Yahoo! Hack Europe 2013 – 2 Tage Dauerhacken
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Am vergangenen Wochenende fand in London der Yahoo! Hack Europe 2013 statt. Ich war vor Ort und habe ein deutsches Entwicklerduo bei ihrem 24-stündigen Hack-Marathon begleitet.

Das Wetter ist typisch englisch: Wolken, Regen, Wolken, Regen. Doch rund 300 Entwickler aus ganz Europa halten sich an diesem Wochenende nicht mit solchen meteorologischen Nichtigkeiten auf. Schließlich werden sie sowieso fast das komplette Wochenende im Trockenen verbringen – auf dem Yahoo! Hack Europe 2013.

Für das Event am 26. Und 27. April haben sich Developer aus Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland, Österreich, Moldawien, Italien, Rumänien, Schottland, Türkei, Schweden, Schweiz und Griechenland im Congress Centre von London nahe des Covent Garden eingefunden. Der Anlass: 24 Stunden lang um die Wette hacken.

Der Yahoo! Hack Europe 2013 ist der insgesamt 18 Yahoo! Hack und der vierte in Europa. Wichtigste Regel bei Veranstaltungen wie dieser: Ideen kann und soll man mitbringen, coden darf man jedoch nur während der 24 Stunden vor Ort in London. Vorschriften zum Gebrauch bestimmter Technologien gab es keine.

Web-Apps, Browser-Extensions & Co.

Aber was für Hacks darf man angesichts solch großer Freiheit überhaupt erwarten? Matylda Czarnecka, Global Developer Outreach & Events Manager bei Yahoo! und Mitorganisatorin des Hack Days, klärt mich kurz vor Beginn des Events über mögliche Endergebnisse auf. „Zunächst einmal sind die Developer sind bei der Wahl ihres Hackprojekts frei. Sie dürfen sich sowohl Technologien als auch Zielsetzung nach ihrem Geschmack aussuchen. Sie können beispielsweise Web-Apps entwickeln, aber auch Browser-Extensions oder –Plugins sowie native mobile Apps, die eine bestimmte Problemstellung lösen, sind möglich. Darüber hinaus ermutigen wir die Teilnehmer sich auf dem Hack mit anderen auszutauschen, zu experimentieren und neue Technologien kennenzulernen.“

Natürlich stellt Yahoo! dabei sicher, dass die hauseigenen Produkte prominent vertreten sind: Am Samstagvormittag vor dem Hack-Auftakt konnten die Teilnehmer an verschiedenen Tech-Talks teilnehmen. Im Vordergrund standen von Yahoo! entwickelte und propagierte Technologien, beispielsweise YUI, YQL, BOSS, Mojito und Twilio (APIs für Voice, VoIP und Text-Messaging). Darüber hinaus präsentierten auch Firefox OS (mobiles OS), PayPal, Expedia und Twilio eigene Sessions, in denen sie die Möglichkeiten hauseigener APIs vorstellten. Zusätzlich zu den Preisen, die von Yahoo! am Ende des Hacks vergeben werden, sollen auch Hacks prämiert werden, die die PayPal, Expedia, Twilio und Firefox OS APIs am besten umsetzen. Damit die Teilnehmer nach den Tech-Sessions nicht alleine da stehen, sollen ihnen während der 24-stündigen Hackzeit entsprechende Experten mit Rat und Tat  zur Seite stehen.

Yahoo! Hack Europe 2013
Im großen Saal im Londoner Congress Centre fand der Yahoo! Hack Europe statt.

Titanische Eröffnung

Um Punkt 13 Uhr am Samstag ist es dann soweit. Den feierlichen Kickoff zelebriert Jay Rossiter, Executive Vice President of Platforms bei Yahoo!. Dabei bekommt er wahrhaft gigantische Unterstützung, und zwar in Form von Titan the Robot, einem knapp 2,40 Meter großen Roboter. Na gut, kein wirklicher Roboter, sondern ein aufwändiges Plastikkostüm, in dem ein Mensch steckt. Bei den anwesenden Developern kommt der Showact aber gut an: Der silberne Robotermann reißt ein paar Witze und bezirzt einen Hacker im rotem Sweatshirt mit dem Chris de Burgh Song „Lady in Red“ (Video nach dem Break).  Auftakt gelungen. Jetzt heißt es für die 300 Entwickler, die sich zu 43 Teams zusammengeschlossen haben: Brainstormen, konzipieren und umsetzen.

