Interview mit Thomas Schissler zur BASTA! 2019

BASTA!-Interview: „DevOps ist die Ausdehnung agiler Prinzipien auf die gesamte Wertschöpfungskette“
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Wenn von DevOps die Rede ist, sind Cloud-Technologien nicht weit. Dennoch funktionieren die modernen und sinnvollen Prinzipien von DevOps nicht ausschließlich unter Verwendung einer hochmodernen dezentralen Infrastruktur, im Gegenteil: Auch für Legacy-Technologien und Desktop-Anwendungen lässt sich DevOps umsetzen. Wie? Das erklärt Thomas Schissler, Gründer von agileMax und Microsoft MVP, im Interview zur BASTA! 2019 in Mainz.

Wer Thomas Schissler einmal live erleben möchte, der hat auf der BASTA! 2019 Gelegenheit dazu. In seiner Session DevOps für klassische Windows-Desktopanwendungen erklärt er, wie sich DevOps-Prinzipien und moderne Prozesse auch auf Desktop-Anwendungen und Legacy-Technologien anwenden lassen. Zudem ist er mit seiner Session Flow – was die Softwareentwicklung mit einer Fabrik gemeinsam hat vertreten, in der er gemeinsam mit Neno Loje anhand von Anekdoten, Geschichten und Erlebnissen illustriert, wie ähnlich sich der Fabrik- und der Entwickleralltag eigentlich sind. Überdies ist Thomas Host des DevOps Labs auf der Konferenz.

Entwickler: Hallo Thomas und danke, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. In deinem Talk auf der BASTA! 2019 sprichst du über DevOps und wie es sich für die Entwicklung klassicher Windows-Desktop-Anwendungen einsetzen lässt. Das klingt erst einmal sehr technisch, daher vielleicht zunächst die Frage: Was genau ist DevOps für dich?

Thomas Schissler: Hallo Dominik. Danke zuerst einmal für dein Interesse an meinen Themen. Das Thema DevOps selbst ist für mich gar nicht technisch. Um es in einem Satz zusammenzufassen, für mich ist DevOps die Ausdehnung von agilen Prinzipien auf die gesamte Wertschöpfungskette, also nicht nur auf die Entwicklung. Dazu gehören Themen wie Entwicklung in kurzen Zyklen und gelebtes Inspect & Adapt, was nach meiner Erfahrung zu einer besseren Kundenorientierung führt. Das ist zu allererst ein Mindset-Thema. Der Transformationsprozess, um diese neue Arbeitsweise zu ermöglichen, umfasst allerdings nicht nur organisatorische Aspekte, sondern auch technologische. Das Produkt muss sozusagen für Agilität „ertüchtigt“ werden. Ich möchte zeigen, dass das mit überschaubarem Aufwand auch mit bestehenden Desktop-Anwendungen möglich ist und somit Teams bereits jetzt mit dieser Transformation beginnen können, statt auf die nächste Produktgeneration zu warten.

Entwickler: Wie du in deiner Session zeigen wirst, ist für den Einsatz von DevOps-Prinzipien keine Cloud- oder Webtechnologie obligatorisch. Dennoch sind die heute mit DevOps in Verbindung gebrachten Technologien schon sehr auf die Cloud ausgelegt: Mit welchen Anpassungen kann man den technischen Aspekt von DevOps in Legacy-Systeme bringen?

Agilität und auch DevOps sind hilfreich, um Komplexität besser beherrschbar zu machen.

Thomas Schissler: Es ist sicher richtig, dass viele der Technologien und Tools im Kontext von DevOps auf Cloud- und Webtechnologien basieren. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht mit Desktop-Anwendungen gemeinsam genutzt werden können. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Telemetrie, also das Erheben von anonymisierten Daten, um besser verstehen zu können, wie unsere Applikation genutzt wird. Natürlich macht es Sinn, diese Daten an einem zentralen Ort, also in der Cloud zu sammeln und dort auswerten zu können. Die Daten können aber auch von einer Desktop-Anwendung stammen, solange diese eine Internetverbindung nutzen kann und natürlich auch nur dann, wenn der Benutzer sein Einverständnis gegeben hat. Wir haben also viel mehr ein Hybrid-Szenario, das in vielen Bereichen nutzbar ist.

