Interview mit Tanja Oberst und Markus Kopf

Mobile Testing – wo geht die Reise hin?
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Die Mobile-Experten Tanja Oberst und Markus Kopf werden als Sprecher auf den Mobile Testing Days auftreten. Wo geht im Mobile Testing die Reise hin? Im Interview sprechen Sie über die testgetriebene Entwicklung von mobilen Apps.

WebMagazin: Welche Hinweise und Empfehlungen würden Sie Entwicklern geben, die sich mit testgetriebener Entwicklung bisher noch nicht beschäftigt haben?

Test early and often. Je früher, desto besser. Wir lieben Lean UX, deshalb fangen wir mit dem Testen schon bei Projektstart an. Nach dem Kick-Off sprechen wir mit potentiellen Usern, woraus wir Annahmen und Hypothesen bilden. Durch Prototypen, die auch manchmal einfach nur ein Feature beinhalten können, werden die Annahmen wenig später an Usern getestet.
Am besten ist es, wenn Developer und alle weiteren Disziplinen schon von Projektstart zusammen arbeiten, sich abstimmen und gemeinsam an Prototypen arbeiten. Prototypen eignen sich besonders um alle Teammitglieder auf den gleichen Stand zu bringen und Annahmen, die das Team aufstellt durch User Tests schon früh zu verifizieren oder zu widerlegen.
Anfangs mag man sich zwar davor scheuen, weil User Tests vermeintlich zeitaufwändig erscheinen – das ist jedoch ein Trugschluss. Je früher man testet, desto früher erkennt man, wenn man auf dem Holzpfad ist. So kann man die Route rechtzeitig anpassen anstatt auf dem Holzpfad zu bleiben und unnötig Zeit und Ressourcen zu verschwenden, für Features die der Markt nicht braucht.

tanja oberst

©Tanja Oberst

 

WebMagazin: Worauf sollte man beim Aufbau eines iOS-Projektes besonders achten? Was sind die Stolperstellen?

Eine allgemeine Regel für Test Driven Development, das auch für iOS Projekte gilt: Man sollte sich im Klaren darüber sein, was man testen will und an welche KPIs man es knüpft. Speziell fürs iOS User Testing ist unumgänglich, dass die Nutzerführung des zu testenden Prototypen nach dem iOS Betriebssystem aufgebaut ist. Kognition und Gewohnheiten sollte man hierbei nicht unterschätzen. Es sollte darauf geachtet werden welche Geräte und Betriebssysteme die zu testenden Personen gewohnt sind zu benutzen. Einen iOS Prototypen an einem Android User zu testen, könnte das Testergebnis komplett verfälschen.
Des Weiteren gibt es bei der iOS Entwicklung noch weitere technische Aspekte bzgl. testbaren Code oder auch Dependency Injection Frameworks zu beachten. Da diese Aspekte etwas weiter hinten im Entwicklungsprozess zu tragen kommen werden wir diese hier nicht aufführen und verweisen auf den 1. Konferenz-Tag.

WebMagazin: Was spricht denn Ihrer Meinung nach gegen Test Driven Development bei der Entwicklung mobiler Apps? Lohnt sich der Mehraufwand für TTD?

Wer gerne im Dunkeln tappt und negative Überraschungen mag, sollte auf TTD verzichten. Für alle anderen lohnt sich der „Mehraufwand“, der keiner ist. Das komplette Team muss sich jedoch dazu im Klaren sein, wer die Nutzergruppe ist, welche Annahmen es annimmt und durch welche Resultate diese Annahmen als widerlegt oder verifiziert gelten.
Frühzeitiges Testing mag zwar auf den ersten Blick Aufwand verursachen, jedoch wird frühzeitig erkannt, wenn Annahme und Realität auseinander gehen. Produziert man bis zum finalen Ergebnis um dann das Testing zu beginnen, entsteht oftmals ein erheblicher Produktions-Abfall. Verschwendete Energie, Zeit, Geld und Motivation – Ressourcen die man durch frühzeitiges User Testing heutzutage gezielter einsetzen muss, um nach gleichem Zeitaufwand ein erheblich marktfähigeres Resultat zu erreichen.
Ein weiteres gern genutztes Argument ist, dass es nur eine kleine App werden soll. Diese Aussage ist zumeist nur für die ersten zwei Wochen relevant, da sich der Funktionsumfang gerne erweitert sobald man im Umsetzungsprozess ist. Wird nicht gleich getestet, wird es selten zum späteren Zeitpunkt nachgeholt. Das Projekt wächst, die App wird komplex. Features sowie Code werden dann sehr schnell nur aufwendig testbar. Komplexität ist viel einfacher zu erreichen als Simplicity. TTD wird gerne hinten angestellt. Insbesondere in der iOS Umgebung ist Simplicity jedoch das wichtigste Ziel, welches man sich immer wieder vor Augen halten muss.

