Interview mit Carlo Blatz

Wie war das noch mit Flash vs. HTML5?
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Mittlerweile ist es wieder ruhiger geworden um das leidige Thema Flash vs. HTML5 – und das obwohl HTML5 nichts an seiner Aktualität eingebüst hat. Wir sprachen mit Carlo Blatz von den Powerflashern über die Vor- und Nachteile, dem Einsatzgebiet und Steve Jobs Einfluss auf beide Technologien.

Herr Blatz, versuchen Sie manchmal, Ihre Kunden in eine andere Richtung zu beraten?

Eine andere Richtung als Flash? Absolut. Das „Flash“ in unserem Namen Powerflasher haben wir behalten für Attribute wie die Kraft und Energie des Blitzes. Wir entwickeln und beraten ganz bewusst Technologie-unabhängig. Die beste Lösung entscheidet die Technologie, nicht andersherum.

Was heißt das genau?

Ich nenne gerne ein paar Beispiele, bei denen die Anforderung die Technologiewahl entschieden hat. Anwendung für iOS lassen sich zwar inzwischen wieder mit Actionscript schreiben und für iOS nativ kompilieren. Es wird aber nie so gut sein wie Objective-C, C oder C++. Verschiedene Funktionen, beispielsweise die Manipulation eines Handy-Kamerabilds mit dem Finger die in der von uns entwickelten Hansgrohe@home-iPhone-App zu sehen ist, gehen in Actionscript noch nicht. Man kann auch Windows-Programme mit Flash und Adobe AIR schreiben. Allerdings ist .NET viel näher am System und lässt sich mit WPF auch schön gestalten und animieren. Dies zeigt das Beispiel T-Online Meine Software. Erst wenn es auch für Linux und MacOS Crossplattform-kompatibel sein soll, fällt die Wahl meist klar auf AIR, wie im Beispiel der Augmented-Realitiy-Anwendung Paketassistent der Deutschen Post. Backendseitig ist die Vielfalt noch viel größer, die meisten Schlachten werden bei uns mit Java oder PHP geschlagen. Wir sind da aber mit niemandem verheiratet und ebenso Microsoft-Partner, wie einer der wenigen deutschen Adobe Interactive Agency-Partner. Sicher haben wir über 1000 Referenzen der letzten 13 Jahre mit Adobe Flash gemacht. Wir haben aber auch an den ersten großen Microsoft WPF Projekten in Deutschland mitgearbeitet.

Woher kommt Ihrer Meinung nach der schlechte Eindruck, den viele User von Flash haben?

Leider aus Erfahrung. Wobei mir aufgefallen ist, dass dieser schlechte Beigeschmack besonders in Deutschland ausgeprägt ist. Vielleicht scheint die Presse daran auch nicht ganz unschuldig zu sein. Ich sehe drei große Bereiche: die Entwickler, die Verwendung und die Sicherheit.

Man kann die Entwickler verantwortlich machen, die die Technologie falsch eingesetzt haben. Oft sind Argumente wie lange Ladezeiten oder keine Suchmaschinenoptimierung zu hören. Flash ist ein Streamingformat und muss eigentlich gar keine Ladezeiten haben, wenn man es gut entwickelt. Im Gegenteil: Mit Vektorgrafik, eingebetteten Fonts, Z-Lib-Komprimierung und einem guten JPG-Algorithmus kann es deutlich kleiner sein. Stattdessen wird in Flash, oft aus Mangel an Erfahrung, hundertprozentig vorgeladen. Was bei Flash meist immer mehr bedeutet, da häufig Sounds und Animationen dazu kommen. Da kann ich jeden User verstehen, der wegen zu langer Ladezeiten wegklickt. Dabei würde auch eine HTML-Seite wie Spiegel.de ebenfalls Jahre laden, wenn man alle Inhalte vorladen würde. Und auch für Suchmaschinen gibt es gute Lösungen für Flash-Seiten, die dann auch sehr gezielt die Suchmaschinen bedienen. Es bedeutet zwar immer einen Mehraufwand – aber ganz ohne geht es in HTML auch nicht, wenn es gut werden soll.

