Kolumne: Stropek as a Service

Ist Enterprise aPaaS das Ende der klassischen Softwareentwicklung?
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Bereits vor knapp drei Jahrzehnten wurde Rainer Stropek die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Softwareentwicklerberufs gestellt. Allerdings ist die Gefahr, als Programmierer arbeitslos zu werden, wohl jetzt als auch in naher Zukunft recht gering. Dennoch entwickelt sich gerade in der Cloud eine Kategorie von Softwareplattformen, die die genannte Frage so aktuell macht, wie schon lange nicht mehr: Enterprise Application Platform as a Service (aPaaS).

Es ist mittlerweile 26 Jahre her, dass ich zum allerersten Mal in meinem Leben durch ein Vorstellungsgespräch musste. Als Teil meiner Ausbildung zum Softwareentwickler bewarb ich mich für einen Praktikumsplatz bei einem Industriekonzern in unserer Nähe.

Das Gespräch ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Besonders einprägsam war ein kritischer (und damals ernst gemeinter) Kommentar des IT-Leiters, der das Interview mit mir geführt hat: „Warum beginnen Sie eigentlich jetzt noch eine Ausbildung als Softwareentwickler? In wenigen Jahren werden die Entwicklungswerkzeuge so einfach zu bedienen sein, dass es keine Programmierer mehr braucht.“

Naja, rückblickend war seine Prognose nicht ganz richtig. Weder jetzt noch in absehbarer Zukunft sehe ich eine Gefahr, als Programmierer arbeitslos zu werden. Ganz im Gegenteil, erfahrene und gut ausgebildete Entwicklerinnen und Entwickler sind gefragt wie nie. In der Cloud entwickelt sich jedoch gerade eine Kategorie von Softwareplattformen, die die oben genannte Frage des IT-Leiters so aktuell macht, wie schon lange nicht mehr: Enterprise-Application-Platform-as-a-Service (aPaaS)-Angebote wollen die Entwicklung typischer Enterprise-Datenverwaltungsanwendungen den auf Technik spezialisierten Softwareentwicklungsabteilungen entreißen und es Businessanwendern ermöglichen, sich selbst zu helfen.

Application Platform as a Service (aPaaS)

Was versteckt sich hinter dem Begriff Enterprise aPaaS? Wer meine Kolumne schon öfter gelesen hat, weiß, dass ich ein großer Anhänger von PaaS (Platform as a Service) bin. Statt nur Infrastrukturdienste (IaaS) zu verwenden, nutzt man fertige Plattformen (z. B. Datenbankcluster, Webfarmen, Storage-Cluster). Das ermöglicht die Konzentration auf die eigentliche Anwendungsentwicklung.

Application Platform as a Service (aPaaS) geht einen Schritt weiter. APaaS-Anbieter stellen fertige Cloud-Dienste zur Verfügung, die den gesamten Anwendungslebenszyklus von der Entwicklung über das Deployment bis hin zum Testen und Betrieb abdecken: Datenhaltung, Web Services, Benutzerschnittstellen – alles ist integriert. Bedenkt man, wie vielfältig Software sein kann, wird klar, dass eine aPaaS-Plattform für alles – vom Computerspiel über die CAD-Anwendung bis hin zum ERP-System – nicht realistisch ist. Es hat sich daher eine Spezialisierung namens Enterprise aPaaS herauskristallisiert, die sich auf typische CRUD-Anwendungen fokussiert, wie man sie in größeren Unternehmen an allen Ecken und Enden findet. Gartner definiert Enterprise aPaaS wie folgt: „An aPaaS offering that is designed to support the enterprise style of applications and application projects (high availability, disaster recovery, external service access, security and technical support) is enterprise aPaaS.“ (Gartner: Magic Quadrant for Enterprise Application Platform as a Service, März 2016)

Was kann Enterprise aPaaS?

Gartner stufte Microsoft und Salesforce im Frühling 2016 als Leader im weltweiten Enterprise aPaaS Magic Quadrant ein. Werfen wir daher exemplarisch einen Blick auf Microsoft und betrachten, was der Softwarekonzern aus Redmond in der relativ jungen Produktkategorie anzubieten hat.

Wenig überraschend positioniert Microsoft die Azure-Plattform als zentrales Element seiner PaaS-Strategie. Dienste wie Azure App Service und Azure Service Fabric sieht Microsoft als ideale Komponenten zum Betrieb von Enterprise-Lösungen, die nach dem Architekturprinzip der Microservices entwickelt werden. In meiner eigenen Firma arbeiten wir seit vielen Jahren mit Azure App Services – ich kann dieser Einschätzung daher aus der Erfahrung voll und ganz zustimmen. Eines steht aber ebenfalls fest: Jeder Businessuser, der neben seinen jeweiligen Fachkenntnissen nicht auch zufällig eine IT-Ausbildung hat, ist mit diesen PaaS-Angeboten hoffnungslos überfordert. Ohne ein spezialisiertes DevOps-Team kommt man nicht weit.

