Webdesign und E-Commerce: Frauen shoppen anders, Männer auch [Gender Commerce]
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E-Commerce-Unternehmen, die Frauen oder Männer gezielt ansprechen wollen, sollten berücksichtigen, welche spezifischen Bedürfnisse und Eigenschaften diese haben. Online-Shops, die geschlechterspezifisch konzipiert und gestaltet sind, haben die Chance, mehr und zufriedenere Kunden und Kundinnen zu gewinnen.

In Zeiten zunehmend fragmentierter Märkte und Marken wird es für Unternehmen immer wichtiger, ihre Zielgruppe möglichst genau zu definieren und zu kennen, um diese gezielt anzusprechen. Dabei geht es längst nicht nur um komplexe soziodemografische Merkmale: „Ob es unzu s gefällt oder nicht, ob es uns bewusst ist oder nicht: Alle Produkte, Zeichen, Dienstleistungen, mit denen wir täglich konfrontiert sind oder mit denen wir uns alltäglich umgeben, sprechen zu uns immer auch vergeschlechtlicht.“ (Prof. Dr. Uta Brandes).

Die Nielsen-Studie „Women of Tomorrow“ (2011) ist eine der umfangreichsten Untersuchungen hinsichtlich des Mediennutzungs- und Kaufverhaltens von Frauen. „Frauen steigern ihre Kaufkraft und gewinnen damit mehr Kontrolle und Einfluss auf wichtige Haushaltsentscheidungen. Frauen von Heute und Morgen sind kaufkräftig. Umso wichtiger ist es für Vermarkter und Werbungtreibende ihre Gewohnheiten und Einstellungen zu verstehen.“ Gerade in der digitalen Medienwelt, wo die Aufmerksamkeitsspanne sehr kurz ist, ist die geschlechts-adäquate Aufbereitung von Webseiten sehr wichtig, um die User so lange wie möglich im Online-Shop zu halten. Diese Form der Optimierung subsumiert der Begriff Gender Commerce. 

Dieser Artikel zeigt auf, wie sich Zielgruppen nur nach Geschlecht abgrenzen und im Internet sehr zielgerichtet ansprechen lassen. Mit den Begriffen „Frau”, „Mann”, „weiblich” und „männlich” wollen wir keine Stereotypen bedienen: Es gibt keine typische Frau und keinen typischen Mann, sondern bei jedem Mensch unterschiedliche Kombinationen bestimmen Eigenschaften und des Verhaltens, die als eher weiblich oder männlich gelten. Es ist allerdings bewiesen, dass die Geschlechter zu bestimmten Verhaltensweisen tendieren.

Der große, kleine Unterschied

Frauen und Männer sind genetisch zu 95 Prozent gleich. Was macht also den Unterschied zwischen Frauen und Männern hinsichtlich ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse aus? Diese sind vor allem kulturell und soziologisch bedingt. Hinzu kommen biologische Unterschiede, von denen viele nicht festgeschrieben sind und durch Training beeinflusst werden können. Zu den biologischen Unterschieden zählen hauptsächlich der Körperbau, die Strukturierung des Gehirns und die sich dadurch ergebende unterschiedliche Wahrnehmung der Umwelt mit den Sinnesorganen. Was bedeutet dies für E-Commerce-Unternehmen, die Frauen begeistern und als treue Kundinnen gewinnen wollen? Berücksichtigen E-Commerce-Unternehmen diese Unterschiede in der Konzeption und Gestaltung von Online-Shops, werden sie treue Kundinnen gewinnen.

Strukturierung des Gehirns 

Im Jahr 2002 fanden Forscher der Universitäten Magdeburg und Zürich heraus, dass Männer und Frauen unterschiedliche Strategien entwickelt haben, um sich zu orientieren. Mittels eines Kernspintomographen beobachteten sie die Gehirnaktivitäten bei Männer und Frauen bei unterschiedlichen Aufgaben. Das Ergebnis zeigt, dass größtenteils gleiche Gehirnareale aktiv sind, Frauen jedoch weitere Gehirnregionen aktivieren, um bestimmte Aufgaben zu lösen. Das männliche Gehirn arbeitet verstärkt einseitig, während Frauen mit beiden Gehirnhälften gleichzeitig denken. Verschiedene Aufgaben werden stärker zwischen beiden Gehirnhälften aufgeteilt. Frauen sammeln und verarbeiten also unbewusst mehr Informationen, die für das Lösen einer Aufgabe nicht unbedingt nötig sind, während Männer sich auf das Wesentliche beschränken. 

