Studie über Facebook-Neid: Interview mit den Verfassern
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Die Meldung ging gestern durch Land: „Die Teilnahme in sozialen Netzwerken wie Facebook kann bei den Nutzern starke negative Emotionen hervorrufen und die Lebenszufriedenheit beeinträchtigen.“ Das ist das zunächst einmal überraschende Ergebnis einer Studie von Wirtschaftsinformatikern der TU Darmstadt und der Humboldt-Universität Berlin, in deren Rahmen rund 600 Nutzer und Nutzerinnen von Facebook befragt worden waren.

Im Zentrum der Studie standen die Gefühle der User. Und die sind laut den Ergebnissen der Wissenschaftler zu einem großen Teil negativ: Über ein Drittel der Befragten empfand vornehmlich negative Gefühle wie Frustration. Als Hauptgrund haben die Wissenschaftler um Projektleiterin Dr. Hanna Krasnova (Humboldt-Universität), Professor Dr. Peter Buxmann, Dr. Thomas Widjaja und Helena Wenninger M.SC. (alle TU Darmstadt) Neid identifiziert. Neid auf positive Nachrichten von Freunden, schöne Urlaubsfotos oder Berufserfolge. Für die Wissenschaftler resultiert dieser Neid aus dem sozialen Vergleich, der nirgends so einfach anzustellen ist wie in sozialen Netzwerken und der scheinbar Mitglieder, die selbst kaum aktiv im sozialen Netzwerk sind, negativer beeinflusst als aktive Mitglieder.

Doch damit nicht genug, denn darüber hinaus konnte man gestern auch häufig das Wort „Neidspirale“ hören. Damit beschreiben die Wissenschaftler einen paradoxen Prozess, der sich aus den negativen Neidgefühlen ergibt: Aus Neid auf die positiven Profile anderer verleitet Nutzer zu einer ausgeprägteren Selbstdarstellung auf Facebook. Das wiederum fördert die Neidgefühle bei anderen – ein Social-Media-Teufelskreis also.

 Wir haben uns mit Dr. Krasnova und Professor Dr. Buxmann über ihre Studie unterhalten. Neben der Frage, wie man überhaupt darauf kommt, eine Studie über den Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und Lebenszufriedenheit zu erstellen, haben wir gefragt, warum sich die Facebook-Nutzer so etwas antun, einem potenziellen Zusammenhang zwischen Neidgefühlen und gesteigerter Aktivität und dem Fokus einer weiterführenden Studie.

WebMagazin: Dr. Krasnova, was war der Auslöser eine Studie über den Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und Lebenszufriedenheit zu erstellen?

Dr. Krasnova: Facebook wird von etwa einem Drittel der Deutschen genutzt und einem Siebtel der Weltbevölkerung genutzt. Da hat uns interessiert, welche Konsequenzen die Nutzung auf das Leben dieser Menschen hat.

WebMagazin: Aus sozialem Vergleich, den Facebook-Nutzer anstellen, resultiert oft ein Gefühl von Neid, das sich scheinbar bei denjenigen, die Facebook eher passiv konsumieren (also hauptsächlich die Beiträge anderer lesen), stärker ausgeprägt ist. Warum tun sich Nutzer so etwas an? Liegt darin so etwas wie eine masochistische Ader?

Dr. Krasnova: Menschen vergleichen sich eigentlich ständig, das hilft, dass sie sich selbst besser einschätzen können. Bei Vergleichen mit Leuten, die schlechter sind als man selbst, fühlt man sich danach oft besser. Vergleicht man sich jedoch mit Leuten die besser sind als man selbst oder Dinge, Attribute besitzen, die man selbst nicht hat oder gern hätte, kann das leicht Neid auslösen. Facebook bietet eine perfekte Plattform, sich mit anderen zu vergleichen und kann deshalb sehr leicht Neid auslösen. Facebook bietet aber nicht nur die Möglichkeit, Informationen zu konsumieren, sondern auch sich mit anderen auszutauschen und Kontakte aufrecht zu erhalten oder zu intensivieren. Das kann positive Konsequenzen haben.

WebMagazin: Ist die Neidspirale, die die Studie konstatiert, nicht letztendlich so etwas wie das perfekte Geschäftsmodell, den offensichtlich resultiert daraus eine gesteigerte Aktivität auf Facebook?

Dr. Krasnova: Die Neidspirale sorgt natürlich erst einmal dafür, dass mehr Inhalte gepostet werden. Wird die Unzufriedenheit mit dem Netzwerk und die Neidgefühle jedoch zu groß, kann es gut sein, dass die Nutzer die Plattform ganz meiden und aus Facebook austreten. Das ist natürlich der worst case für den Netzwerkanbieter, da der Erfolg auf einer großen Mitgliederzahl beruht.

WebMagazin: Welche Aspekte sollen im Fokus der weiterführenden Studie stehen?

Dr. Krasnova: Auf kulturelle Unterschiede soll der Fokus einer weiterführenden Studie gelegt werden. Beneiden Leute in anderen Ländern, andere Dinge, Menschen, Beziehungen.. als die Deutschen? Sind Deutsche vielleicht besonders neidisch verglichen mit anderen Nationen?

WebMagazin: Vielen Dank für das Gespräch!

 

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