Seit einigen Monaten stellt Microsoft jedoch schrittweise neue Produkte vor, die in einer anderen Liga spielen. Hier einige Beispiele:

  • Mit Power BI erstellen Businessuser selbst interaktive Dashboards.
  • PowerApps erlaubt es Businessusern, ohne große Programmierkenntnisse Apps zur Datenverwaltung zu erstellen. Sie greifen im Hintergrund auf bestehende Daten in Systemen wie SharePoint, Azure, Salesforce, Dynamics CRM etc. zu.
  • Durch Workflows in Microsoft Flow verknüpfen Businessuser Microservices, um Geschäftsprozesse abzubilden, die über einen einzelnen Dienst hinausgehen.

Dienste wie diese füllen die Lücke, in der sich früher Produkte wie Access und Excel breitgemacht haben: IT-technisch halbwegs talentierte Businessuser erstellen selbst Datenverwaltungsanwendungen, ohne auf die spezialisierte IT angewiesen zu sein. Im Gegensatz zu früher bringt Microsoft diesmal auch die Cloud-Umgebung zum professionellen Betrieb der Anwendungen mit. Der typische, nicht in den Griff zu bekommende Wildwuchs aus Access- und Excel-Monstern soll dadurch vermieden werden.

Zusammenarbeit ist gefragt

Ist die Zeit der Softwareentwickler also tatsächlich zu Ende, weil jeder Businessuser sich die passende Software selbst zusammenklickt? Auch wenn das eine Utopie ist, steckt in dieser Aussage ein Körnchen Wahrheit. Zur Erstellung der unzähligen Datenverwaltungsanwendungen, die in Unternehmen notwendig sind, braucht es tatsächlich bald weniger Softwareentwicklungsprofis. Persönlich sehe ich das jeden Tag am Beispiel von Power BI. Unsere Anwender brauchen uns immer weniger für Reports und Dashboards. Sie helfen sich selbst, sparen sich dadurch Spezifikations- und Koordinationsaufwand und kommen rasch an ihr Ziel.

Mit dem Essen kommt aber der Appetit: Die Benutzer wollen mehr, die Anforderungen werden komplexer und man stößt ohne Programmierkenntnisse an Grenzen. In diesem Zusammenhang finde ich Projekte wie die Microsoft Business Application Platform sehr interessant. Ihr Ziel ist es, Entwicklungsprofis und Businessuser in einer Umgebung zusammenzubringen. Wo notwendig, programmiert man und nutzt die volle Power von Plattformen wie Azure. Gleichzeitig stellt man ganz im Sinne von Microservices Ergebnisse zum Beispiel über Protokolle wie RESTful Web-APIs oder OData so zur Verfügung, dass Businessuser sie mit ihren Tools zu integrierten Lösungen für Geschäftsprozesse zusammenstellen können.

Kulturwandel

Meiner Ansicht nach entwickelt sich die Technik rascher weiter als die Kulturen in den meisten Unternehmen. IT-Abteilungen versuchen, die Cloud mit ihren aPaaS-Angeboten draußen zu halten, um keinen Einfluss zu verlieren. Businessuser nutzen Cloud-Services ohne Abstimmung mit der IT, um Bürokratie und scheinbar endlose Diskussionen zu vermeiden. Das kann nicht die Lösung sein.

Als gute Softwareentwicklerinnen und -entwickler brauchen wir uns keine Sorgen um unsere Jobs zu machen. Es gibt sowieso viel zu wenige von uns. Seien wir doch froh, wenn die Businessuser einen Teil der Aufgaben selbst übernehmen, und machen wir ihnen diesen Schritt so einfach wie möglich. Businessuser auf der anderen Seite müssen verstehen, dass ein gewisses Maß an Koordination zum Schutz wertvoller Daten notwendig ist. Sie sollten sich grundlegendes Verständnis über IT, beispielsweise über Datenschutz und -sicherheit oder Datenmodellierung aneignen, um die Zusammenarbeit mit den Technikerinnen und Technikern zu erleichtern. Wenn so beide Seiten aufeinander zugehen, kann Enterprise aPaaS tatsächlich funktionieren und Unternehmen agiler und erfolgreicher machen.

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In der Kolumne greift Rainer Stropek spannende Aspekte wie die Finanzierung, den Customer Lifetime Value, aber auch wichtige Themen wie Billing, Kundenbindung durch Qualität oder APIs auf – alles aus der Sicht eines Unternehmers, der seit 20 Jahren in der IT-Branche tätig ist und seit fünf Jahren intensive Erfahrungen mit SaaS gesammelt hat.

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