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Unterschiedlich aktive Gehirnareale beim Lösen der selben Aufgabe bei Männern und Frauen.

Die Sinneswahrnehmungen: Frauen sehen anders

Besonders interessant für Betreiber von Online-Shops ist die Tatsache, dass Frauen generell besser ausgeprägte Sinne als Männer haben und diese auch gezielt einsetzen, um die Qualität eines Produkts zu überprüfen.

So haben Frauen ein weiteres Blickfeld. Sie sehen mehr Dinge aus den Augenwinkeln und achten daher verstärkt darauf, was um sie herum passiert. Das macht sie offener für zusätzliche Angebote. Die Folge: Frauen beachten signifikant stärker als Männer Menüleisten oder Logos und erinnern sich dadurch besser an die Marke. 

Zudem haben Frauen ein auf 2D ausgelegtes räumliches Seh- und Vorstellungsvermögen, während Männer Darstellungen eher in 3D übersetzen können. Einfache, freigestellte Produktshots reichen für Männer daher aus, doch bei der weiblichen Zielgruppe macht es Sinn, die Produkte zusätzlich im Kontext darzustellen. Werden beispielsweise Taschen an einem Model oder Kerzenständer auf einem gedeckten Tisch gezeigt, kann man die Größe besser einschätzen. Das gleich gilt für Dinge, die befüllt werden: Bilder von geöffneten Taschen, Körben oder Kofferräumen mit Beispielinhalten helfen die Größenverhältnisse besser einzuschätzen – und senken dadurch die Retourenrate.

Auch die Farbwahrnehmung unterscheidet sich: Männer sehen Farben tendenziell bläulicher, Frauen dagegen rötlicher. Außerdem sind Männer 16mal häufiger farbenblind als Frauen. Farbenblind-freundliches Design spielt somit bei der Gestaltung von Diagrammen und Karten für Männer eine erhebliche Rolle. Schnelle Bewegungen und Kontraste können Männer besser erkennen. Produkte mittels Animationen und Bewegtbilder darzustellen, kommt der männlichen Sehweise somit sehr entgegen. Frauen dagegen bevorzugen statische Bilder. 

Weitere Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich bei Text und Sprache: Frauen schauen eher auf Textelemente und Überschriften (55%) als Männer (35%). Sie achten verstärkt auf den Inhalt und verarbeiten daher die Werbe- und Produktinformationen genauer. Für Männer ist es ausreichend, zwei bis drei Produkteigenschaften in Listenform kurz und prägnant darzustellen, während für Frauen so viele Informationen wie möglich, am besten als persönlicher Erfahrungsbericht oder von Testimonials, bereitgestellt werden sollten.

Tasten

Um die Qualität von Produkten zu prüfen, wollen Frauen Dinge berühren –  für Männer ist dies weniger wichtig. Da die weibliche Haut dünner und berührungsempfindlicher ist, können sie Oberflächenmaterialien besser wahrnehmen. Es ist daher sinnvoll, im Web Nahaufnahmen von Details zu zeigen, um die Struktur und Beschaffenheit der Oberfläche genau zu zeigen. Denn leider lassen sich Dinge (noch) nicht im Internet anfassen. Häufig führt das Bedürfnis, Produkte zu berühren, zum „Reverse ROPO”-Effekt: Nutzer recherchieren Produkte offline und kaufen sie online. Für Frauen ist dieser „no-line-commerce”-Trend – also, die komplette und vollständige Vernetzung aller Verkaufskanäle – ein Segen. 

Riechen und Schmecken

Auch der Geruchssinn ist bei Frauen besser ausgebildet, so dass sie angenehme oder kritische Gerüche eher wahrnehmen. Je nach Produkt kann es daher von Vorteil sein, diese Komponenten im Online-Shop genauer zu beschreiben oder als Vorteile hervorzuheben. Beispielsweise werden Elektrorasenmäher von Frauen bevorzugt, da diese nicht nach Benzin riechen. Solche Verkaufsargumente sollten Unternehmen unbedingt erwähnen.

Wie machen sich die Unterschiede beim Online-Kauf bemerkbar?

