Aus den Augen, aus dem Sinn. Das bringt auch ein Beitrag von Kristian Köhntopp auf Google+ schön auf den Punkt: bei seinem ehemaligen Arbeitgeber MySQL waren alle Prozesse um die Home-Office-Bedürfnisse herum strukturiert, es gab ein Webportal, auf dem alle internen Firmendienste verlinkt waren. Kommunikations- und Entscheidungsfindungsprozesse waren auf Remote ausgelegt. Wenn ein Unternehmen das nicht hat, sind Remote-Worker automatisch abgeschnitten.

Fazit

Die Diskussion um Mayers Entscheidung hat einiges an Klarheit für das Thema Collaboration in verteilten Teams gebracht. Es ist wie immer weder schwarz noch weiß – Tools zur besseren Zusammenarbeit funktionieren nur dann gut, wenn ihr Sinn auch von allen verstanden wird.

Claudia Fröhling ist Redakteurin des Java Magazins und Eclipse Magazins bei Software & Support Media.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -