Interview mit Thomas Gläser, Kurator der push.conference

"Wie soll man ohne UX-Design jemals eine sinnvolle App machen?"
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UX-Design ist ein spannendes, leider aber viel zu oft sträflich vernachlässigtes Thema – und das nicht nur im Web, sondern über alle Bereiche der Entwicklung hinweg. Viele Mythen ranken sich um die User Experience, und viel zu oft wird einfach nur kopflos kopiert; wenn andere damit Erfolg haben, kann es so schlecht ja nicht sein … Dabei rentiert es sich durchaus, etwas Arbeit zu investieren. Als Lohn winkt nicht nur die Liebe der User.

Das UX-Design dabei nur oberflächlich betrachtet etwas mit dem UI-Design zu tun hat, zeigt das Interview mit Thomas Gläser.

Der Mythos UX-Design

PHP Magazin: Thomas, dein Job ist es, den Nutzer ein Produkt „erleben“ zu lassen. Was genau ist für dich Teil einer guten User Experience?

Thomas Gläser: Eine gute User Experience ist, zumindest einfach die Mindestanforderung abzuliefern. Das heißt: unterstütze den Benutzer bei der Erledigung seines Jobs, z.B. „Ich möchte fit werden!“, etc. und das möglichst fehlerfrei und effizient – das ist gute Usability.

Eine gute User Experience passiert dann, wenn ich die Erwartungshaltung übertreffe. Ich werde nicht nur fitter und mache das zusammen mit meinen Freunden. So ist es mir mit der Freeletics-App gegangen. Diese Erwartungshaltung kann über ein besonders Feature, eine unerwartete Art der Interaktion oder ein visuelles Detail passieren.

PHP Magazin: User Experience hat also nicht nur mit dem User Interface (UI) zu tun – woher kommt dieser Irrglaube?

Thomas: Das hat einfach damit zu tun, das ein UI das sichtbarste und somit offensichtlichste Ergebnis einer User Experience ist. Leute veröffentlichen ästhetische Designs von Apps auf Dribbble oder Little Big Details und sagen, dass sei tolle UX.

Natürlich ist der visuelle Aspekt wichtig, aber eine User Experience ist, wie bereits erwähnt, mehr. Die ganze Funktionalität und Bedienbarkeit spielen hierbei auch eine tragende Rolle. Außerdem geht es nicht nur um einzelne UI-Screens, es geht viel mehr um Abläufe und Prozesse, wie z.B. das sogenannte Onboarding in einer App.

Thomas Gläser

Thomas GläserThomas Gläser ist Head of User Experience bei DelighteX. Dieses Startup um Eugene Belyaev, einem der Co-Founder von JetBrains, schickt sich an, mit CoachSpaces die Nummer 1 im Bereich der Rich Web Applications für Business- und Life-Coaches zu werden. Zuvor gründete Thomas mit envis precisely sein eigenes Design Studio; außerdem ist er Kurator der push.conference. Thomas wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Bayerischen Staatspreis für Nachwuchs-Designer und dem red dot „Best of the Best Concept Design Award“.

Regelmäßiges Feedback ist das A und O

PHP Magazin: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Disziplin im User Experience Design?

Thomas: Das Fundament einer jeden User Experience ist die User Research. Ohne Erfahrungen aus User-Observationen, Interviews, Analytics und Tests fehlt oft das nötige Verständnis. Was leider oft passiert, ist das stumpfe Erstellen von App-Klonen, die blind in einen falschen Kontext übertragen werden und oftmals scheitern. Pinterest-artige Layouts waren die letzten Jahre der Hit für einige Startups, egal ob große Bilder Sinn machen oder nicht.

In Wirklichkeit geht es darum, sich einen Pool an feedbackwilligen Leuten aufzubauen, die richtigen Fragen zu stellen und das Feedback dann wiederum auch kritisch zu hinterfragen. Danach kommt der klassische Ablauf aus Konzeption, Prototypen bis hin zum Detail-Design. Doch innerhalb des Prozesses müssen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, die wiederum auf User Research aufbauen.

PHP Magazin: Ist das ein Job, den man alleine in einem Team schaffen kann?

Thomas: Ich kenne viele meiner UX-Kollegen, die eine „UX-Army of One“ sind. In vielen Projekten und Firmen fehlt teilweise noch das Verständnis, dafür mehrere Leute einzustellen. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich aber sagen, dass bei erfolgreichen UX-Projekten meist noch zwei bis drei Leute hinzukommen. So habe ich bei DelighteX für unsere App http://www.coachingspaces.com mittlerweile auch ein dreiköpfiges Design-Team um mich herum aufgebaut. In modernen Teams ist es meist eine 1-zu-4-Verteilung zwischen Entwicklern und Designern – manche sind stärker in Research, andere in Konzeption oder Visual Design. Die Balance halte ich für sinnvoll.