 

Gecoded wird im großen Saal des Congress Centre, in dem rund ein Dutzend große Tische für die Hacker aufgebaut wurden. Doch nicht alle Teilnehmer stürzen sich direkt in die Arbeit. Am Rande des Saal treffe ich Andreas Osowski (19) aus Köln und Patrick Wied (22) aus Wien. Das deutsch-österreichische Duo war gerade dabei, das Congress Centre zu verlassen. Doch sie haben nicht etwas das Handtuch geworfen, sondern wollen sich erst mal Adapater für britische Steckdosen besorgen. Ohne Strom für den Laptop kommen sie schließlich nicht weit und abgesehen von der Tatsache, dass die Briten immer noch auf der falschen Straßenseite Auto fahren, sind auch ihre Steckdosen und Netzstecker anders als auf dem Rest des Kontinents. Andreas erklärt: „Wir möchten ein bisschen Luft schnappen, um uns Inspiration zu holen.“ Und wie sieht es mit ihrem Hack-projekt aus, frage ich. „Naja, so eine richtige Idee haben wir noch nicht“, gesteht er und wirkt dennoch gelassen und zuversichtlich. Die Sache mit der Idee wird sich auch erst im Laufe des Abends ändern, doch dazu später mehr.

Im weiteren Tagesverlauf herrscht gute Stimmung im Saal. Es wird gescherzt und miteinander diskutiert. Und natürlich sitzen viele Developer in konzentriert und versunken in die jeweiligen Hacks über ihren Laptops.

Unterbrechungen gibt es nur für Verpflegung. Und hier beweisen die Hacker großen Appetit, wie die Zahlen beweisen, die uns Yahoo! am nächsten Tag verrät: 102 Pizzas, 270 Brötchen, 400 Donuts, 946 Sandwiches, 1.080 Kaffees und Tees sowie 1.100 Hot Dogs werden in den zwei tagen im Congress Centre verspeist beziehungsweise getrunken werden. Diese stolzen Zahlen und wahrscheinlich auch der Schokoladenbrunnen sowie unlimitierte Süßigkeiten, veranlassen einen der Teilnehmer zu folgendem Tweet:

 

Dass man sich auf einem waschechten Entwickler-Event befindet, merkt man spätestens um 18:30 Uhr. Denn zumindest die überwältigende Mehrheit britischer Developer sieht ab diesem Moment gebannt auf die Leinwand im großen Saal: Es läuft „Doctor Who“ auf BBC One. Und nicht mal ein Yahoo! Hack hält die Entwickler von einer Folge „Doctor Who“ fern.

Sleeping zone

Gegen Abend ist allmählich Ruhe eingekehrt. Einige Hacker haben es sich in Beanbags gemütlich gemacht und versuchen ein Nickerchen einzuschieben. Andere nutzen die ausgewiesene „sleeping zone“. Bei Andreas und Patrick kommt jetzt, sechs Stunden nach Beginn des Hacks, der Durchbruch: Sie haben eine Idee. Den Rest der Nacht wird fast ununterbrochen an ihrem Projekt gearbeitet und kräftig gecoded.

Yahoo hack Europe 2013
Patrick (hinten) und Andreas bei der Arbeit (© Alle Rechte vorbehalten von matyldaphoto).

Als ich die beiden am nächsten Tag kurz vor der Präsentation ihres Hacks wieder treffe, sind sie erschöpft, aber zufrieden. Geschlafen hat jeder nur knapp eine Stunde. Ihren Hack haben sie ‚Image Piper Toolkit’ genannt. Er zielt darauf ab, ein sogenanntes „pipelined image processing“ in einem intuitiven, für mobile Geräte optimierten Touch-Interface zu ermöglichen. Der Hintergrund für ihre Idee: Gerade wenn man auf mobilen Devices mit Fotos bestimmte Bearbeitungsschritte immer wieder und wieder durchführt, bietet sich die Zusammenfassung der Aktionen in einen großen Processing-Graphen an. Dieser ließe sich beispielsweise auch mit Freunden teilen, damit diese die gleichen Aktionen mit ihren Bildern durchführen können. Auch eine Monetarisierung der Processing-Graphen ist denkbar.

