Photoshop und Webdesign – untrennbar vereint oder Partner auf Zeit?
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Welche Rolle spielt Photoshop im Webdesign? Oder anders gefragt: Welche Rolle sollte das Adobe-Tool spielen? Rund um diese Fragen entbrannte auf zwei Webdesign-Blogs eine überaus spannende Diskussion. Die ausgetauschten Argumente wollen wir an dieser Stelle zusammenfassen, denn sie sagen viel darüber aus, wie vielfältig und diversifiziert der Workflow im Webdesign ist.

Den Anfang machte Jason Fried von 37Signals mit seinem Post „Why we skip Photoshop“. Darin erläutert er die Gründe, warum er und sein Team beim Design eines User Interfaces nach einer schnellen Skizze auf Papier in der Regel die Entwicklung mit HTML und CSS fortsetzen. Auf ein in seinen Augen „statisches“ Photoshop Mockup wird verzichtet. Warum?

Fried führt unterschiedliche Gründe an. Der wichtigste sei, dass man ein Photoshop Mockup nicht klicken könne. Ein Photoshop Mockup ist auf dem Bildschirm und wenn etwas auf dem Bildschirm erscheint, sollte es auch funktionieren, argumentiert der Mitgründer von 37Signals. Doch weder Pulldown-Menüs, Links oder Textfelder funktionieren.

Ein weiterer Grund sei, dass Photoshop dem Designer zu viele Tools zur Verfügung stelle, die den Fokus zu sehr auf Details lenken. Dabei sei es zu Beginn doch wichtiger, sich auf den Inhalt und nicht auf die Details zu konzentrieren.

Ein weiteres Problem sei der Aspekt Text beziehungsweise die Probleme, die bei einer Textänderung entstehen: Man muss zurück in die Photoshop-Datei, den Text ändern, als JPG oder PNG exportieren. Eine schnelle on-the-fly-Änderung bei der jemand einfach nur einen Reload-Button klicken muss, um Änderungen direkt zu sehen, sei nicht möglich. Außerdem sehe die Typografie in Photoshop niemals so aus, wie sie am Ende auf der HTML-Seite aussehe.

Darüber hinaus findet Fried, dass Photoshop den Fokus zu sehr auf den Prozess der Produktion, anstatt auf Produktivität setze. Man sei zu sehr darauf fixiert, dass etwas gut aussieht. HTML und CSS ließen den Designer hingegen viel produktiver sein. Und, so ein weiteres Argument, Photoshop führe zu Wiederholungen. Man erstellt das Photoshop Mockup und muss es dann in HTML/CSS nochmal machen. Warum also nicht direkt mit HTML/CSS arbeiten – und falls man darin zu langsam sei, solle man Zeit investieren, um schneller zu werden.

Wer jetzt denkt, dass Fried seinen Fokus sehr auf den Workflow legt, der wird sich durch einen weiteren seiner Gründe in dieser Annahme bestätigt fühlen. Denn Fried wiederholt im Prinzip ein Argument, das er bereits gemacht hat: Photoshop sei weniger gut für die Zusammenarbeit in Teams geeignet. Im Gegensatz dazu seien Änderungen in HTML und CSS für jeden Mitarbeiter nach einem Reload direkt verfügbar.

Last but not least führt Fried einen sehr subjektiven Grund an: Photoshop sei für ihn schon immer ein umständliches Tool gewesen, um einfache Dinge damit zu erledigen, die zum Beispiel mit Stift und Papier viel schneller gemacht wären.

Zahlreiche interessante Argumente, die eine Flut von Kommentaren (über 200) auslösten – naturgemäß eine gute Mischung aus Zustimmung und Ablehnung.

Photoshop? Ja bitte!

Einen sehr ausführlichen und ausgewogenen Kommentar hat Jeff Croft in dem Beitrag „Why we don’t skip Photoshop“ auf seinem Blog gegeben. Seine Antwort auf die Frage wer Recht hat, möchte ich gerne vorweg nehmen: beide!

