Liquid Culture im Internet
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In den vergangenen 20 Jahren hat das Internet die Art, wie wir miteinander kommunizieren, radikal verändert. Bewegungsmuster von Freunden können via Urlaubsfotos und Posts quasi in Echtzeit nachvollzogen werden. Während wir uns anfänglich noch überwiegend mit Freunden digital ausgetauscht haben, scheinen sich nun alle, die einen Zugang zum Internet haben, in irgend einer Form miteinander auszutauschen; bewusst oder unbewusst; privat, gewerblich oder politisch. Die Grenzen zwischen der realen und der digitalen Welt verwischen zusehends.

Liquid Advertising – liquid oder stumm

Likes, Kommentare, Empfehlungen und politische Ansichten: Das Internet ist zu einem digitalen Dorfplatz geworden auf dem diskutiert, gestritten und gehandelt wird.

Die Zeiten, in denen uns Werbung von Plakatwänden, aus dem Radio oder dem Fernseher angesprochen hat, sind endgültig vorbei.

Beim Liquid Advertising wird der Kunde ins Zentrum der Kommunikation gestellt und ist nicht mehr nur Empfänger. Produkte werden zwischen den einzelnen Usern besprochen, bewertet und empfohlen. Wenn Unternehmen mitreden wollen, müssen sie sich in ihrer Kommunikation auf Augenhöhe mit der Community begeben und als ebenbürtiger Gesprächspartner auftreten. Wer bei Kritik stumm bleibt, kann sich die Diskussion von außen ansehen.

Zielgruppen verschwimmen zusehends. Die Community bewegt sich wie ein Fischschwarm, der immer wieder neue Formen annimmt, und bei dem jeder für eine gewisse Zeit mitschwimmen kann, um sich dann wieder zu entfernen. Diese unberechenbare Masse kann empfindlich auf kleinste Ereignisse reagieren. Die Folgen sind sogenannte Shitstorms, bei denen sich die geballte Wut der Crowd entlädt.

Informationen gelangen immer schneller ins Internet – so werden Herstellungsprozesse und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, zum Beispiel in Asien, für jedermann transparent. Eine schmerzhafte Erfahrung, die Amazon erst kürzlich machen musste.

Crowdfunding

Manche Unternehmen machen aus der Not eine Tugend und versuchen, die Netzgemeinde durch Crowdfunding frühzeitig in Entscheidungsprozesse einzubinden. So können User bei der Gestaltung von neuen Produkten zum Beispiel durch Online-Abstimmungen mitwirken. Aber auch beim Crowdfunding müssen sich Firmen unangenehme Fragen der Nutzer stellen. Viele vermuten hinter Crowdfundung-Aktionen reine PR-Tricks und vermuten, dass das Ergebnis bereits feststehe. Andere User fragen sich, warum sie ihre Meinung kostenlos einbringen sollen, um ein Produkt zu optimieren.

Beispiele von fehlgeschlagenen Crowdfunding-Aktionen gibt es genug. Einer der bekanntesten Fälle ist die Pril-Aktion vor einigen Jahren. Der Hersteller von Reinigungsmitteln Henkel rief die Netzgemeinde dazu auf, ein neues Design für Spülmittelflaschen zu wählen. Dabei standen verschiedene Designs zur Auswahl. Henkel setzte sich über die das Wahlergebnis der User hinweg und wählte zwei andere, weniger beliebte Designs für die Verpackungen. Der Grund: Auf den ersten zwei Plätzen befanden sich nur absurde Vorschläge. Die Crowd fühlte sich bevormundet und veräppelt.

Das Ergebnis war ein ausgewachsener Shitstorm, der für das Unternehmen in einem PR-Debakel mündete.

Politik und Liquid Revolution

Auch politische Aktivisten haben das Internet in allen seien Ausprägungen als Medium für sich entdeckt. Die breite, nicht so netzaffine Bevölkerung wurde beim sogenannten arabischen Frühling auf die politische Macht des Internets aufmerksam. Im Dezember 2010 begann in der arabischen Welt eine politische Protestwelle, die sich gegen eine Reihe autoritär herrschender Regimes richtete, und zu weiten Teilen über Social-Media-Kanäle wie Twitter organisiert wurde. Dabei umgingen die Aktivisten die Zensur der klassischen Medien, um die Weltöffentlichkeit durch das Internet zu informieren.

Liquid Democracy

Liquid Democracy ist ein zweiter Trendbegriff, der in den vergangenen Monaten durch die Medienlandschaft gegeistert ist. Liquid Democracy beschreibt zwar kein reines Internet-Phänomen, ist aber eng mit der Liquid-Web-Kultur wiki.piratenpartei.de verstrickt. Die Verfechter der Liquid Democracy fordern einen fließenden Übergang zwischen direkter und indirekter Demokratie. Immer mehr Menschen beteiligen sich an politischen Debatten im Netz und äußern sich in Echtzeit, parallel zu laufenden Regierungsdebatten.

Sie möchten gerne selbst entscheiden, wie weit sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen möchten, oder wie weit sie von anderen vertreten werden möchten. Eine Idee, die den Strukturen im Internet sehr ähnelt und von der Piratenpartei intern schon umgesetzt wird.

Wissenschaft

Auch die Wissenschaft nutzt liquide Mechanismen, um interdisziplinär Forschungsergebnisse zu sammeln, um somit Entwicklungen etwa in der Krebsforschung voranzutreiben. So arbeiten derzeit Konzerne wie Google, Facebook und Amazon mit Wissenschaftlern des britischen Krebsforschungsinstituts Cancer Research UK an einem App-Game, mit dem User Informationen für die Krebsforschung sammeln können, während sie das rund fünfminütige Spiel auf ihren mobilen Endgeräten spielen.

Der Grundstein für das Krebs-Game soll am Kommenden Wochenende gelegt werden. 40 Programmierer, Designer und Spieler nehmen an einem GameJam teil, um Erfahrungen und Ideen für die Entwicklung des Krebs-Games zu sammeln. Dabei werden Informationen aus einer zentralen Gendatenbank in einer App verarbeitet. Diese können von Usern weltweit angereichert werden. Im kommenden Sommer soll die kostenlose App auf den Markt kommen.

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