Politik im digitalen Zeitalter: Sind soziale Medien entscheidend für den bevorstehenden Wahlkampf? [Gastbeitrag]
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Das digitale Zeitalter ist zugleich ein Fluch und ein Segen für unsere Politiker. Einmal im „Scheinwerferlicht“ von Facebook & Konsorten und schon muss man sich auf einmal für alles rechtfertigen: Welches Auto man fährt und weshalb, warum man welches Handy als Geschäftstelefon der Angestellten bevorzugt  … Dank Smartphones, Tablets und Laptops verbreiten sich Nachrichten mit einer Geschwindigkeit, die früher einfach nicht möglich gewesen wäre. Das wurde auch Mark Harper schnell klar: Der britische Parlamentsabgeordnete wurde vor einigen Wochen im Londoner Partyviertel Soho gesichtet, als er sich den Fuß brach, nachdem er tanzend von einem Tisch fiel. Stunden später war die Nachricht auf BBC Online und schnell mit dem allgegenwärtigen Smartphone  auf BBM und Whatsapp verschickt, geteilt und weitergezwitschert. Harper kann sich glücklich schätzen, denn die Briten haben das weitgehend mit Humor genommen und nicht weiter darauf herumgeritten – in den USA hätte die Geschichte auch anders ausgehen können.

Social Media makes the world go round

In einer Zeit, in der man mehr Menschen mit Tablet als mit einem Buch sieht, können soziale Medien einen Politiker auf der Popularitätsleiste weit nach oben katapultieren oder auch komplett ruinieren. Ein verbaler Fauxpas kann also, noch bevor der Verantwortliche fertig gesprochen hat, per Smartphone auf Twitter landen und innerhalb von Stunden global bekannt sein. Mit sich immer verbessernden Apps und Betriebssystemen wird es Nutzern leicht gemacht, soziale Medien immer häufiger und intensiver zu nutzen. BlackBerry und Windows haben erst vor einigen Monaten demonstriert wie schnell Technologie sich wandeln kann – Welten liegen zwischen Windows 7 und 8 bzw. BlackBerry 7 und 10. Dieser Schwall an Innovationen lädt User natürlich dazu ein, jeden politischen Ausrutscher per Smartphone weiterzugeben – und wer könnte es ihnen übel nehmen?

Im Lichte des bevorstehenden Wahlkampfes in Deutschland, rückt nun auch die Online-Präsenz unserer Politiker stärker in den Vordergrund. Laut einer Studie der Bitkom, „Demokratie 3.0“, sind 48 Prozent der 18-29-Jährigen der Meinung, dass das Internet und soziale Medien entscheidend für den Ausgang dieses Wahlkampfes sein werden. Darüber hinaus vertreten 73 Prozent der wahlberechtigen Bevölkerung und stolze 83 Prozent der befragten 18-29-Jährigen die Ansicht, dass Politiker das Internet nutzen sollten, um direkt mit Bürgern und Wahlbeteilgten zu kommunizieren.

Glaubt man diesen Ergebnissen, dann befindet sich die derzeitge Bundeskanzlerin Merkel in einer guten Position: Sie hat mit rund 250 000 Followern, auf verschiedene soziale Netzwerke verteilt, die Nase vorn. Kritische Stimmen haben allerdings bereits geäußert, dass diese Zahl, verglichen mit den 60 Millionen Wahlberechtigen in der Bundesrepublik, relativ bescheiden ist. Zum Kontrast: Barack Obama hat, Twitter und Facebook zusammengenommen, ca. 66 Millionen US Fans, was über 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Es gibt auch eine Welt außerhalb von Facebook?

Trotz des Hypes um die Präsenz auf sozialen Medien, dürfen wir die Macht von Fernseh-Debatten und direktem zwischenmenschlichem Kontakt nicht unterschätzen. Nicht umsonst sind Historiker der Ansicht, dass die erste politischeTV-Debatte 1960 Kennedy gegenüber Nixon den Wahlvorsprung verschaffen hat, der schlussendlich entscheidend war. Das Konzept ist immer das gleiche: Ob durch Zeitungen, Fernsehsendungen oder das Internet, die Nachricht muss verbreitet werden. Sei das eine politische Botschaft oder die Marketingkampagne einer großen Marke – das Medium der Kommunikation ist ebenso wichtig wie die Nachricht, die überbracht wird. Aber welcher Weg ist der beste, um die Masse zu erreichen? Keiner. Zu diesem Zeitpunk sprechen soziale Medien einen großen Teil der Bevölkerung an, aber nunmal nicht jeden Bundesbürger. Debatten und direkter Kontakt sind wichtig, um diejenigen Wähler zu erreichen, die sich selbst als nicht sonderlich Technik-affin bezeichnen würden. 

Die eigene Zielgruppe kennen

Der Grund, weshalb Politiker gut beraten sind, soziale Medien stark zu nutzen, liegt in der Zielgruppe. Die oben genannten 83 Prozent der 18-29-Jährigen formen den Teil der Gesellschaft, der durch eine gute Online-Präsenz beeinflusst werden kann. Viele sind Neuwähler oder Unentschlossene, die um an Informationen zu gelangen, häufiger ihr Smartphone als ihren Fernseher nutzen und deshalb leicht und effektiv über den digitalen Weg erreicht werden können. Ohne zu behaupten, dass ein direkter, kausaler Zusammenhang zwischen Online-Präsenz und Wahlerfolg besteht, es ist dennoch auffallend, dass Obama letztes Jahr viermal so viel Wahlkampfgeld für digitale Kampagnen ausgegeben wie Mitt Romney.

All denjenigen, die der Meinung sind, dass soziale Medien den Wahlerfolg nicht direkt beeinflussen sei gesagt: Sie können zumindest eine Hilfe sein, jüngere Leute politisch zu erziehen, denn dank Smartphones ist beispielsweise Twitter ein guter Weg, um eine politische Botschaft (oder ein Gerücht) zu verbreiten.

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