All diese Unterschiede machen sich beim Online-Kauf bemerkbar. So kaufen und recherchieren Männer und Frauen online unterschiedliche Produkte wie eine Erhebung der AGOF zeigt: Während bei Frauen Haushaltsgeräte, Lebensmittel, Kosmetik und Mode vorne liegen, interessieren sich Männer online vorwiegend für Autos, Computer und Unterhaltungselektronik.

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Vergleich Internetnutzung bei Männern und Frauen. Quelle: www.ard-zdf-onlinestudie.de


Lesen Sie weiter im 2. Teil: Noch deutlicher sind die Unterschiede im Kaufentscheidungsprozess.


[ header = Lesen Sie weiter im 2. Teil: Noch deutlicher sind die Unterschiede im Kaufentscheidungsprozess. ]

2. Teil: Der Kaufentscheidungsprozess: Männer kaufen, Frauen shoppen

„Men are buyers, women are shoppers“ – zu diesem Schluss kommt Marti Barletta in ihrem Buch „Marketing to Women”. Für Männer ist Einkaufen kein Zeitvertreib, sondern eine Notwendigkeit, um einen Bedarf zu erfüllen. Das ist der Grund, weshalb Männer gerne nach Kategorien einkaufen und auch Preissuchmaschinen nutzen. Einkaufen im Internet ist super, wenn der Nutzer weiß, was er will. Der Kunde tippt es bei Amazon ein und am nächsten Tag klingelt der Paketbote.

Der Kaufentscheidungsprozess durchläuft mehrere Stufen – von der Aktivierung bis zur Befürwortung (siehe Abbildung). Wenn Männer einen Schritt zufriedenstellend abgeschlossen haben, gehen sie direkt zum nächsten über. Auf dem Weg zu einer „guten Lösung“ prüfen sie, ob die Auswahl der Produkte zu ihren Kriterien passt. Der Prozess läuft bei Männern also eher linear ab. 

Bei Frauen läuft diese Entscheidungsfindung vielschichtiger ab, da sie eine „perfekte Lösung“ suchen. Es kann vorkommen, dass sie im Laufe des Prozesses ihre Auswahlkriterien verändern oder ergänzen. Dadurch ist es möglich, dass sie einen Schritt zurückgehen und eine Phase erneut durchlaufen. Für dieses Verhalten ist es unabdingbar, dass die Inhalte von Warenkörben gespeichert werden und auch nach Wochen noch abrufbar sind. Frauen sammeln eine Auswahl von Produkten, um sich zu entscheiden, wenn sie einen guten Überblick über das Angebot erhalten haben. Merklisten unterstützen dieses Vorgehen ebenfalls.

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Unterschiedliche Kaufentscheidungsprozesse bei Männern und Frauen (Marti Barletta, 2006)

Anders als Männer betrachten Frauen das Bummeln durch die Ladenzeile auch gerne als Hobby, wobei es nicht darum geht, was sie kaufen wollen, sondern wohin sie einkaufen gehen. Sie lassen sich gerne inspirieren oder lassen sich Produkte und Shops empfehlen.

Ist ein Kauf für einen Mann erfolgreich, wenn er das Gesuchte gefunden hat, stellt sich bei einer Frau das Erfolgserlebnis ein, wenn ihr unerwartet etwas Besonderes über den Weg läuft – was nicht unbedingt mit dem eigentlich Gesuchten übereinstimmen muss.

Dieses Erlebnis stellt sich nur selten ein, wenn man stundenlang eintönige Listen in Online-Shops durchscrollen muss. Shopping-Clubs wie Vente-Privee oder Brands4friends sind nicht nur aufgrund der sehr günstigen Preise (bis zu 70 Prozent Preisnachlass) so erfolgreich, sondern vor allem auch weil sie täglich Mails an die Zielgruppe senden und dadurch Impulskäufe auslösen. „Frau“ kauft bei einem Shopping-Club nicht, wenn sie etwas benötigt, sondern wenn sich ihr etwas bietet.

Produktauswahl mittels Fakten, Statistiken und Geschichten

Frauen und Männer agieren auch während der Produktauswahl und bei der Kaufentscheidung unterschiedlich. Frauen sind Beziehungsmenschen – sie haben ein viel höheres Kommunikationsbedürfnis – was sich bei der Informationsbeschaffung für die Auswahl eines Produktes sehr deutlich bemerkbar macht. Wenn sie etwas wissen wollen, fragen sie Experten im Laden oder Freunde und Bekannte.