Für ihren Hackt haben Andreas und Patrick HTML5, Canvas, JavaScript, Scala eingesetzt. Bilder werden Server-seitig mithilfe der flickr API in das Tool gezogen.

Der Screenshot unten zeigt den Hack im Beispiel. Ich habe dafür ein Foto aus dem flickr Stream zum Hack-Event per URL in das Tool gezogen. Im Beispiel lasse ich das Foto von Titan the Robot einfach nur in Sepia-Töne umwandeln. Nach dem Klicken auf „Render“ bekommt man das Ergebnis. Wer den Hack selbst ausprobieren möchte: http://yahack.muride.su/index.html

Graph based image editorDer Graph-based Image Editor von Andreas und Patrick (Quelle: Screenshot http://yahack.muride.su/index.html

Hack Präsentationen

Um 14 Uhr beginnen die Präsentationen. Jedes Team hat zwei Minuten, um ihren Hack vorzustellen und die Juroren zu beeindrucken. Keine leichte Aufgabe, denn in der Jury sitzen ausgewiesene Digital Professionals: Jay Rossiter, Bruno Fernandez Ruiz, Vice President of Personalization and Platforms bei Yahoo!, Carlos Eduardo Espinal, Partner bei Seedcamp, Daniel Appelquist, Open Web Advocate bei Telefónica Digital und Robin Pembrook, Head of Product bei der BBC. Auch eine ausgewiesene Web-Celebrity sitzt in der Jury: der erst 17-jährige Nick D’Aloisio. Der englische Teenager mit australischen Wurzeln hat im März die Technologie hinter seiner App Summly für angeblich 30 Millionen Dollar an Yahoo! verkauft. Ein Interview mit Nick ist laut Yahoo! leider nicht möglich. Schade denke ich, denn wann bekommt man schon mal die Chance einen der jüngsten Selfmade-Millionäre der Welt zu interviewen. Aber auf der anderen Seite verständlich, denn der junge Kerl hat in seiner kurzen Zeit im Rampenlicht offensichtlich keine guten Erfahrungen mit der Presse gemacht, wie die Top 10 Facts You Need to Know zu seiner Person verraten.

Dafür aber stehen mir interessante Yahoo!-Verantwortliche gerne Rede und Antwort. Wer beispielsweise mehr über die Technologien von Yahoo! erfahren möchte, lege ich das Interview mit den Jury-Mitglieder Jay Rossiter und Bruno Fernandez Ruiz ans Herz. Ich habe mit den beiden über Yahoo!’s Cloud-Aktivitäten, Mobile und Mobile Targeting, HTML5 und Webtechnologien gesprochen.

Darüber hinaus hatte ich die Möglichkeit mich mit Jennifer Davies, Senior Product Marketing Manager Social & Communities EMEA bei Yahoo!, ausführlich über flickr zu unterhalten. Wir sprechen über Yahoo!’s Anstrengungen, die flickr User Experience zu verbessern, die Betonung von Social und Mobile sowie Unterschiede zwischen europäischem und amerikanischem Markt.

Preisverleihung

Nach knapp zwei Stunden sind alle Präsentationen durch, die Jury zieht sich zur Beratung zurück. Mein persönliches Fazit: Richtig vom Hocker gerissen hat mich keiner der Hacks. Es gab zahlreiche vielversprechende Ideen, aber für mich war kein echtes Killer-Feature darunter. Klar muss man realistisch sein und darf in 24 Stunden keine Wunder erwarten. Aber der eine oder andere Wow-Moment mehr hätte es schon sein dürfen.

Dass sich zahlreiche Hacks des flickr API bedienen, war zu erwarten – schließlich sind wir auf dem Yahoo! Hack. Allerdings ist auffällig, wie viele Hacker einen Hack rund um das Thema Hotels, Reisen und Routenplanung gewählt haben. Offensichtlich hat sie der Trip nach London bei ihrer Ideenfindung stark beeinflusst. Natürlich spielt hier auch der strategische Aspekt eine Rolle: Wenn man sich Hoffnungen macht auf dem hack-Event vielleicht als talentierter Entwickler entdeckt oder gar rekrutiert zu werden, macht es sich gut, die entsprechenden APIs der anwesenden Unternehmen einzusetzen.