Der zweite Bereich ist die Verwendung. Zum Beispiel hat Onlinewerbung, die aufgrund der multimedialen Fähigkeiten gerne auf Flash zurückgreift, ebenfalls nicht nur zum Ruhm beigetragen. Das negative Image müsste also eher der Werbeindustrie als der Technologie zu geschrieben werden. Diese versucht mit allen Mitteln nur noch auffälliger zu stören anstatt sich über echte Mehrwerte für den Nutzer Gedanken zu machen. Zunehmend mehr Nutzer haben sich Flash-Blocker installiert. Mit denen entscheiden sie selektiv, ob sie Flash-Bereiche auf der Website sehen möchten oder nicht. Ich bin gespannt, welche Lösungen man zur Blockade von HTML5 animierten Ads entwickeln wird. Die Werbeindustrie wird nicht lange warten, HTML5 für ihre Störerformate einzusetzen und so die Flashblocker zu umgehen.

Und zuletzt sind weitere Gründe zweifelsohne die Sicherheitslücken. Mit jeder weiteren Technologie im Browser wächst das Risiko von potenziellen Angriffsflächen. Mit einer fast hundertprozentigen Verbreitung ist Flash da ein dankbares Angriffsziel. Bleibt zu hoffen, dass Adobe weiterhin alle Lücken schnell schließt.

Accessibility & Flash – nur ein Lippenbekenntnis?

Keineswegs, es gibt in Flash explizite Befehle und Möglichkeiten Accessiblity-Funktionen anzusprechen. Natürlich ist das ein Zusatzaufwand, den die wenigsten Kunden bezahlen wollen. Man muss sie explizit ansprechen. Das hat einen Vorteil: Damit kann bewusst entschieden werden, welche Inhalte für Tools wie beispielsweise einem Screenreader zur Verfügung stehen. Bei einfachem HTML bekommt man solche Funktionen zwar „geschenkt“. Es lässt sich hier jedoch nicht so einfach differenzieren. Zudem ist eine AJAX-Seite wie Facebook für einen Blinden sicher auch schwer zu lesen. Andererseits muss man natürlich hinterfragen, wo eine Website Sinn macht die Ansprüche an Accessibility hat. Meist wird Flash doch für sehr interaktive und multimediale Seiten eingesetzt.

Warum werden viele Features nicht genutzt, die Flash bietet?

Das geht wohl den meisten Technologien so. Es braucht Zeit, bis sich so etwas durchsetzt. Die Einbindung von Webcams ist ein schönes Beispiel. Zwar geht es in Flash schon seit Jahren, aber erst mit einer Applikation wie Chatroulette, die in wenigen Stunden geschrieben ist, bekommt dies dann auch die breite Öffentlichkeit mit.

Flash steht in dem Ruf, sehr Performancehungrig zu sein. Vor allem mobile Devices könnten unter dieser Last ins Schwitzen geraten. Sehen Sie dafür eine Lösung?

Auch hier können die Entwickler viel beeinflussen und verbessern. Man muss, wie in fast jeder Technologie, auf Speicherverbrauch oder Garbagecollection achten. In Flash sind da professionelle IDEs mit Profiler und Debugger eine Hilfe, wie beispielsweise FDT. Aber es kommt auch auf das Können der Entwickler an. Hier trennt sich wirklich die Spreu vom Weizen.

An den Hardware-Lösungen wird bereits aktiv gearbeitet. Der neue Player mit dem Arbeitstitel „Molehill“ wird hier mit aktiver GPU-Unterstützung einen Quantensprung liefern. In der Vergangenheit war es noch nicht nötig und nun ist man viel zu spät. Seit Apps mit Adobe AIR nicht nur für den Desktop sondern auch für viele mobile Plattformen entwickelt werden können, wachsen die Flash-Inhalte auch auf mobilen Endgeräten rasant. Erste Ansätze gibt es bereits. So hat zum Beispiel der NVIDIA ION-Chip ebenso in teuren Macbooks wie in günstigen Netbooks Einzug gehalten. Dieser bietet Flash bereits hardwareunterstütztes Videoplayback an. Es muss weiter aktiv mit den Chipherstellern zusammengearbeitet werden. Adobe weiß dies. Und auch andere Firmen haben großes Interesse, das zu verbessern.

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