Männer dagegen fragen nicht gerne um Rat, sie holen sich die Informationen lieber aus Foren, von Herstellerwebsites oder Broschüren und Magazinen. Für Männer sind also beispielsweise weiterführende Links oder zusätzliche Informationen zum Download interessant, während Online-Shops für Frauen eine prominente Kontaktfunktion, im besten Falle sogar als Chat, bieten sollten. Auch die guten alten Produktbewertungen spielen hier eine wichtige Rolle.

Bei der Aufbereitung der Produktinformationen lässt sich festhalten, dass Männer mehr Wert legen auf Zahlen, Daten und Fakten (Watt, PS etc.) und das Wichtigste zuerst sehen wollen. Richtet sich ein Produkt also hauptsächlich an männliche Käufer, sollten diese Informationen als Erstes zu sehen sein. Auf einer langen Seite also im oberen, sichtbaren Bereich oder bei einer Seite mit Reitern im ersten, offenen Reiter.

Im Gegensatz dazu interessieren sich Frauen eher für den Nutzen und die Bedienung von Geräten, sie wollen sich zunächst über die Grundlagen informieren. Der Online-Shop kann sie also mit praktischen Beispielen und Geschichten überzeugen und ihnen die Produkte im Einsatz zeigen. Wichtig ist zu zeigen, wie das Produkt den Alltag erleichtert. 

SABO, der Hersteller von Rasenmäher geht mit der Website auf die Bedürfnisse von Frauen ein: Unter „Äußere und innere Werte“ erfahren die Nutzer u.a., dass sich die Elektrorasenmäher dank Tragegriff komfortabel anheben und mit dem Sofortstart im Handumdrehen starten lassen. (http://www.sabo-online.de/wps/dcom/sabode/service/robust_technology/valu…)

Frauen vertrauen Frauen 

Frauen bevorzugen die Beratung durch eine Frau. Das liegt daran, dass ihnen mit einer Frau eine Person gegenüber steht, die sich in einer ähnlichen Situation befindet. Versicherungen gehen teilweise dazu über, weibliche Beraterinnen für die weibliche Kundschaft einzusetzen. 

Im Web ist es sinnvoll, nicht nur bei Beratungsangeboten mit Bildern von Frauen zu arbeiten. Frauen sind eher auf Subjekte, also Menschen fixiert, während Männer eher Objekte betrachten. Und sie mögen realistische Frauen- und Männerbilder, echte Geschichten und Situationen, um sich damit identifizieren zu können.

Sie wollen, dass man ihre Bedürfnisse im Alltag kennt. Richtet sich eine Produktpräsentation an Frauen, ist es sinnvoll, die Produktdarstellung um Bilder mit Menschen zu ergänzen, mit dem Produkt in der Anwendung. Für Männer ist eine reine Darstellung des Produktes ohne Menschen dagegen zielführender.

Warum online einkaufen?

Fakten und Zahlen zu den Unterschieden im Online-Kaufverhalten

Auch die Gründe für den Online-Kauf sind unterschiedlich. Für Männer steht die Zeit- und Geldersparnis im Vordergrund, während Frauen das Internet oft als Ort sehen, wo sie in Ruhe auswählen können.

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Unterschiedliche online Einkaufsgewohnheiten bei Männern und Frauen.


Auch beim Kaufverhalten zeigen sich erneut deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Frauen erledigen ihr Einkäufe im Netz vermehrt vormittags und um die Mittagszeit, während Männer lieber abends, von 18 bis 20 Uhr einkaufen. Dabei benötigen Männer ca. 10 Minuten um einen Kauf abzuschließen, Frauen dagegen 14 Minuten.

Wider Erwarten erzielen Frauen so einen tendenziell niedrigeren Durchschnitts-Warenkorbwert als Männer. Während Männer im Jahresdurchschnitt rund 388 Euro ausgeben, beträgt dieser Wert beim weiblichen Geschlecht lediglich 209 Euro. Dies lässt darauf schließen, dass Online-Shops bisher nicht vollständig auf weibliche Einkaufsgewohnheiten abgestimmt sind. Ein klarer Beweis, dass es hier noch Verbesserungspotential gibt.  

Ebenso gibt es beim Bezahlverhalten geschlechterspezifische Unterschiede: Der Anteil an Kreditkarten-Nutzern im E-Commerce ist bei deutschen Männern auf einem höheren Niveau als bei Frauen.

