Nacktbilder, Zensur und Doppelmoral – Apple verbannt App 500px und erntet Kritik [Kommentar]
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Heute erreicht uns via Techcrunch die Nachricht, dass Apple die gleichnamig App des kanadischen Startups 500px aus dem App Store entfernt hat. Der Grund: Offenbar konnte man in 500px, einem Foto-Sharing-Dienst, eine Suche nach Nacktbildern anstoßen. Techcrunchs Aussage, dass auch die App ISO500 for 500px entfernt worden sei, können wir nicht bestätigen. Derzeit lässt sich ISO500 for 500px noch herunterladen.

In Googles Play Store ist 500px weiterhin erhältlich, wie Allex Flint, 500px Mitarbeiter, per Twitter verlauten ließ:

Fader Beigeschmack

Die Aktion hat einen faden Beigeschmack, da Apple offenbar beim Review eines Updates für die App die Freigabe verweigerte – obwohl es die App schon seit über einem Jahr gibt, und zwar die ganze Zeit mit der Option nach sogenannten „artistic nudes“ (zu Deutsch: Aktfotos) zu suchen.

Der COO von 500px, Evgeny Tchebotarev, erklärte, dass das Update per Default verhindert hätte, dass Nackbilder in Suchergebnissen auftauchen. Allerdings hätten User diese Einschränkung bei einem Login über die Desktop-Version abschalten können. Obwohl man Apple vorgeschlagen habe, diese Funktionalität innerhalb eines Tages zu entfernen, wurde vom zuständigen Apple Reviewer die Freigabe mit dem Hinweis auf zeitliche Beschränkungen verweigert. Derzeit befindet sich laut Tchebotarev bereits ein weiteres Update im Review, dass ein Ausschalten der Nacktbilder-Einschränkung verhindert. Man hofft also, dass 500px bald wieder erhältlich ist. Des weiteren wies Tchebotarev darauf hin, dass die AGB von 500px jegliche Form von Pornografie verbieten.

Gegenüber TheNextWeb hatte Apple zu dem Fall folgendes Statement abgegeben:

The app was removed from the App Store for featuring pornographic images and material, a clear violation of our guidelines. We also received customer complaints about possible child pornography. We’ve asked the developer to put safeguards in place to prevent pornographic images and material in their app.

Sodom und Gomorra?

Angesichts dieser Aussagen könnte man meinen, dass es sich bei 500px um einen pornografischen Sündenpfuhl biblischen Ausmaßes gehandelt hat. Dass wir uns nicht falsch verstehen. Natürlich sollte man stets sinnvolle Maßnahmen ergreifen, damit Kinder nicht pornografischem Bildmaterial ausgesetzt werden. 

Entsprechend befolgte der Apple Reviewer nur die hauseigenen Richtlinien. Ebenfalls selbstverständlich ist, dass man Nutzerbeschwerden wegen Kinderpornografie, die es laut Apple gegeben hat, immer ernst nehmen sollte.

Darüber hinaus weiß Apple genau, dass wenn tatsächlich Kinderpornografie in 500px zu sehen war, man schnell handeln muss, um nicht juristisch zur Verantwortung gezogen zu werden.

Zweierlei Maß

Allerdings wird mit hier meines Erachtens mit zweierlei Maß gemessen. Es gibt eine Vielzahl anderer Apps, mit denen auch auf pornografisches Material zugegriffen werden kann. Als erstes fällt einem da die offizielle Tumblr-App ein. Wer es überprüfen möchte, sollte in der App einfach mal nach dem Tag „naughty“ suchen. Die Ergebnisse zeigen im wahrsten Sinne des Wortes die blanke Wahrheit.

Und was ist mit dem Safari-Browser auf iPhone, iPad und iPod? Wenige Klicks und man kann in eine Welt voller Pornografie eintauchen. 

Apples Kampf gegen Pornografie, über den wir hier in der Vergangenheit schon oft berichtet haben, verliert so an Glaubwürdigkeit. Vor allem die scheinbar willkürlichen Genehmigungsprozesse erzürnen User und Entwickler immer wieder.

