Visuelle Social-Media-Plattformen – I’m sexy and I know it!
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Mittlerweile tummeln sich die meisten von uns auf Facebook und Twitter und pflegen ihre Accounts fleißig – der digitale Freundeskreis wächst mit jeder Party, auf der man neue Leute kennenlernt und der Facebook-Stream wird immer voller und voller. Texte werden nicht gelesen, Bilder gehen in der Masse unter und werden in einen separaten Ordner abgelegt und fristen dort ein trostloses Dasein weitab vom Licht und der Anerkennung der Öffentlichkeit. Unlängst gehen viele User dazu über, vornehmlich Bilder zu teilen, die eine klare Botschaft transportieren und hier und da mit kürzen Texten untertitelt sind.

Diesen Trend haben die Macher von Visuellen Social-Media-Plattformen wie Pinterest bereits frühzeitig erkannt und bieten eine interessante Alternative zu Facebook, Twitter und Google+, indem, sie weitgehend auf Texte verzichten und Bilder sprechen lassen. Mit einem 31-köpfigem Team, einem winzigen Büro und einem geschätzten Wert von 1,5 Milliarde Dollar ist Pinterest der Überflieger der Social-Media-Landschaft 2012.

pinterest

Quelle aller Bilder: pinterest.com

Andere visuelle Plattformen wie bo.lt, scrollsy.com, nuji.com, Instagram, zoomsphere.com, getvega.com oder weheartit.com haben denselben Weg eingeschlagen und setzen ebenfalls auf Bilder statt Worte.

Poesiebücher vs. Fotoalben

Was ist nun das Erfolgsrezept einer so schnell wachsenden Plattform wie Pinterest? Gehen wir gedanklich zehn Jahre zurück: Jeder hatte noch Fotoapparate. Mit diesen konnten wir nur fotografieren, sonst nichts – keine E-Mails beantworten, keine Kurznachrichten verschicken.

Vornehmlich wurden Fotoapparate zu Geburtstagsfeiern und Urlaube mitgenommen und die damit gemachten Bilder landeten anschließend in Alben – könnt Ihr Euch noch erinnern? Andere Relikte aus dieser Zeit sind Tagebücher oder Poesiebücher – darin trugen überwiegend pubertierende Teenager ihre Gedanken und Erlebnisse ein – geheim und versteckt vor der Öffentlichkeit.

Nackt auf Facebook = nackt auf dem Dorfplatz

Begriffe wie Öffentlichkeit haben sich aber im Laufe der Zeit stark gewandelt. Mittlerweile gibt es eine digitale Öffentlichkeit, in der nur noch wenig geheim bleibt. Fast jeder ist im Netz irgendwie auffindbar. So urteilte etwa das Arbeitsgericht Duisburg, am 26.9.2012, das ein beleidigender Facebook-Post gegen den Arbeitgeber, eine Kündigung rechtfertige, weil Social-Media-Portale eine digitale Öffentlichkeit darstellen.

Facebook und Twitter sind mittlerweile die Tagebücher und die Poesiebücher der Gegenwart, in der überwiegend Texte und „Schnipsel“ eingetragen werden. Visuelle Social-Media-Plattformen wie Instagram haben hingegen die ollen Fotoalben ersetzt. Eines hat sich aber nicht verändert: Während wir uns auch früher eher ungern durch die Textlandschaften von Poesiebüchern gequält haben, sind Fotoalben auch heute noch attraktiv, weil man Bilder und deren Stimmung in kürzester Zeit erfassen können. Die schriftlich festgehaltene Sprache muss im Gegensatz zu Bildern nicht erst dekodiert und interpretiert werden.

Was heißt süßes „Katzenbaby“ auf Spanisch?

Visuelle Social-Media-Plattformen profitieren von der Gnade der späten Geburt und drehen das Bild-Text Verhältnis um, welches Twitter und Facebook vorgelebt haben. Damit ermöglichen sie ihren Usern, Stimmungen und Vorlieben in Bildern auszudrücken. Gleichzeitig bemächtigen sich Nutzer von visuellen Plattformen der internationalen Sprache der Bilder. Sprachbarrieren werden damit überwunden, denn ein Foto eines Katzenbabys kann sowohl eine schwedische Hausfrau, als auch ein brasilianischer Tierschützer süß finden, teilen und auf der eigenen Profilseite anpinnen – dazu bedarf es keiner Worte.

Content verwalten statt Erschaffen

So sehr sich visuelle Plattormen auch von alteingesessenen Portalen unterscheiden – eines haben beide gemeinsam: Im Gegensatz zu früher werden Fotos und Texte nur noch selten selbst angefertigt, sondern geteilt. Alles, was irgendwie schön, witzig oder besonders ist, wird geteilt und damit zum Teil des eigenen Profils. Die Social-Media-Nutzer verhalten sich nicht wie Künstler, sondern wie Kuratoren in einem Museum. Sie sammeln, stellen aus, publizieren und laden andere dazu ein, die Fundstücke zu betrachten.

Pinterest – die kleine Puppenstube

So sehen manche Pinterest-Profile wie kleine Puppenwohnungen aus, mit hübschen Sofas, schönen Küchen, Kissen und irgendwo steht auch schon ein Foto eines liebevoll dekorierten Kuchens – mei, wie süß.

Was so lächerlich klingt ist Serious Business: Das haben auch Unternehmen schon lange erkannt und nähren die Flut an Bildern mit gebrandeten Bildern, auf denen mal mehr, mal weniger offensichtlich das Firmenlogo prangt. Denn eins weiß die Werbeindustrie schon lange: Bilder sind sexy and we know it.

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