Quantified Self – Selbsterkenntnis durch Zahlen
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Einst von Pionieren wie Gordon Bell als sogenanntes Lifelogging erdacht und vom IT-Intelektuellen und „Wired“-Gründer Kevin Kelly populär gemacht, ist die Quantified Self Bewegung inzwischen viel mehr als eine Randerscheinung. Zugegeben, noch vor einigen Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, die Bewegung bestünde aus einem Haufen Nerds, die als langweilige Selbstvermesser ein Leben nach Zahlen führen.

Inzwischen ist Quantified Self allerdings ein boomender Trend, dessen Potenzial von immer mehr Unternehmen entdeckt und zu einem rentablen Geschäftszweig entwickelt wird, der teilweise ganze Quantified-Self-Ökosystem umfasst. Darüber hinaus ist es ein ideales Feld für Startups, die zur Zeit mit innovativen Ideen zum Self-Tracking bei Investoren immer öfter auf offene Ohren stoßen.

Ein Blick zurück

2007 wurde die Website quantifiedself.com von den amerikanischen Journalisten Kevin Kelly und Gary Wolf ins Leben gerufen. Nach und nach konnten die beiden andere für ihre Self-Tracking-Leidenschaft und das Motto „Self-knowledge through numbers“ gewinnen und schon bald trafen sich Gleichgesinnte zu Meetups Groups, um sich über ihre Erfahrungen und Ideen auszutauschen. 

Quantified Self Logo

Die Quantified Self Bewegung wurde 2007 ins Leben gerufen (Bildquelle: quantifiedself.com)

Mittlerweile sind einige Jahre ins Land gezogen, die Bewegung ist von Nordamerika und den Städten New York, Boston nach Europa geschwappt, fasste zuerst in London und Amsterdam Fuß und findet inzwischen auf dem ganzen alten Kontinent immer mehr Anhänger. 

Auf der diesjährigen webinale stellte Florian Schumacher den Teilnehmern in seiner Keynote „The Quantified Self“ die Self-Tracking-Bewegung im Detail vor. Schumacher ist quasi ein deutsches Qantified-Self-Urgestein: Er ist Gründer von Quantified Self Deutschland, leitet die Meetup-Gruppen in München und Berlin, ist Trendscout von Wearable Technologies und Gründer des Startups Chronio.

Self-Tracking goes Mainstream

Laut Schumacher gibt es mittlerweile 116 Quantified Self Gruppen in weltweit 33 Ländern mit fast 20.000 Mitgliedern. Die Bereiche, in denen sich das Self-Tracking breit macht, werden immer vielfältiger. Beispiele für Selbstvermessung in den Naheliegendsten hat vermutlich jeder schon einmal gesehen oder sogar selbst ausprobiert. Gerade Apps oder Gadgets in den Bereichen Sport und Gesundheit erfreuen sich immer größere Beliebtheit. Es gibt Apps und Gadgets zum Tracken oder Überwachen des Diätfortschritts, zur Fitness, zum Gewicht, zur Unterstützung beim Aufhören mit dem Rauchen, für Allergien oder für Diabetiker. Immer häufiger sieht man beispielsweise Menschen mit Fitnessbändern einschlägiger Hersteller oder sogar mit in die Sportschuhe integrierten Sensoren. 

Weitere interessante Felder, in denen Self-Tracking an Fahrt aufnimmt sind Produktivität, Kognition/Gehirntraining, Stressbekämpfung/-abbau, Depressionserkennung oder Sex und Dating. 

Einen Überblick zu erhältlichen Self-Tracking-Gadgets bietet die Quantified Self Website. 43 Tools werden hier gelistet – von WiFi-Waagen über Stress Eraser und Sleeptracker bis hin zu Herzfrequenzmonitoren. 

Abgesehen von direkt nachvollziehbaren Motivationen wie abnehmen, fitter oder intelligenter werden oder mit dem Rauchen aufhören – welche tieferen Ziele steckt hinter der Quantified Self Bewegung? Ein Zitat von Kevin Kelly aus der damaligen Zeit verdeutlicht den fast schon idealistischen Ansatz, den die Quantified Self Bewegung damals als Zielsetzung ausgegeben hatte: 

We are on a quest to collect as many personal tools .. that help us see and understand bodies and minds so that we can figure out what humans are here for.

 

Lebensqualität steigern

Auch heute wird diese Ursprungsidee weiter hoch gehalten und in abgewandelter Form gepflegt. Menschen, die sich selbst vermessen, tun dies zunächst einmal zum persönlichen Nutzen. Man will eine objektivere Sicht auf sich selbst gewinnen und dabei gleichzeitig die Lebensqualität steigern, beispielsweise indem dem Nutzer geholfen wird, schlechte Gewohnheiten abzulegen. Neue Technologien erfassen Daten über den Körper, das Verhalten oder die Umwelt ihres Nutzers, analysieren diese und geben Handlungsempfehlungen aus.

Beispiele wie Self-Tracking-Instrumente das Leben von Menschen fundamental verbessern gibt es zu Hauf. Florian Schumacher berichtete vom Gründer der Kölner Quantified Self Gruppe. Dieser war durch einen Schlaganfall zum Thema Quantified Self gekommen, denn er hatte in der Folge seine Motorik und seine Sprechfähigkeit trainieren müssen. Speziell für das Sprachtraining hatte er eine App geschrieben, um damit Übungen zu machen und den Fortschritt zu analysieren. Daraus und weiteren Apps ist inzwischen ein Unternehmen entstanden, das mit seinen Produkten Menschen bei der Regeneration unterstützt.

Kein Quantified Self ohne mobile Geräte

Dass Quantified Self vom Nischentrend zum Massenphänomen werden konnte, hat maßgeblich mit der technologischen Entwicklung zu tun. Insbesondere mobile Geräte haben für die Bewegung wie eine Art Turbo gewirkt. Es ist also kein Zufall, dass der Beginn der Quantified Self Bewegung 2007 mit dem Erscheinen des ersten iPhones korrespondiert. Plötzlich war die permanente Datenerfassung, beispielsweise durch GPS-Sensoren, in einem vorher undenkbaren Umfang möglich. 

Heutzutage bauen so gut wie alle Self-Tracking-Ansätze entweder auf den in Smartphones bereits enthaltenen Sensoren oder auf einer Kombination von externen Sensoren und Smartphone-Apps auf. Genau diese Kombination bietet Startups einen fruchtbaren Boden für neue Ideen und Ansätze. Dazu gesellen sich die Faktoren Internet und soziale Medien: Man ist praktische permanent online und kann seine Daten auf Wunsch mit anderen teilen und von diesen kommentieren lassen. Die Omnipräsenz von mobilen Geräten, im Prinzip jedes verkaufte Smartphone, wird die Popularität von Self- Tracking weiter steigern und dem Thema mehr Bedeutung verleihen. 

Je mehr Informationen immer mehr Menschen über sich sammeln, desto größer wird täglich die Menge der Daten, die täglich durch Self-Tracking entstehen. Dadurch ist aus Self-Tracking auch ein Big Data Thema geworden. Denn in Zukunft gilt es, Systeme und Plattformen anzubieten, die die Quantified Self Daten von Millionen von Usern speichern, strukturieren und analysieren können.

Weitere Einblicke in Quantified Self bekommt Ihr im folgenden Interview mit Florian Schumacher. Am Rande der webinale 2013 konnte ich mit ihm über das Thema sprechen. Unter anderem sprachen wir über die deutschen Quantified Self Meetup Gruppen, die Geschichte des Self-Tracking-Trends, ausgefallene Gadgets und das Phänomen der Miniaturisierung.

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