Andere DevOps-Konzepte sind mehr architektonischer oder konzeptioneller Art, die sich mit etwas Kreativität ebenfalls auf Desktop-Applikationen übertragen lassen. Das sogenannte Blue-Green-Deployment beispielsweise, also die Bereitstellung einer zweiten Instanz auf der unterbrechungsfrei ein Update laufen kann und das bei Problemen auch schnelle Fallbacks ermöglicht, ist mit Desktop-Anwendungen gar nicht so schwer umzusetzen. Dafür habe ich in der Vergangenheit auch schon auf der BASTA! Beispiele gezeigt.

BASTA! Spring 2020

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DevOps: Tools und Kultur

Entwickler: Auch Continuous Delivery und Monitoring sind möglich, sagst du. Welche Tools eignen sich an der Stelle?

Thomas Schissler: Für mich sind die Tools an der Stelle gar nicht so entscheidend. Wie bereits erwähnt, geht es mir vor allem um das Mindset, um die Kreativität, die ich mir bei einem Team wünsche, damit sich diese Konzepte erschließen lassen. Ich bin überzeugt, ein gutes Team findet recht schnell die Tools, die für ihre Situation am besten passen. Ich selbst bin ja auch Microsoft MVP und arbeite bereits seit vielen Jahren mit Azure DevOps / TFS und deshalb war es für mich naheliegend, meine Demos darauf aufzubauen. Für das gezeigte Beispiel reicht das unter Hinzuziehung von ein paar Azure Services aus, da ich mir einige der benötigten Funktionen damit schnell selber gebastelt habe. Für die Praxis macht es aber Sinn, weitere Tools zu nutzen, z.B. für Feature Flags oder auch das Deployment.

Entwickler: Gibt es Situationen und Projekte in denen weder der technische noch der kulturelle Aspekt von DevOps hilfreich ist?

Jeder von uns hat die Chance, etwas zu tun, das noch kein anderer zuvor gemacht hat.

Thomas Schissler: Agilität und auch DevOps sind hilfreich, um Komplexität besser beherrschbar zu machen. In Bereichen, die nicht wirklich komplex, sondern nur kompliziert sind, ist DevOps vielleicht wenig hilfreich. Das sind die Bereiche, wo wir eine vorhersagbare Ursache-Wirkungs-Beziehung haben, die durch entsprechende Analysen im Vorfeld zu planbaren Abläufen führt. Ob Softwareentwicklungsprojekte außerhalb des komplexen Bereichs überhaupt gibt? Ich habe jedenfalls keine solche Situation erlebt. Irgendetwas hat sich immer ergeben, das nicht vorhersagbar war, und sei es nur die Reaktion der Anwender auf das, was wir dort entwickelt haben.

Entwickler: Was ist die Kernbotschaft deiner Session, die jeder mit nach Hause nehmen sollte?

Thomas Schissler: Die Kernbotschaft ist ganz klar, dass sich jeder mit dem Thema DevOps beschäftigen sollte, der mit Softwareentwicklung zu tun hat. In manchen Bereichen muss man einfach selbst etwas kreativ sein, um die Konzepte und Philosophie umzusetzen. Wenn es also das fertige Kochrezept noch nicht gibt, dann heißt das noch lange nicht, dass es nicht geht. Und das macht doch die Softwareentwicklung so spannend – jeder von uns hat die Chance, etwas zu tun, das noch kein anderer zuvor gemacht hat.

Entwickler: Vielen Dank für das Interview, Thomas!

Thomas Schissler ist Gründer von agileMax, einem agilen Beratungsunternehmen. Er unterstützt als Coach und Consultant Kunden bei der Verbesserung ihrer Softwareentwicklungsprozesse auf Basis von Agilität. Als Trainer bietet Thomas hauptsächlich die Scrum-Trainings der scrum.org an, aber auch technische Trainings oder Workshops zum Thema DevOps, Teststrategien oder Refactoring. Seit 2008 ist er jährlich von Microsoft mit dem Microsoft MVP Award im Bereich Developer Technologies ausgezeichnet worden. Sein Steckenpferd ist aktuell das Thema DevOps, das neben den organisatorischen Herausforderungen vor allem auch auf technischer Ebene spannend ist und damit die beiden Interessensgebiete von Thomas ideal vereint.
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