webinale 2013 – Der entfesselte Skandal: das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter
Kommentare

Ein falscher Klick kann heute das Ende einer Karriere bedeuten. Welche Auswirkungen es hat, wenn sich angesichts der Digitalisierung der heutigen Medien nichts mehr versendet, wenn also nicht mehr verschwendet, sondern alles, was einmal digital vorliegt lediglich schlummert. Diese Fragestellung stand im Zentrum der webinale Keynote „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ von Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

Den Bundespräsidenten stürzen

Kein anderes Beispiel aus den letzten Jahren verdeutlicht den von Pörksen angesprochenen Wandel so gut  wie die Geschichte eines Studenten von Pörksen, der sich im Jahr 2010 zwei Sätze aus einem Radio-Interview des damaligen Bundespräsidenten Köhler genauer anschaute. Das Interview, das bis dato keine große Aufregung erzeugt hatte, galt in der Radio-Fachsprache als versendet – als in Vergessenheit geraten, niemand interessierte sich mehr dafür. Doch der Student erkannte in zwei Sätzen Köhlers einen potenziellen Skandal. Seiner Auffassung nach hatte sich der Bundespräsident in einer Art und Weise geäußert, die man als grundgesetzwidrige Legitimierung von Wirtschaftskriegen auffassen kann.

„Die Sprengkraft dieser Äußerung ist riesig.“ Das hatte der Student erkannt und schrieb einen Blog-Eintrag. In der Folge informierte über Pfingsten 2010 zahlreiche Online-Redaktionen. Spiegel Online griff das Thema auf, andere Medien zogen nach. 

Das Ende der Geschichte kennen wir: Nur wenige Tage später trat Köhler zurück.

Reputationsbeschädigung in der digitalen Gesellschaft

Was sagt uns das? Reputationsbeschädigung ist in unserer digitalen Gesellschaft unendlich leicht geworden. Um dies zu unterstreichen, stellte Pörksen drei Thesen vor: 

  1. Einmal vorliegender digitaler Content versendet sich nicht mehr, er schlummert lediglich und kann sich in Zombie-Information verwandeln, die irgendwann, irgendwo wieder aufleben kann und zum Skandal mutiert. Das allgemeine Medienschicksal ist deshalb heutzutage: Niemand weiß, welche seiner Daten schon morgen zum Reputationsdilemma werden können.
  2. Es gibt eine Umdrehung der Logik von Skandalisierung. Der normale Weg wäre zu Beginn die Normverletzung, danach die Veröffentlichung der Normverletzung und schließlich die Empörung der Öffentlichkeit. Dieser Dreischritt wird heute angesichts der vielen digitalen Tools, die uns zur Verfügung stehen, immer öfter umgekehrt.
  3. Stattdessen ist das Publikum die neue Macht: Ein Student kann ein Thema setzen, das am Ende zum Rücktritt eines Bundespräsidenten führt. Das Publikum ist ein sehr mächtigem Player in der Erregungsarena geworden.

Somit kann sich niemand mehr die Eventualität eines möglichen, sogar globalen Echos vorstellen. Es existiert nun ein Möglichkeitsblindheit für etwaige globale Aufmerksamkeitsexzesse sowie ein allgegenwärtiges Reputationsrisiko. Doch nicht nur

Radikale Demokratisierung der Enthüllungspraxis

Negatives geht damit einher. Es gibt auch eine radikale Demokratisierung der Enthüllungspraxis, denn diese Praxis ist entscheidenden Veränderungen unterworfen.

  1. Es gibt neue Enthüller und damit verbunden eine Zweigesichtigkeit des Skandalisierungsrisikos.
  2. Es existiert ein universales Diktat der Interessantheit. Unsere öffentliche Sphäre wird diktiert von hingerotzten Banalitäten.
  3. Immer öfter werden Unschuldige zum Opfer weltweiter Aufmerksamkeitsexzesse.
  4. Es kommt zu neuen Öffentlichkeiten und Verbreitungsdynamiken: erfundene Gerüchte erlangen eine Eigendynamik, der Kontrollverlust ist die Folge.
  5. Es gibt neue Tools der Skandalisierung. Allzweckwaffen wie Smartphone verschmelzen die Welt des Öffentlichen und des Privaten, Welten, die einst voneinander getrennt waren; die mediengestützte Reputationsbeschädigung ist unendlich leicht geworden.

Was also tun? Professor Dr. Pörksen hatte ein Quartett von Prinzipien parat, die Ratschläge geben, was man selbst tun kann, wenn man in Skandalisierungsexzesse hineingerät?

  1. Das Prinzip des Bühnenbewusstseins: Man sollte sich ein mögliches Riesenpublikum immer schon mitdenken! Ein kategorischer Imperativ des digitalen Zeitalters könnte deshalb so lauten: „Handle stets so, dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt.“
  2. Es ist nicht mehr möglich auf Zeit zu spielen. Salamitaktik funktioniert im Netz schlecht, Teilgeständnisse werden durchschaut.
  3. Das Prinzip der maximalen Transparenz.
  4. Das Prinzip der dialogischen Kommunikation: Medien/das Netz/soziale Medien richten über akzeptable Kommunikation. Es ist an der Zeit dialogisch zu kommunizieren. Man muss nahbar sein.

Fazit

Der Vortrag machte klar, dass die Digitalisierung der Medien ein grundsätzliches Umdenken erfordert. Denn es gilt sowohl die Gefahren als auch die Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. 

Ein spannendes Thema. Deshalb hat es uns gefreut, dass wir uns mit Prof. Dr. Pörksen ausführlich unter vier Augen unterhalten konnten. Hier das Interview: Prof. Bernhard Pörksen über Skandalisierung in den digitalen Medien

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -