Mein Leben ohne Facebook: achter und letzter Tag
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Vor einer Woche habe ich meinen Facebook Account gelöscht. Aus rein wissenschaftlichen Zwecken, wie ich damals geschrieben habe. 14 Tage sollte meine Social-Media-Abstinenz dauern und nur mich betreffen. Nicht beachtet habe ich dabei, dass es tatsächlich auch andere Menschen betrifft und somit fehlt – wenigen – auf einmal auch ein Account bei Facebook.

Ich mache gerade die Erfahrung, dass soziale Netzwerke gar nicht so asozial sind wie ihr Ruf. Sie sollen nicht die „echte“ Kommunikation ersetzen, sie sollen sie unterstützen. Aus meinen unbeschwerten Zeiten als Erasmus-Studentin in Südspanien habe ich noch einige Freundschaften, die es – über die Landesgrenzen hinaus – zu pflegen gilt. Dank Zuckerbergs bösem Netzwerk sind schon einige gemeinsame Reisen entstanden, die anders nur schwer oder gar nicht möglich gewesen wären. 

Es ist wie bei Schokolade. Sie per se als ungesund zu bezeichnen und komplett aus dem Leben zu verbannen, ist nur für diejenigen eine gute Lösung, die sich mit einem Stück Schokolade nicht zufrieden geben können und gleich eine ganze Tafel brauchen (ich schließe mich hier gar nicht aus). 

Wer von morgens bis abends seinen Facebook-Stream aktualisiert, verpasst das Leben. Wer dagegen das Netzwerk zweckgemäß als Informations- und Kommunikationsmittel nutzt und sein Leben woanders lebt, zieht daraus Vorteile. Ich ordne mich der zweiten Kategorie ein.

Mein Facebook-loses Dasein ist im „Off“ auf mein unmittelbares Umfeld beschränkt. Doch mein „soziales“ Netzwerk besteht eben nicht nur aus diesem besagten unmittelbaren Umfeld. Ich habe „Mehrsprachige Kommunikation“ studiert – ein Studiengang für Menschen mit einer starken Sehnsucht, andere Kulturen kennenzulernen. Jetzt ratet mal, wie viele von diesen Menschen, die mir während des Studiums ans Herz gewachsen sind, sich auf einem überschaubaren geografischen Raum befinden? Mein soziales, im Off gewonnenes Netzwerk reicht bis nach Australien, Malta, in die Schweiz, nach Spanien, England, Belgien und so weiter. Es ist mühsam, dieses Netzwerk aufrechtzuerhalten, aber es ist wichtig. Und ja, Facebook hilft dabei.

Gestern habe ich eine Nachricht von meiner Oma bekommen, über Skype. Sie hat meine unstrukturierten Gedanken in drei Sätzen zusammengefasst – wie so oft. Solange man die Möglichkeiten hat, miteinander zu kommunizieren und sich bei jeder Kleinigkeit zu erreichen, tut man es oft nicht. Doch sobald diese Möglichkeiten einem genommen werden, fühlt man sich auf einmal „traurig“, schrieb sie. So ginge es ihr gerade und ich solle mich bitte melden, sobald es irgendwie geht.

Diese kurze Nachricht war für mich Anlass genug, um aus meiner Facebook-losen (und gezwungenermaßen auch Smartphone-losen) Existenz frühzeitig auszutreten. Facebook hat mich wieder. Ich werde weiterhin ab und an mal ein Zitat, ein Video oder ein Bild posten, damit meine Oma es kommentieren kann und jeder, der es sonst noch tun möchte. 

 

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