WebMagazin: Auf den Mobile Testing Days halten Sie einen Workshop „become a UX Pirate“? – Wie wird man ein guter Freibeuter?

markus kopf

©Markus Kopf

Ein guter Pirat ist immer auf der Suche nach einem großen Schatz. Er ist sich bewusst, dass die Schatzkarte die er in seinen Händen hält auf Annahmen basiert, die evtl. nicht mehr der Realität entsprechen. Er tappt nicht gerne im Dunkeln. Er weiß geschickt an wichtige Hinweise zu kommen, um Teile seiner Schatzkarte zu verifizieren oder neu zu definieren. Wie ein Fuchs hört er aufmerksam zu, fragt und beobachtet. Um sich so möglichst Ressourcen schonend dem Schatz anzunähern und gezielt den Schatz zu finden. In anderen Worten: Ein marktfähiges Produkt zu entwickeln, bevor es die Mitstreiter tun.

WebMagazin: Ein Blick in die Glaskugel – Wo sehen Sie TTD in fünf Jahren? Welche zur Zeit noch kleinen Ansätze sollte man im Auge behalten?

Der ganze Bereich Lean UX sollte man so schnell es geht in seinen Arbeitsalltag einbeziehen. Obwohl wir im digitalen Zeitalter nun eine viel agilere Produktionskette haben könnten – verglichen mit dem Industriezeitalter, als das MVP (Minimal Viable Product) das fertige Produkt war – wird Lean UX noch viel zu selten wirklich angewandt. Lean UX bedarf Änderung der Arbeitsgewohnheiten, Umstellung kompletter Teams und Abteilungen, nicht nur ein Development Team das mit Srcum Boards arbeitet.
Das Thema Context wird immer wichtiger werden. Context bezogene Produkte und Dienstleitungen sowie personalisierte Inhalte – dies Bedarf eine genaue Kenntnis der Zielgruppe. Mit welchen Personas arbeitet man? Welche Touchpoints ergeben sich in deren User Journeys?
Je früher man seine angenommene Zielgruppe durch Gespräche und Tests kennen lernt, desto wettbewerbsfähiger ist man. Einer der Grundsätze im Lean UX besagt, dass am Anfang jedes Design und Konzept als falsch anzunehmen sei. Mit jeder Iteration komme man der Realität näher.

Eine solche Iterationschleife sieht folgendermaßen aus:
1. Build (User Interview, Hypothesenerstellung, Concepting, Prototyping)
2. Measure (User Testing, Annahmen verifizieren/widerlegen)
3. Learn (Prototyp anpassen)

Schritt 1–3 werden wiederholt bis zum finalen Produkt. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass man immer Nahe an der Zielgruppe arbeitet und so kleinste Änderungen automatisch erkennt noch während man an einem Projekt arbeit und nicht erst beim Testing im App Store via Data-Analysing oder A/B Testing.

Somit bleibt man auch in der sich rasant ändernden Zeit immer einen Schritt voraus und kann sich durch die Iterationen darauf konzentrieren das einfachste und bestmögliche Produkt zu erstellen. Denn wie schon Steve Jobs sagte: “Simple can be harder than complex. You have to work hard to get your thinking clean to make it simple. But it’s worth it in the end, because once you get there, you can move mountains”.

Über Markus Kopf

Markus Kopf is Head of Mobile Development at payleven, Europe’s leading provider for mobile card payments. In this role he is responsible for the development of the payleven products. His focus lies on the development of native iOS mobile applications and integration into existing systems. He is a regular speaker at conferences and freelance author for various iOS as well as Android magazines. Before payleven he held relevant positions in companies such as arconsis, itemis, and Softlab.
payleven was the first to offer the European market a Chip & PIN card reader and also the first, to make this technology available in retail. payleven has offices in Germany, London, the Netherlands, Belgium, Italy, Poland, Austria and Brazil.

Über Tanja Oberst

Tanja Oberst is a UX/UI designer & iOS dev apprentice. She has 10+ years experience creating usable and delightful online experiences. A beautiful design for her goes deeper than aesthetic. It also means adding value to the users by simplifying processes and solving their problems. She loves exploring possibilities and is always searching for challenges to improve herself – That’s why she decided to specialize on Mobile Creative at Hyper Island in Stockholm, ”The Digital Harvard” as Venture Village calls it. Her forte lies in combining user, business, and development goals to develop relevant user-centered ideas and prototypes. In her spare time she loves coding and programming. She is an active member of NS Coder in Stockholm. She is passionate about building a bridge between designers and developers.

Aufmacherbild: Group of Business People Using Digital Devices via Shutterstock / Urheberrecht: Rawpixel

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