Während des Erhebungszeitraums nutzten rund 40 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen Kreditkarten. Hingegen ist der Anteil an Zahlungen per elektronischen Lastschrift bei Frauen mit ca. 43 Prozent höher als bei Männern mit knapp 40 Prozent. 

Web 2.0-Elemente, wie beispielsweise Kundenbewertungen spielen für Frauen eine entscheidende Rolle bei der Kaufentscheidung – wie die Untersuchung der Allensbacher Computer- und Technik-Analyse (ACTA) zeigt: Zwei Drittel der Frauen, die das Internet öfter für ihre Einkäufe nutzen, beziehen Online-Kommentare in ihre Produktrecherche und Kaufentscheidung mit ein.

Auch beim Auffinden von Online-Shops zeigen sich die verschiedenen Strategien: Während sich Männer eher einer Suchmaschine wie Google bedienen, geben sich Frauen angesichts der für sie unübersichtlich erscheinenden Ergebnisse früher mit einem Ergebnis zufrieden und verlassen sich eher auf Empfehlungen von Freunden, Kollegen oder Werbung. Frauen sind beim Einkauf zwar risikoscheuer, legen dafür aber mehr Wert auf Produktpräsentation, Bonussysteme oder Zusatzservices.

Lesen Sie weiter im 3. Teil: Hier stellen wir vor, wie Online-Shops gestaltet sein müssen und wie sie ihre Produkte präsentieren sollten, damit Männer und Frauen auch wirklich anbeißen.

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3. Teil: Online-Shops geschlechterspezifisch gestalten

Was bedeuten die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und ihrem Einkaufsverhalten, die wir in Teil 1 und 2 unseres Beitrags dargestellt haben, konkret für einen Online-Shop?

Online-Shops versuchen durch ihre Gestaltung und die Präsentation von Produkten bei den Konsumenten, Aufmerksamkeit zu wecken, sie vom Nutzen und der Qualität der Angebote zu überzeugen –  und die User zu verführen.

Dabei reagieren Männer und Frauen unterschiedlich in den jeweiligen Situationen, in denen sie auf einen gestalteten Gegenstand oder ein Medium treffen bzw. sie bewerten diese jeweils anders.

Im Folgenden stellen wir männliche und weibliche Präferenzen in den Bereichen Design, Produktbeurteilung und Informationsverarbeitung einander gegenüber.

Geschlechterspezifische Gestaltung 

Die Erkenntnisse aus unserer Recherche haben wir für das Webdesign übersetzt und konzentrieren uns auf visuelle Effekte wie Farben, Formen, Typografie, Bilder, Metaphern, Animationen, Produktdarstellungen etc. Die Ästhetik spielt eine wichtige Rolle: Sie unterstützt die Funktionalität und die zielgruppenadäquate Ansprache.

Unsere Erkenntnisse, die auf eigenen Erfahrungen und Gloria Moss‘ Ergebnissen in „Gender, Design and Marketing“ basieren, sollen Designern Informationen liefern und zum besseren Verständnis ihrer Zielgruppen beitragen, sodass sie beides in ihre tägliche Arbeit einfließen lassen können. 

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Unterschiedliche Design Präferenzen bei Männer und Frauen.

Geschlechterspezifische Produktdarstellung

Nicht nur die Anmutung, sondern auch die Darstellung der Funktionsweise eines Produkts kann geschlechterspezifisch aufgearbeitet und dementsprechend optimiert werden. 

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Unterschiedliche Produkt Präferenzen bei Männer und Frauen.


Die Abbildung zeigt eine für Männer optimierte Produktbeschreibung und -darstellung. Die Empfehlung an den Designer lautet: 

  • 2 bis 3 Haupteigenschaften des Produkts vorstellen 
  • Schnell auf den Punkt kommen
  • Die Form des Produkts ist wichtiger als die Farbe
  • Dynamische Bilder einsetzen
  • Beweise in Form von Statistiken, Zahlen und Fakten bieten
  • Formale, faktische und unspontane Sprache verwenden
  • Animationen und 3D-Grafiken einsetzen
  • Überzogener Humor

Und die Empfehlung an den Designer bei einer für Frauen optimierten Produktbeschreibung:

  • Die Farbe des Produkts ist wichtiger als die Form
  • Statische Bilder verwenden
  • Beweise in Form von Geschichten, Userkommentaren, Bewertungen von Freunden bieten
  • Persönliche, wortreiche, spontane Sprache verwenden
  • Subtiler Humor

Geschlechterspezifische Informationsarchitektur 

Auch bei der Informationsarchitektur können Digitalspezialisten/Designer auf das unterschiedliche Kaufverhalten der Geschlechter eingehen. So unterstützen lange Webseiten den weiblichen „Stöberprozess“ beim „Shoppen“, während direkte Einstiege in die jeweilige Produktkategorie, Filter und Suchfunktionen den männlichen „Linearprozess“ beim „Kaufen“ begünstigen.

