OccupyGezi – oder wie ich dank Facebook und Co. zum Paranoiker wurde [Gastkommentar]
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Gestern fragte ich mich zwischendurch: Was wäre wenn nicht diejenigen, die gestern zu mehreren Zehntausenden Recep Tayyip Erdogan zujubelten, diejenigen wären, die manipuliert werden? Sondern wir, die auf Facebook und Twitter permanent den Nachrichten von unseren Freunden aus der Türkei folgen, immer wieder neue Horrorfotos und -videos retweeten, teilen und liken, große Diskussionen mit Menschen führen, die ebenso weit vom Geschehen entfernt sind, wie wir selbst? Da kam gestern ein Punkt, an dem ich entsetzt einen Status eines Dichter-Kollegen, der sich gerade in Istanbul befindet, teilte.

Er berichtete davon, dass die Demonstranten Unterschlupf im deutschen und im niederländischen Konsulat finden könnten. Dann behauptete er, dass die Polizei das niederländische Konsulat mit Gas angreife. Dies schloss er aus einem Bild, das eine Gasgranate vor dem Konsulat zeigte. Ein anderer Kollege kommentierte, dass er das nicht glaube, solange dies nicht bestätigt werde. Er schickte folgende URL eines Live-Tickers: gezipark.nadir.org/index_ger.html, die ich nun nebenher verfolge, während ich meine Texte schreibe. Was ist, wenn WIR manipuliert werden? Wir, die Gutmenschen, „die Intellektuellen“ aus ganz Europa, wir, die wir bei Occupy und Blockupy mit an vorderster Front demonstrieren – und wenn es nur per Blog, Tweet oder FB-Posting ist.

Ich habe in meiner Freundesliste Leute, die Erdogan-Anhänger sind. Sie versuchen mich davon zu überzeugen, dass da nichts ist, sie verfolgten doch die ganze Zeit die (staatlichen) Nachrichten – das sind doch nur ein paar Rabauken. So wollen sie es mir seit Tagen weiß machen. Erdogan sei für sein Volk da, wollte diese Kundgebung gestern in Istanbul besagen, er ließ sich bejubeln. Er wird in den Medien gelegentlich, als der „gestrenge, aber gütige Vater“ dargestellt. Aber er hat die Türkei erst wieder zu einer erfolgreichen, prosperierenden Nation gemacht. Ist auch nur die halbe Wahrheit, wie wir alle wissen. In den Großstädten ist das so, aber was ist mit den ländlichen Bezirken?

Dann erhielt ich in der Nacht eine PN über Facebook aus Istanbul, die ich hier gerne zitieren möchte, sie ist von einer Studierenden der Politikwissenschaft, die in Istanbul mitten im Geschehen ist:

„Noch mal an alle in Deutschland. Druckt ein paar Bilder aus. Sucht das Gespräch mit Türken und zeigt ihnen, dass wir bunt gemischt sind, dass wir friedlich sind, dass wir keine stinkenden Terroristen sind, sondern unseren Müll wegräumen, dass die Polizei und Erdogan keine Grenzen kennen und dass dieser kontinuierlich LÜGT. Eine nicht allzu kleine Masse an Wählern kann von Euch erreicht werden. Und diese haben ja schließlich Familie! HELFT uns einen Bürgerkrieg zu vermeiden, indem ihr Aufklärungsarbeit leistet. Ihr könnt einen signifikanten Beitrag leisten. Geht auf die Leute zu! Danke!“

Dies nach zwei Wochen absoluter OccupyGezi-Präsenz in meiner Timeline. Man sieht, wie wichtig das Thema Manipulation ist. Und hier ist auch mein Zugang zu OccupyGezi. Mit eigenen Augen durfte ich bei der Blockupy-Demonstration in Frankfurt vor drei Wochen mit ansehen, wie Unschuldige mutwillig mit Tränengas besprüht wurden.

Ich bin wahrlich kein Linksextremer, ich bin noch nicht einmal besonders politisch interessiert zu nennen – ich habe lediglich etwas dagegen, von Politikern entmündigt zu werden, um nicht zu sagen: verarscht zu werden. Wie gesagt, ich hatte nie besonderen Ehrgeiz, die politischen Hintergründe zu verstehen, ich ließ mich gerne manipulieren und blenden. In Deutschland passieren solche Dinge nicht, dachte ich naiv. Letztes Jahr folgte dann der Aha-Effekt: Plötzlich konnte ich kein Geld mehr abheben, bevor Blockupy überhaupt begonnen hatte. Und ich muss dazu sagen, dass ich zwar Nähe Innenstadt wohne, aber dass sich eigentlich noch nie irgendwer für meine kleine Naspa-Filiale interessiert hatte – die Blockupyer wussten wahrscheinlich gar nichts von ihrer Existenz. Gut, dachte ich, das ist nur unbequem, aber als ich tags darauf nicht durch das Bahnhofsviertel laufen durfte (weil in meinem Ausweis, den ich vorzeigen musste, keine Adresse in der Münchener oder Kaiserstraße stand), war ich verärgert. „Sind wir in einem Polizeistaat?“, fragte ich mich. Nur deswegen bin ich auf die erste Blockupy-Demo 2012 gegangen und lief mit den älteren Bürgerrechtlern zusammen. Friedlich, immer am Diskutieren. Doch so weit hinten gingen wir nicht, als dass wir nicht mitgekriegt hätten, wie Polizisten versuchten, Demonstranten zu provozieren…