Wie kommt Jeff Croft darauf? Für ihn ist vor allen anderen Dingen entscheiden, welches Aufgabenfeld ein Design-Team beackert, welche Art von Produkten es herstellt. Und im Falle von Jason Frieds 37Signals gäbe es verschiedene Gründe, warum sie so arbeiten können, wie sie es tun und warum andere Firmen (inklusive Jeff Crofts Blue Flavor) es eben nicht können – als da wären:

37Signals habe eine etablierte visuelle Ästhetik, einen eigenen Look sozusagen. Umfangreiches experimentieren oder das Beschreiten neuer visueller Wege stehe nicht im Fokus. Bei Blue Flavor hingegen unterscheide sich fast jedes neue Projekt drastisch vom vorherigen. Und deswegen benötige Blue Flavor – und alle, die ähnlich arbeiten – Tools, um verschiedene Design-Ansätze auszuloten.

Darüber hinaus sei der Look von 37Signals Produkten von einer eher simplistischen Ästhetik geprägt. Dies solle kein Angriff sein, weil genau diese Ästhetik für die 37Signals Produkte wunderbar funktioniere. Allerdings könne man die simplistischen Designs von 37Signals sehr gut mit CSS reproduzieren. Doch wenn solch ein Ansatz für ein Produkt nicht optimal ist, man beispielsweise ausgefeiltere Texturen, Farbverläufe oder abgerundete Ecken benötige, ist  das mit CSS nur schwer zu realisieren und Photoshop deswegen eine gute Wahl.

Der gewichtigste Grund für Jeff Croft ist allerdings: der Kunde. 37Signals sei keine Firma, die für Kunden arbeite. Sie produzieren Produkte unabhängig. Für eine Firma, die für Kunden arbeitet, seien Photoshop Mockups hingegen unerlässlich, um über das Projekt zu diskutieren und es am Ende abzuschließen. Das erspare außerdem Probleme zu einem späteren Zeitpunkt. Würde man direkt mit HTML und CSS loslegen und dem Kunde gefiele die Gestaltung nicht, wäre es mehr Arbeit an den Anfang zurückzukehren und von vorne anzufangen. Man müsse einfach vor der Entwicklungsarbeit wissen, ob der Kunde mit der eingeschlagenen Richtung zufrieden sei.

Besonders erhellend ist, was Croft aus eigenen Erfahrungen mit der direkten Entwicklungs- bzw. Gestaltungsarbeit in HTML und CSS berichtet: Er bezeichnet sich als recht versiert in CSS und hatte den Ansatz Photoshop außen vor zu lassen in seiner Zeit vor Blue Flavor selbst ausprobiert. Für eine Weile sei er damit auch sehr zufrieden gewesen. Der Workflow war schneller. Doch bemerkte er bald, dass all seine Design sehr simplistisch ausfielen und nicht die komplette Bandbreite an Möglichkeiten ausschöpften. Er hatte sich also darauf begrenzt, seine Designs nur so zu gestalten, wie es ihm ohne ein Tool wie Photoshop möglich war.

Jeff Crofts Fazit: Es mag für jeden Webdesigner eine Zeit kommen, in der sich ein Abschied von Photoshop anbietet und der Workflow durch direktes Coden in HTML und CSS die besseren Ergebnisse liefert. Bis man allerdings an diesem Punkt angekommen ist, kann ein Tool wie Photoshop wichtige Dienste leisten. Am Ende kommt es darauf an, welchen Workflow man präferiert und welche Produkte man herstellt.

Kein Photoshop vor 5 Jahren – und heute?

Mit voller Absicht haben wir Euch ein ganz wichtiges Detail zur obigen Diskussion vorenthalten: Sie fand bereits vor etwas mehr als fünf Jahren statt. Doch bitte fühlt Euch nicht hinters Licht geführt, das war nicht unsere Absicht. Vielmehr finden wir, dass das Thema auch fünf Jahe später immer noch höchst relevant ist. Deshalb fragen wir Euch: Was hat sich bis heute geändert? Wie ist es bei Euch? Ist Photoshop für Euch ein unersetzbares Tool oder verzichtet manch einer inzwischen darauf, und wenn ja: aus welchen Gründen? Lasst es uns mithilfe der Kommentarfunktion wissen.

Veranstaltungstipp

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Aufmacherbild: Web design Foto von Shutterstock / Urheberrecht: Krasimira Nevenova 

 

 

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