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Männlicher „Linearprozess“ und weiblicher „Stöberprozess“.


Die Studie von eResult zu geschlechtsspezifischen Unterschieden im Webnutzungsverhalten und -erleben kommt zu einem weiteren interessanten Ergebnis: Die Nutzerfreundlichkeit und Gebrauchstauglichkeit von Webangeboten ist besonders dann ein zentraler Erfolgsfaktor, wenn sich das Internetangebot an Frauen richtet („Geschlechtsspezifische Unterschiede im Webnutzungsverhalten“, 2009). 

Für Frauen sind viele Gestaltungsmerkmale eines Webangebots wichtiger als für Männer. So wünschen sich Frauen eine übersichtliche Startseite und kurze Ladezeiten. Zudem bevorzugen sie wenige Buchungsschritte, Hilfe während der Buchung, alternative Bestellmöglichkeiten (Telefon/Fax), einen schnellen und einfachen Informationszugang sowie übersichtliche Formulare.

Auch eine eindeutige Kennzeichnung der Rubriken und eine hohe Aktualität der Informationen bedeuten den weiblichen Usern mehr als den männlichen. Lediglich die gute Kennzeichnung von Links und von klickbaren Elementen ist Männern wichtiger als Frauen.

Fazit

E-Commerce-Unternehmen und Digitalagenturen können Gender Commerce als Strategie einsetzen, um klügere und innovativere Konzeptionen und Designs für Online Shops zu entwickeln. Es geht über den konventionellen Status Quo von Vermarktung und Konsum hinaus und gestaltet mit einem holistischen, integrativen Blick auf den Konsumenten.

Grundlegende Innovationen und ein verbesserter Dialog werden möglich, wenn die Kategorie Geschlecht von Beginn an in die Recherche, Methodik und Gestaltung mit einbezogen wird. Auf geschlechterspezifische Vorlieben einzugehen, fördert das Vertrauen der Konsumenten in den Anbieter. Dadurch lassen sich Nutzungsziele und Verkaufsziele einfach und angenehm erreichen, sodass kaufstarke Besucher zu loyalen Kunden werden. 

Aber auch auf Entwicklerseite setzt sich das Gender Thema fort: Obwohl auf Nutzerseite ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht, gestalten hauptsächlich Männer die Webwelt. Die Zahlen zeigen, dass in Interaktivagenturen 80,5% Männer und nur 19,5% Frauen arbeiten.

Bei den Führungspositionen der Top 50 Interaktivagenturen ist das Bild noch eindeutiger: iBusiness ermittelte 97,2% Männer zu 2,8% Frauen. Und auf Unternehmensseite sieht das Verhältnis ähnlich aus: In der Regel verantworten Männer die Marketingstrategien.

Doch wie würde der Online-Shop aussehen, wenn eine Frau die Entscheidungen getroffen hätte? An dieser Stelle bleibt wertvolles Potenzial, Know-how und Kreativität ungenutzt – mit direkten wirtschaftlichen Folgen. Es braucht also in allen Gewerken mehr weibliche Experten und Entscheidungsträger, um Gender Commerce konsequent realisieren zu können.

triplesense GmbH, Frankfurt

triplesense (65 Mitarbeiter; 6,32 Millionen Euro Umsatz 2012) ist eine digitale Fullservice-Agentur mit Sitz in Frankfurt. Das Leistungsspektrum reicht von der Marketing- und Strategie-Beratung über Konzeption und Kreation bis hin zur technischen Realisierung und deckt von E-Commerce über Usability Engineering auch Mobile ab.

Zu den Kunden gehören unter anderem BASF, Vorwerk, Fraport AG, RMV, Fraunhofer-lnstitut lAlS, Euro Kartensysteme und die Deutsche Bahn.

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