Kolumne: Karrieretipps

Wer bin ich Spezialist oder Generalist
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Entwickler sehen oft morgens in den Spiegel und fragen sich, wer sie eigentlich sind. Sind sie mehr Generalist mit breitem technischen Fachwissen und können zu den aktuellen IT-Themen kompetent Auskunft geben? Können sie schnell in neue Technologien eintauchen und für Feuerwehreinsätze ebenso bereitstehen wie für das komplexe Langzeitprojekt? Oder sind sie nicht doch eher ein Spezialist mit Tiefgang und Guru-Status in der .NET-Community? Oder sind sie beides? Wer ist in Unternehmen mehr gefragt und wer macht am schnellsten Karriere?

Das alles hängt von der Definition ab. Und wenn man wissen möchte, ob man beruflich eher Generalist oder Spezialist ist, dann wird der Entwickler von heute möglicherweise zu dem Ergebnis kommen, dass er ein bisschen von beidem ist. Was nicht bedeutet, dass man weder noch ist, weder Fisch noch Fleisch. Wahrscheinlich hat man sich den heutigen Gegebenheiten einfach angepasst. Einerseits ist man als Entwickler tieftechnischer Spezialist, da man sich meist auf eine Technologieorientierung festgelegt hat: Java oder .NET, Linux oder Windows, Apple, Windows, Open Source. Irgendwas hat sich in der eigenen Welt manifestiert. Dennoch verschmelzen die IT-Welten immer mehr. Selbst eingefleischte Microsoft-Anhänger werden beim Anblick eines iPhones mit Kultstatus schwach und entwickeln ungehemmt eine App nach der anderen. Gefragt ist, was angesagt ist. Dogmatisches beziehungsweise ideologisches Denken in der IT ist out. Und so legt man sich auch nicht mehr auf eine Technologie oder ein einziges wahres Konzept fest, sondern passt sich an. Die technische Veranlagung und Begeisterung machen es dem vermeintlichen Spezialisten leicht, sich von heute auf morgen auch in neuen Programmiersprachen und Tools zurechtzufinden und mit diesen technische Meisterwerke zu entwickeln. Dennoch bleibt die Frage, ab wann man über die Schwelle vom Spezialisten zum Generalisten oder umgekehrt getreten ist und wie man sich gegenüber Personalentscheidern vorstellen sollte? Was suchen Unternehmen heute und was sollte ich denn idealerweise sein, um im Bewerbungsgespräch zu überzeugen?

Hierbei ist zu unterscheiden, ob man sich am Anfang seiner Karriere befindet oder schon auf einige Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann. Einsteigerpositionen setzen zunächst auf eine technische Grundlage und sprechen verstärkt den Generalisten an, der sich nach und nach in eine Richtung spezialisieren wird. Wer also zum Beispiel eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert hat, kann mit Überzeugung behaupten, eine gute Basis für den Berufseinstieg mitzubringen – mehr kann eine zwei- bis dreijährige Ausbildung auch nicht leisten. Auch ein technisches Studium bereitet die Absolventen in erster Linie darauf vor, mit den vermittelten Kenntnissen verschiedener Programmiersprachen, Methoden und Software-Engineering-Modellen den Einstieg in die Praxis zu finden. Im Zeitalter des lebenslangen Lernens, vor allem aber in der schnelllebigen Welt der Technologie, erscheint es nachvollziehbar, dass die Ausbildung nur eine Basis für die persönliche Karriere ist. Die eigentliche Spezialisierung beginnt erst mit dem Eintritt ins Berufsleben. So entscheidet sich langsam, ob man Standardprodukte anpasst oder individuelle Lösungen entwickelt, ob man hardwarenahe, Embedded-Systeme oder Anwendungsprogramme schreibt, ob man sich an der grafischen Benutzeroberfläche bewegt oder bis zu den Servern des Gesamtsystems eintaucht. Natürlich wird ein Entwickler während seiner Lebensarbeitszeit auf mehrere, verschiedene Umgebungen und Anforderungen stoßen. Aber er wird erkennen, dass er sich nach und nach zum Spezialisten entwickelt, der sich zwar in alle Gebiete einarbeiten kann, aber als Experte in den Bereichen angesehen wird, wo er Erfahrung vorweisen kann. Was also brauchen Unternehmen heute?