Zensur-Pannen

So wurde beispielsweise im Frühjahr 2010 die App des Pulitzer-Preisträgers Mark Fiore abgelehnt. Laut Steve Jobs alles nur ein Missverständnis. Dennoch ließ es sich der Apple-Chef nicht nehmen, die Panne und die Zensur von pornografischen Inhalten mit einem Hinweis auf die Google-Konkurrenz abzutun: „Folks who want porn can buy an Android phone.“

Schon damals haben wir diese Zensur mit dem Hinweis auf Alterskontrollen kritisiert. Denn sollte Apple die bisherigen Systeme als nicht ausreichend erachten, steht es ihnen frei, neue zu entwickeln. Apps lassen sich problemlos mit Altershinweisen versehen und Kategorien zuordnen. So könnten Eltern festlegen, welche App-Kategorien ihre Kinder nutzen dürfen. Damit ließe sich zumindest der Vorwurf der Doppelmoral entkräften.

Doch solche Vorschläge stoßen scheinbar auf taube Ohren. Das bewies auch der Fall des spanischen Wissenschaftsmagazins Muy, das Apple aus seinem virtuellen Zeitschriftenkiosk Newsstand verbannte, weil dessen Titelbild vermeintlich zu freizügig war. Auf dem Cover war ein nackter Mann zu sehen, der mit beiden Händen seine Scham bedeckt.

Hohn und Spott

Dass angesichts solcher Vorkommnisse der Spott umso größer ausfällt, wenn es wirklich mal zu Sex-Pannen kommt, ist mehr als verständlich. So wurden Ende letzten Jahres russische iTunes-Kunden im gerade erst eröffneten iTunes-Store von einem Werbebanner mit der Aufschrift „Date a Pornstar Escort“ begrüßt. Schuld an der Panne soll ein Platzhalter gewesen sein. Bei der Erstellung der Website diente offenbar die Sex-Anzeige als Dummy – die Entwickler vergaßen jedoch, die Werbung vor der Veröffentlichung auszutauschen.

Willst du Sex beschreiben, schreib ein Buch oder einen Song!

Ein weiteres heiß diskutiertes Thema, dass ebenfalls Apples Zensurpolitik betrifft und allenthalben auf Unverständnis stößt, ist die unterschiedliche Behandlung von verschiedenen Medien, die Apple zum Kauf anbietet. Alle Apps, die in den App Store aufgenommen werden wollen, unterliegen den gleichen Richtlinien. Diese sind aber deutlich restriktiver als beispielsweise bei Büchern oder Musik.

Eigentlich sehen nur eingeloggte Entwickler den Text, doch CultofMac hat hier den kompletten Richtlinien-Text abgedruckt. In der Einleitung heißt es:

We view Apps different than books or songs, which we do not curate. If you want to criticize a religion, write a book. If you want to describe sex, write a book or a song, or create a medical app. It can get complicated, but we have decided to not allow certain kinds of content in the App Store. […]  We will reject Apps for any content or behavior that we believe is over the line. What line, you ask? Well, as a Supreme Court Justice once said, “I’ll know it when I see it”. And we think that you will also know it when you cross it.

Hinter diesen Bestimmungen steckt offensichtlich die Auffassung, dass Apps nicht in der Lage sind, einen kritischen und intellektuellen Beitrag zu einem Diskurs über Religion oder Sex zu liefern. Von Büchern denkt man so nicht, egal wie schlecht sie geschrieben sind und egal wie explizit darin enthaltene Beschreibungen zum Thema Sex sind. Genauso bei Songs.

Und wo ist die Grenze? Das bestimmt Apple frei nach dem Motto “I’ll know it when I see it”. Und bei 500px hat man es offensichtlich gesehen. Was auch immer es war.

Quelle Aufmacherbild: bearbeiteter Screenshot von 500px.com

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