CoachingSpaces

Abb. 1: CoachingSpaces ist das Ergebnis von Teamwork

PHP Magazin: Du hast mir erzählt, dass Testen für dich ein sehr wichtiger Punkt ist. Nun sind Tests nur der erste Schritt – wie gehst du aber an die Interpretation der Ergebnisse?

Thomas: Benutzerzentriertes Design heißt noch lange nicht, dass sich alles dem Benutzer unterordnet. Feature-Requests sind ein Paradebeispiel dafür.

In der Regel mache ich das so, dass ich diese Anfragen abwarte und aufpasse, wie oft diese wiederum von komplett anderen Benutzern wiederholt werden. Ab drei bis fünf sich wiederholenden Anfragen gehe ich dann wirklich darauf ein und fange erst mal an zu hinterfragen, welches Problem eigentlich gelöst werden soll. Die andere Geschichte ist oft die, dass Benutzer gerne anfangen Vorschläge zu machen, die sie aus anderen Apps kennen – ohne dabei wirklich das eigentliche Problem verstanden zu haben. Das ist wie mit dem Bundestrainer, da meint auch jeder, der Fußball schaut, er könne auch coachen 😉

Hier gilt es auch erst mal zu hinterfragen, welchen Job die Leute eigentlich wie erledigen wollen. Danach gilt es Lösungen zu entwickeln und die wiederum zu testen. Regelmäßiges Feedback bekommen, sollte so normal sein wie jeden Tag Zähne zu putzen.

PHP Magazin: Aus deiner Erfahrung heraus gesprochen – wie viel Wert sollte man beim Entwickeln einer neuen App oder bei einem Projekt auf den Bereich User Experience Design legen?

Thomas: Ich weiß gar nicht, wie man ohne UX-Design im Team jemals eine sinnvolle App machen sollte.

Ernsthaft: Die besten Ergebnisse hatte ich bis jetzt immer, wenn Produktmanagement, UX-Designer und Entwickler von Beginn an an einem Tisch saßen. Jede Disziplin hat etwas auf seine Weise zum Projekt beizutragen.

Die push.conference

PHP Magazin: Du bist einer der Kuratoren für die push.conference in München – eine Konferenz, in der sich alles um das Thema User Experience Design dreht. Was erwartet die Besucher da im Einzelnen?

Thomas: Die Besucher erwartet da eine Schnittmenge aus praxisnaher Entwicklung moderner Anwendungen, Einblicke in verschiedene Firmen und Agenturen. Wir haben am Freitag Razan Sadeq von Stylight zu Gast, die über User-Research-Methoden aus ihrem Arbeitsalltag berichtet. Toby Sterrett von Simple Bank, der über „Delightful UI Details“ redet. Oder Josh Carpenter von Mozilla Virtual Reality Research. Dann zwei Jungs von Google Ventures, die uns aufklären, wie man jedes Produkt innerhalb von fünf Tagen testen kann. Oder Leute wie Markus Eckert, Ben Fry oder Mike Tucker, die visuelle Grenzen neu definieren. Aber auch Interaction-Design-Artists wie Lauren McCarthy, die sich bei ihren nicht immer ernst gemeinten Experimenten mit der emotionalen Seite der Mensch-Maschine-Kommunikation beschäftigt.

Alles in allem ein bunter Zwei-Tage-Mix, der internationale Experten der Interactive-Branche zusammenführt. Wir haben noch ein Rahmenprogramm aus Speed-Networking, Lean Startup Coffeetable und einem Ausstellungsbereich, in dem Studenten ihre neuesten Arbeiten vorstellen. Ich freu mich schon.

 push.conference

push.conference 2014Die push.conference findet am 10. und 11. Oktober 2014 in der Alten Kongresshalle München statt. Sie bietet Designern, Entwicklern und UX-Experten eine Plattform, auf der sie kreatives Coden mit User Experience Design verbinden können.

Wer dabei sein möchte, sollte schnell reagieren und sich anmelden – es sind nur noch wenige Karten verfügbar.

Aufmacherbild: Vector icon or banner concept of ux design. Flat design von Shutterstock / Urheberrecht: Alexandra Gl

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