Natürlich ist jeder CIO daran interessiert, durch den Einsatz modernster Technologien und Produkte die langfristige Wettbewerbsfähigkeit durch effiziente Prozesse und Abläufe in seinem Unternehmen zu sichern. Demgegenüber steht aber auch immer ein Budget, das in der Regel vorsieht, bei der Einführung neuer Software immer so viele bestehende Komponenten wie möglich wiederzuverwenden, um (Entwicklungs-)Kosten zu sparen. Gleichzeitig werden die Anforderungen an Systeme und Programme immer komplexer und anspruchsvoller, denn mittlerweile werden immer mehr interne und externe Schnittstellen integriert sowie ganze Prozesse ausgelagert. IT-Experten finden daher meist eine sehr heterogene IT-Landschaft vor, die einerseits individuelle Softwarelösungen erfordert, und andererseits dem Anspruch nach Standardisierung gerecht werden soll. Daraus ließe sich ableiten, dass Unternehmen heute nach Generalisten suchen, die sich mit allen Plattformen auskennen, was aber zu viel verlangt wäre. Das gesamte Portfolio der zurzeit zur Verfügung stehenden Systeme bis ins Detail zu kennen, erweist sich als unmöglich. Deshalb ergeben sich aus den Veränderungen, Anpassungen oder Neuentwicklungen in der IT heute immer Projekte, die nur in Teamarbeit zu lösen sind. In jedem IT-Projekt befinden sich Generalisten, die ein breites technisches Verständnis haben und sich um die Abläufe und Organisation des Projekts kümmern, und Spezialisten, die für die Umsetzung und Entwicklung bestimmter Komponenten verantwortlich sind. Ein Spezialist zeichnet sich aber vor allem dadurch aus, dass er gut ausgebildet ist, gute analytische Fähigkeiten besitzt und sich bereits frühzeitig mit einer bestimmten Technologie beschäftigt und damit vor allem praktische Erfahrungen gesammelt hat. Irgendetwas wird sich also immer als eine Art roter Faden durch den Lebenslauf ziehen. Mit seinen Kenntnissen ist er dann in der Lage, Trends in einem bestimmten Gebiet zu erfassen beziehungsweise sich ohne Probleme in die nächste Generation einer Technologie, Programmiersprache oder einer sonstigen technischen Konzeptionsidee hineinzudenken.

Schaut man in die Stellenanzeigen, findet man häufiger der Titel IT-Spezialist, was dafür steht, dass Unternehmen nach Fach- oder Produkt-Know-how suchen. Gefragt sind aber beide: die Generalisten und die Spezialisten. In welche Richtung man gehen will, sollte man wiederum seiner Neigung entsprechend entscheiden. Wer eine zügige Karriere anstrebt, sollte bereits während seiner Studien- beziehungsweise Ausbildungszeit den Bezug zur Praxis suchen und verschiedene Arbeitsbereiche ausprobieren. Nur wer live dabei ist, kann sich einen realistischen Eindruck von der Branche und dem Tätigkeitsgebiet machen und herausfinden, ob er in diesem Umfeld langfristig motiviert ist, zu arbeiten. Es bietet sich also an, in den Semesterferien nicht nur des Geldes wegen einen Job zu suchen, sondern diesen auch gleich in der bevorzugten Branche zu suchen. Zum einen kann man dabei erste wichtige Kontakte knüpfen und erhöht somit seine Chancen, hier möglicherweise auch nach dem Studium fest einzusteigen. Zum anderen sammelt man bereits erste Berufserfahrungen. Als Werkstudent, während diverser Praktika, aber auch als Azubi in der Fachabteilung lernt man neben den technischen Feinheiten auch, dass es bei der Arbeit im Team auf soziale Kompetenzen ankommt, die zum einen Veranlagung sind und zum anderen auch aufgebaut werden müssen. Wer in seiner Karriere eine führende Rolle und einen Job mit Verantwortung anstrebt, muss also mehr als ein technischer Guru sein. Es gilt, während seiner Laufbahn verschiedenen Kollegen, Vorgesetzten und Kunden zu beweisen, dass man in der Lage ist, den Anforderungen und Herausforderungen souverän zu begegnen und sich gegenüber anderen zu behaupten, ohne sie vor den Kopf zu stoßen. Gleichzeitig agiert man in verschiedenen Rollen: als Architekt, als Teamleiter und soziales Vorbild, als Fachverantwortlicher und Projektleiter, als Ansprechpartner für Kunden, Kollegen und Geschäftsführung. In jeder Rolle herrschen unterschiedliche Bedingungen, es werden verschiedene Anforderungen gestellt, auf die man sich vorbereiten muss, für die man aber auch ein Set an Persönlichkeit mitbringen muss. Dieses Set der sozialen Kompetenzen ist bei der Besetzung von Fach- und Führungsrollen heute genauso entscheidend wie das fachliche Know-how. Oft wird den sozialen Faktoren sogar der Vorrang gegeben, da man davon ausgeht, dass technische Fähigkeiten erlernbar sind, die Persönlichkeit eines Menschen ist dagegen kaum veränderbar. Ob Sie sich daher mehr als Spezialist oder Generalist fühlen, sagt nichts über Ihren Erfolg aus. Es kommt drauf an, was Sie daraus machen.

Yasmine Limberger ist Dipl.-Betriebswirtin und arbeitet seit mehr als zwölf Jahren in der IT-Beratung. Verantwortlich bei Avanade Deutschland GmbH u. a. für den Bereich Personalmarketing hat sie langjährige Erfahrungen in der Auswahl von IT-Fach- und Führungskräften. Vor Kurzem ist ihr erstes Buch mit dem Titel „IT Survival Guide“ bei entwickler.press erschienen. Yasmine Limberger ist erreichbar unter yasmine.limberger@avanade.com.

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