Dass es bei den Krawallen in den letzten zwei Wochen nur vordergründig um den Gezi Park ging, war schnell klar. Natürlich dachten sich viele Menschen: Nein, wir brauchen nicht das hundertste Einkaufszentrum, wir brauchen diesen Park – und wir brauchen Schulen und Jugendzentren und Kindergärten. Aber worum es wirklich ging, war eben diese Entmündigung, dieses undemokratische Verhalten, das von Recep Tayyip Erdogan jeden Tag ein bisschen mehr an den Tag gelegt wurde. Es war diese schrittweise Errichtung einer Diktatur, die seit Jahren vor sich geht: Was sollten sich die Leute noch alles gefallen lassen? Der Gezi Park war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Eine Einschränkung des Alkoholkonsums und der Meinungsfreiheit, desaströse Gesetzesänderungen in der Familienpolitik (z.B. Abtreibungen betreffend), weitere Bauvorhaben… Diese Türkei wollten viele derjenigen, die in der Türkei demonstrieren, nicht haben!

Nach der Blockupy-Demo in Frankfurt erhielten das Innenministerium und die Polizei ein vernichtendes Medien-Echo, gerade von den größten Medien – sonst allerdings gab es wenige Konsequenzen. Die Kundgebung eine Woche später war dann auch von der Polizei aus friedlich gestimmt, sie hielt sich zurück. In der Türkei jedoch wurde die Gewalt gegenüber den Demonstranten jeden Tag etwas härter, als hätte man es mit Staatsfeinden zu tun. Immer wieder möchte ich an die nächtliche Nachricht meiner Istanbuler Freundin erinnern: Wir reden nicht von „stinkenden Terroristen“, wir reden von Menschen, die aufstehen, die sich nicht alles gefallen lassen wollen. Was immer mehr Menschen hinter diese Bewegung bringt, sind die vielen Bilder, die vielen Videos, die man sieht, in denen selbst Kinder, Jugendliche und Alte nicht von den Wasserwerfern und vom Giftgas verschont werden. Hat man das Pech im falschen Stadtteil zu wohnen, kann es durchaus passieren, dass Polizisten auf die Idee kommen, einfach Scheiben einzuschlagen und dort auch mal ein bisschen Giftgas zu versprühen. Ganz nach dem Motto: „Alle in einen Sack hinein – man kann immer nur Richtige treffen“.

Was die Bewegung größer macht, ist diese schwer zu ertragende, sinnlose und vor allem ohnmächtige Gewalt gegen das eigene Volk, die man nicht hinnehmen kann. Ich habe Videos gesehen, in denen Polizisten wie Cowboys durch die Gegend schleichen, mal dorthin mal dahin schießen. Auch hier: als könnte man Unschuldige treffen, das sind doch sowieso alles nur Staatsfeinde – egal, wer von ihnen getroffen wird. Die Leute sind wütend, sie wollen das nicht mehr hinnehmen. Sie kämpfen. Und zwar gemeinsam. Die Demonstranten kennen plötzlich keine Unterschiede mehr, Kurden kämpfen mit Türken und Armeniern, Schwule und Lesben mit Heteros, Aleviten mit Sunniten und orthodoxen Christen, Fans von Fenerbahçe mit denen von Galatasaray. Türken aus der ganzen Welt solidarisierten sich mit den Demonstranten, schickten ihnen per Facebook und Twitter Fotos, machten ihnen Mut, baten sie, weiter zu kämpfen. Und hier sei auch der große Humor, die Ironie zu nennen, die allenthalben zu spüren ist, nicht nur auf vielen Karikaturen, sondern auf Plakaten, Flugblättern, Internetseiten und eben Postings in den Social Media-Kanälen.

Ich sah von Anfang an so viele Bilder und Videos, meine Freunde posteten sie, ich solle sie bitte teilen. Ich teilte sie. Meine anderen Freunde fragten mich: Wieso machst du das? Ich sagte: weil meine Freunde mich baten – und weil ihre Freunde meine Freunde sind. Und weil ich mich mit allen Menschen solidarisieren möchte, die für das Gute, das Richtige kämpfen. Daher bin ich auch schon auf Soli-Demos in Frankfurt gegangen, als einer der wenigen Deutschen, aber ich war da. Ich habe gesagt: Wir unterstützen euch, wir sind für euch da! Wenn Frau Merkel nichts für euch tun möchte, wir tun etwas!

Haben die mich manipuliert, dass ich das alles mache? Haben mich die Blockupyer manipuliert? Ich weiß es nicht. Ich kann nur versuchen, verschiedene Meinungen anzuhören, viele Quellen zu lesen (Blogs und Zeitungen), mit anderen Leuten darüber diskutieren, und dann eine Entscheidung treffen, wo meine Wahrheit liegt. Und die habe ich hiermit kundgetan – nach bestem Wissen und Gewissen.

Quelle aller Bilder: Jannis Plastargias

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