#schlandnet – Deutschlandnetz-Pläne sind Humbug
Kommentare

Wir haben vor einigen Tagen schon mal über die Pläne der Deutschen Telekom berichtet, ein sogenanntes Deutschlandnetz auf den Weg zu bringen. Die Idee dahinter: Sicherstellen, dass bestimmte Daten, die durchs Netz geschickt werden, Deutschland nicht mehr verlassen. Das von der Telekom mit vorgeschobene Ziel: Durch die Absicherung des Datenverkehrs der Geheimdienstschnüfffelei Einhalt zu gebieten und die persönlichen Daten jedes einzelnen sicherer zu machen.

Zu Recht hagelte es von allen Seiten Kritik. Positive Stimmen gab es allerdings auch … einige wenige zumindest. Und sie kamen natürlich von Akteuren, denen eine solche Infrakstruktur in die Karten spielt, allen voran Innenminister Hans-Peter Friedrich und Noch-Telekom Chef René Obermann.

Auch ein Meme zur Kontroverse darf nicht fehlen und so hat #schlandnet einige unterhaltsame Kommentare zum Deutschlandnetz hervorgebracht (hier ein Storify von Zeit Online mit einer #schlandnet Sammlung).

Peering: das Fundament des Netzes 

Doch um die Gesamtsituation zu verstehen, muss man sich die Ausgangslage genau vor Augen führen. Gemäß üblichen Gepflogenheiten erlauben Provider – also Besitzer von Datenleitungen – dass die Daten anderer Anbieter durch ihre Leitungen passieren. Dieses Verfahren nennt man Peering und die Provider erheben dafür untereinander im Regelfall keine Kosten.

Bestes Beispiel dafür ist der DE-CIX in Frankfurt. Schon 1995 hatte man damit begonnen, diesen großen Peering-Knotenpunkt aufzubauen. Inzwischen ist er, gemessen am Durchsatz, der größte Peering-Knotenpunkt der Welt. Er ermöglicht deutschen Providern den Datenaustausch untereinander. Die Notwendigkeit, Daten zuerst zu einem Peering-Knoten in die USA zu schicken, entfällt damit. Allerdings nur theoretisch. Denn Anbieter, die Datenverkehr in Richtung Telekom schicken wollen, routen diesen trotzdem oft genug über amerikanische oder britische Carrier. Denn mit denen können sie kostenfrei peeren. 

Telekom geht eigenen Weg

Die Telekom hingegen meidet den kostenlosen Austausch, peert nicht am DE-CIX und setzt gleichzeitig darauf, dass andere Provider gar nicht anders können, als Verbindungen mit ihr zu unterhalten und dafür auch zu zahlen. Sie kann es sich angesichts ihrer Stellung auf dem deutschen und europäischen Markt leisten, sogenannte Peering-Agreements, also eine vertragliche Regelung der beidseitigen Datenaustausch, selbst abzuschließen. Lediglich mit anderen Carrieren des sogenannten Tier 1 Netzwerks vereinbart die Telekom Peering.

Damit wird deutlich, welche Auswirkungen ein rein nationales Netz haben könnte. Die Begründung, es gehe um Netzsicherheit bzw. die Sicherheit von persönlichen Daten ist deswegen fadenscheinig. Beabsichtigte man in Bonn tatsächlich den Datentransfer komplett innerhalb Deutschlands abzuwickeln, hätte es schon lange Zeit die Gelegenheit gegeben, mit anderen deutschen Providern Peering-Beziehungen aufzubauen – beispielsweise am DE-CIX. Davon mal abgesehen muss man sich fragen, inwiefern eine solche Abschottung nach außen mit dem globalen Kommunikationsweg Internet zusammenpasst. Reaktionär ist ein Wort, das mir in diesem Zusammenhang einfällt.

Marketing im Fahrwasser des NSA-Skandals

Hinter der Deutschlandnetz-Initiative steckt deshalb vor allem eins: Man versucht, mit der Empörung über die Spähmaßnamen von NSA & Co. Geld zu machen, und zwar indem man den Leuten erzählt, ein Deutschlandnetz brächte einen enormen Zuwachs an Sicherheit.

Dabei ist mehr als fraglich, inwiefern ein solches Netz überhaupt Sicherheit gibt. Wer sagt uns denn, dass sich NSA oder der britische GCHQ wirklich nur auf das Ausspähen von internationalen Leitungen verlassen und nicht auch technisch in der Lage wären, nationale Leitungen und Backbones auszuspionieren. Von den deutschen Nachrichtendiensten und den Möglichkeiten, die sich mit einem Deutschlandnetz ergäben (kein durchs Ausland fließender Datenverkehr = kein Datenverkehr, der an BND & Co. vorbeifließt) brauchen wir gar nicht sprechen.

Darüber hinaus kann man davon ausgehen, dass Provider die Kosten für ein Peering mit einem von der Telekom kontrollierten Netz an ihre Kunden weiter geben. Man könnte sich mit großer Sicherheit auf teurere Tarife gefasst machen. Wollen wir das wirklich?

Aufmacherbild: Engineering in data center room Foto via Shutterstock / Urheberrecht: watcharakun 

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -