Tempora: Warum Google heute Antoni Gaudi und nicht George Orwell gratuliert
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1984, Winston Smith kämpft für den Schutz seiner Privatsphäre, in einem Staat, der seine Bürger überwacht. Big Brother is watching you! Die Rede ist vom Protagonisten des Romans 1984 von George Orwell. Das Buch ist 1946 unter dem Eindruck der Nazi-Diktatur, des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts entstanden und zeichnet ein düsteres Szenario eines Überwachungsstaates der jedes Gespräch und jede Bewegung seiner Bürger registriert. 1946 gab es noch kein Internet und das Jahr 1984, das gleichzeitig der Titel des Buches ist, lag noch in weiter Ferne.

Heute schreiben wir den 25. Juni 2013, es ist der 110. Geburtstag von George Orwell und das Thema des Tages sind die Spähprogramme Tempora und Prism. Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, haben die britische und die US-Regierung seit Jahren die Aktivitäten von Internet-Nutzern weltweit erfasst. Edward Snowden, Ex-CIA-Mitarbeiter, brachte die streng geheimen Spionage-Machenschaften ans Licht und ist nun auf der Flucht.

Laut Snowden wurden transatlantische Datenverbindungen sowie GCHQ Internetknotenpunkte angezapft und die Daten bis zu 30 Tage gespeichert. Auch die Telefon- und Internet-Kommunikation deutscher Bürger wurde dabei über ein zentrales Glasfaserkabel abgefangen.

Ähnlich wie bei einem Schleppnetz wurden dabei alle Daten erfasst und auf kriminelle Aktivitäten hin gescreent. Big Brother is watching you!

Wie US-Behörden nun bekanntgaben, konnten dank Tempora und Prism rund 50 Anschläge verhindert werden. Ein schwacher Trost für alle anderen Internet-Nutzer, deren Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung mit Füßen getreten wurde.

Aus #Neuland wird George-Orwell-Land

Während unsere Kanzlerin noch verständnisvolle Worte zum US-Spionageskandal Prism fand und beim Besuch Obamas in Berlin das Internet beschwichtigend als „Neuland“ bezeichnete, verlangt die Bundesregierung heute von der britischen Regierung Auskunft über Tempora.

Happy Birthday Mr. Orwell, es scheint, als würden sich Ihre düsteren Prophezeihungen rechtzeitig zu Ihrem 110. Geburtstag zumindest teilweise erfüllen. Nur beim Datum haben Sie sich um knapp dreißig Jahre verrechnet, aber das passiert jedem Propheten mal.

Wo ist das Orwell-Doodle von Google?

In der Regel ehrt Google große Persönlichkeiten zu runden Jubiläen mit Doodles. Wer heute aber auf die Startseite von Google blickt, findet nicht etwa ein düsteres George-Orwell-Doodle, sondern bunte Fassaden und Skulpturen von Antoni Gaudi. Schließlich würde der katalanische Architekt heute seinen 161. Geburtstag feiern, das sind immerhin 51 Jahre mehr als bei George Orwell – klingt einleuchtend. Oder hatte Google mit einem Gaudi-Doodle angesichts des Spionageskandals ein besseres Gefühl? Barcelona, Sommer, Sonne: Da will man doch glatt in der Google-Suchleiste das nächste Urlaubsziel eintippen und gedanklich ein wenig in die Ferne schweifen.

Wie hätte heute ein alternatives Doodle zum runden Geburtstag George Orwells ausgesehen? Vielleicht Kameras, die auf die Google-Suchleiste gerichtet sind oder eine lustige Doodle-Funktion, die jedes Suchwort auf einer öffentlichen Website veröffentlicht? In so einem Fall wären die Nutzer dem Suchmaschinendienst ferngeblieben. Nein, Statements zu aktuellen Debatten zur allgemeinen Netzfreiheit liegen Google nicht sonderlich; da kommt das 161. Jubiläum von Herrn Gaudi und seine schönen Fassaden gerade recht.

gaudi doodle

Bildquelle Screenshot Google

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