Wer Lust hat, kann ja einfach mal auf folgende Seite schauen und sich ein eigenes Urteil bilden, dort gibt es einen Überblick aller 43 eingereichten Hacks: http://hacks.developer.yahoo.com/hacks/yahoo-hack-europe-london/event_9

Dann ist es endlich soweit. Die Jury hat sich entschieden, die Spannung im Saal steigt.

Der dritte Platz geht an einen meiner persönlichen Favoriten: Copycat Photographers von Raza Ali. Die Idee hinter der Applikation ist es, angehenden DSLR-Fotografen (DSLR = Digital Single Lens Reflex Camera) eine Hilfestellung zu geben, um nicht immer nur den Automatik-modus nutzen zu müssen. Dafür hilft die App, Fotos von versierten Fotografen aus der Umgebung via flickr aufzuspüren. Findet man ein Motiv, das einem gefällt, spuckt die App nicht nur den Weg zum Ort des Fotos aus, sondern auch die wichtigsten Meta-Daten des Fotos, damit man versuchen kann, es nachzustellen. Schließlich kann man seine eigene Version auf flickr hochladen und den Vergleich zum Originalfoto seinen Freunden via Facebook zur Abstimmung vorlegen.

Platz zwei belegt „Contextificator“ von Matt Parker. Dabei handelt es sich um ein Bookmarklet, das relevante Zusatzinhalte zur gerade aufgerufenen Seite anzeigt, beispielsweise Wikipedia-Einträge, Suchergebnisse oder Bilder. Nach der Verleihung treffe ich einen glücklichen Matt Parker, der scherzt: „Das wird meine Frau milde stimmen, wo ich doch das ganze Wochenende aus dem Haus war!“ 

Den ersten Platz, 5.000 Pfund und jede Menge Beifall geht an die App „RoadBuddy“ von Hasan Haque. Auch dieser Hack beschäftigt sich mit der Planung einer Reise, auch wenn es sich dabei nur um einen Fußmarsch handelt: Die Firefox OS App soll es Fußgängern ermöglichen, eine möglichst sichere Route von Punkt A nach B zu laufen. Die App zieht Daten zu Kriminalitätsstatistiken aus einem Polizei API, bezieht diese bei der Routenplanung mit ein und schlägt, falls angebracht, eine Alternativroute vor.

Auch Deutschland/Österreich gewinnt 

Und was ist mit unserem deutsch-österreichischen Duo? Auch sie dürfen sich freuen, und zwar über einen der Special Prizes: den PayPal Award. Qualifiziert hatten sie sich dafür dank der Monetarisierungsoption in ihrem Hack, welche das neue API von PayPal anspricht, QR Codes generiert und in das bearbeitete Bild einbindet. Patrick erklärt mir nach der Preisverleihung, dass sie während des Hacks das PayPal-Team sogar noch auf einige Fehler im System hingewiesen haben: „Das Einbinden ihres API war leider nicht so einfach möglich.“ Damit hatte das Duo einen guten Riecher bewiesen, auch weil sie das Feature erst innerhalb der letzten zwölf Minuten der 24-stündigen Hacking-zeit implementiert hatten. Natürlich hätten die beiden auch gerne einen der ersten drei Yahoo!-Plätze belegt, „jedoch war uns auch bewusst, dass unser Projekt dafuer eine zu fokussierte Zielgruppe ansprechen würde“, erzählt mir Patrick. Statt einem Check haben die beiden sogenannte „Sphero Robotic Balls“ () gewonnen. Kein Cash, aber ein nettes Gadget.

Yahoo! Hack Andreas & Patrick
Erschöpft, aber zufrieden: Andreas (links) und Patrick nach dem Ende des Yahoo! Hack Europe (Bildquelle: S & S Media Group).

Nur wenige Minuten nach der Preisverleihung herrscht Aufbruchsstimmung und zwei lange Tage im Congress Centre neigen sich dem Ende zu. 300 erschöpfte, aber gut gelaunte Entwickler verlassen das London Congress Centre. Und spätestens jetzt heißt es für alle: raus ins englische Wetter.

Quelle alle Fotos (soweit nicht anders angegeben): Yahoo! Developer Network on flickr

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