Porno-Abmahnwelle: Gericht verwechselt Streaming mit Filesharing
Kommentare

Die Abmahnwelle gegen Besucher des Porno-Streaming-Portals redtube nimmt scheinbar kein Ende. Hatten wir gestern noch berichtet, dass sich die Zahl der Abgemahnten auf 10.000 Nutzer erhöht hat, deutet inzwischen vielen darauf hin, dass sogar Zehntausende Nutzer betroffen sind.

Diese Annahme stützt sich auf die Berliner Anwälte Werdemann / von Rüden, die das Portal Abmahnhelfer.de betreiben. Sie teilen mit, dass sie seit Mitte der letzten Woche mit weit über 1.000 Betroffenen telefoniert haben – offenbar alles Kunden der Deutschen Telekom. Anhand der entsprechenden Aktenzeichen scheint es, als ob zehntausende Telekomkunden eine Abmahnung erhalten haben. Ferner schließen die Anwälte nicht aus, dass in den nächsten Tagen noch weitere Internet-Provider zu einer Auskunft über IP-Adressen verpflichtet und somit noch weitere Besucher von redtube unangenehme Post erhalten werden. 

Der Ablauf des gesamten Vorgangs ist überaus ominös. Nach Schilderungen auf Abmahnhelfer.de gibt es einen Auskunftsbeschluss des Landgerichts Köln (in diesem Gerichtsbezirk hat die Telekom ihren Sitz), der 1.000 IP-Adressen listet, die auf den Film „Amanda’s Secrets“ zugegriffen haben sollen. Ursprünglicher Hersteller des Filmchens ist die in Barcelona ansässige „Serrato Consultors S.L.“, die im Juni 2013 die kompletten Auswertungsrechte des Pornos an die Berliner Firma „Hausner Productions“ übertrug. Diese wiederum transferierte „verfahrensgegenständliche Rechte“ im Juli an die „The Archive AG“. Laut Abmahnhelfer.de ist die Hauptbeschäftigung von „The Archive AG“, Urheberrechtsverletzungen im Web zu verfolgen, insbesondere im Bereich von Streaming-Diensten, Filesharing oder Download-Angeboten. Tätig für „The Archive AG“ ist der für Filesharing-Abmahnungen berüchtigte Rechtsanwalt Daniel Sebastian, der vor dem Kölner Landgericht auch die Auskunftsansprüche geltend gemacht hat.

Inzwischen ist offenbar auch erstmals die Frage geklärt, wie man an die IP-Adressen der Abgemahnten gelangte. Angeblich kam dabei die Software „GLADII 1.1.3“ der Firma itGuards Inc. zum Einsatz. Rechtsanwalt Sebastian schildert die Vorgehensweise so:

Dateien bzw. Dateibündel werden eindeutig durch eigene URL, mithin eine einzigartige Rescourcenverweisung (Link) identifiziert. Für jeden dieser Links existiert ein einzigartiger, sogenannter Hash-Wert, der mit dem digitalen Fingerabdruck einer Datei oder eines Links vergleichbar ist und diesen unverwechselbar macht. [ … ] Nach dem Sammeln dieser Daten zu den einzelnen urheberrechtlich geschützten Werken, werden diese zur Probe heruntergeladen. Diese Dateien werden dann mittels manueller Hör- und Sichtprobe daraufhin überprüft, ob sie tatsächlich urheberrechtlich geschütztes Material enthalten.

Laut Rechtsanwalt Johannes von Rüden, einer der Betreiber von Abmahnhelfer.de, erinnere die Funktionsweise der Software sehr stark an die Programme, die zur Überwachung von Filesharing-Netzwerken genutzt wird. Die korrekte Funktionsweise der Software wurde in der Vergangenheit bereits durch Gutachter bestätigt – zumindest für die Überwachung von Filesharing-Diensten. Allerdings ist unklar, ob die Technologie auch für den Einsatz auf Streaming-Portalen geeignet ist. Ob dies dem Gericht bewusst war, ist ungeklärt. Darüber hinaus hält von Rüden die Tatsache, dass Mitarbeiter die Daten heruntergeladen, angehört und angesehen hätten, hält er für Humbug. Damit seine die IP-Adressen womöglich „unter Verstoß gegen das Datenschutzgesetz herausgegeben worden“.

Doch es wird noch viel besser. Denn als viel spektakulärer könnte sich ein Fehler des Kölner Landgerichts erweisen. Johannes von Rüden hat nach Akteneinsicht festgestellt, dass das Landgericht in seinem Beschluss zur Auskunftserteilung davon ausgegangen war, dass es sich bei redtube um eine Tauschbörse handelt. „Durch das unbefugte öffentliche Zugänglichmachen des geschützten Werkes über eine sogenannte Tauschbörse liegt eine Rechtsverletzung des §19 des Urheberrechtsgesetzes vor“, steht in dem Antrag, mit dem das Landgericht die Deutsche Telekom zur Auskunft von Namen und Adressen der betroffenen Nutzer verpflichtet hat.

Offenbar wurde das Gericht Opfer seines geringen technischen Verständnisses, unter Umständen wurde es auch durch die Beschreibungen der Software getäuscht. „Das Landgericht Köln sollte offenbar hinters Licht geführt werden“, erklärt von Rüden auf Abmahnhelfer.de.

Gegenüber stern.de erklärte Christian Hoppe, Pressesprecher des Landgerichts Köln, dass er nicht ausschließen könne, „dass es sich bei der Nennung des Begriffs „Tauschbörse“ nur um ein Versehen handele“. 

Es bleibt also weiterhin spannend und es scheint, als ob wir zu dieser Porno-Abmahnwelle noch einiges zuhören bekommen.

 

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -