Kolumne: Karrieretipps

Karrieretipps: Mehr Schein als Sein? Wie merke ich, ob eine Schein-Selbstständigkeit vorliegt?
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Freelancer, die sich freuen, ein langfristiges gutbezahltes Projekt an Land gezogen zu haben, sind überrascht, wenn der Auftraggeber den langjährigen Beratungsvertrag plötzlich kündigt bzw. fordert, sich über eine Zeitarbeitsfirma anstellen zu lassen. Der Hintergrund: Verdacht auf Schein-Selbstständigkeit!

Und das kann für den Auftraggeber richtig teuer werden. Wird dieser nämlich im Rahmen einer Betriebsprüfung „entlarvt“, Scheinselbstständige zu beschäftigen, drohen saftige Nachzahlungen an Sozialbeiträgen. Eine klare gesetzliche Definition von Scheinselbstständigkeit ist nur schwer zu finden. Vielmehr gibt es Kriterien, die zu prüfen sind, um eine Scheinselbstständigkeit auszuschließen.

Es gibt viele Gründe, …

Viele IT-Experten beschäftigen sich früher oder später mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen. Oft ist es der Frust, im eigenen Unternehmen nicht weiterzukommen oder sich in ein Geflecht von Regeln und Strukturen einordnen zu müssen. Häufig fühlt man sich im Tagesgeschäft gelangweilt, möchte sich stärker auf bestimmte Branchen, Themen oder Programmiersprachen konzentrieren, der derzeitige Arbeitgeber bietet jedoch zu wenig Spielraum oder Möglichkeiten. Auch entscheiden sich Entwickler und Netzwerkspezialisten, deren Arbeitgeber Konkurs anmelden mussten und die zunächst keinen neuen Arbeitsplatz fanden, dafür, sich selbstständig zu machen und nun auf eigene Rechnung für diverse Kunden tätig zu werden. Viele IT-Experten nutzen aber auch in Zeiten großer Nachfrage die Chance, ihr eigener Chef zu werden. Die Verlockung ist groß, und die Hoffnung auf einen höheren Stundenlohn, mehr Unabhängigkeit und flexiblere Arbeitszeiten und Freiheiten veranlasst immer mehr IT-Spezialisten, ihre Karriere als Freelancer weiter fortzuführen. Aber Vorsicht! Der Schritt in die Selbstständigkeit will wohlüberlegt und geplant sein. Denn mit dieser Chance sind wie immer auch Risiken verbunden. Wer zu leichtfertig und blauäugig an die Sache herangeht, erlebt häufig schneller als erwartet sein blaues Wunder und findet sich auf dem Boden der Realität wieder.

… aber man braucht einen Plan …

Wie jeder Unternehmer, der mit Chancen und Risiken agieren muss, steht am Anfang ein ausgereifter Businessplan mit einer klaren Geschäftsanalyse, die aufzeigt, was der Markt kurz-, mittel- und langfristig erwartet und wie man sich von anderen Dienstleistern abhebt. Die eigene finanzielle Situation, die individuelle Risikobereitschaft sowie die persönlichen Talente und Qualifikationen sind genauestens zu betrachten und zu evaluieren. Es ist eine Entscheidung zu treffen, ob man zunächst allein agiert oder mit einem Kompagnon. Dabei ist zu beachten, dass es sich dabei nicht unbedingt um den besten Freund, sondern eher um eine fachliche und betriebswirtschaftliche Koryphäe handeln sollte, mit der man eine geschäftliche Verbindung eingeht. Vor allem, wenn man mit Geschäftspartnern agieren will, muss man die Spielregeln zu Beginn genauestens definieren, um sich nicht später vor Gericht wiederzutreffen, weil jeder eine andere Vorstellung von der Zusammenarbeit hatte. Wer bringt was in die Partnerschaft ein (Kapital, Fachwissen, Kundenkontakte etc.)? Welche Rechtsform wählt man? Hier ist es empfehlenswert, sich von einem Rechtsanwalt und einem Steuerberater intensiv beraten zu lassen, auch wenn dies am Anfang bedeutet, dass man Aufwände hat und investieren muss.

Zu klären sind auch die Verpflichtungen und Ansprüche, die man bisher in die Sozialversicherungen eingezahlt hat. Als Selbstständiger ist man für die eigene Absicherung im Krankheits- oder Berufsunfähigkeitsfall verantwortlich. Ein sinnvolles, jedoch häufig sehr umfangreiches Versicherungspaket ist ebenfalls ein Investment, das man von Anfang an und noch dazu regelmäßig aufwenden muss. Auch die Steuerverpflichtungen sind nicht zu vernachlässigen. Aufgrund der Komplexität des deutschen Steuersystems kommt man als Selbstständiger meist nicht drum herum, einen Steuerberater damit zu beauftragen, bei der Steuererklärung und anfallenden Vorauszahlungen behilflich zu sein.

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… und Aufträge

Wenn die Aufwandsseite soweit geklärt und geregelt ist, muss man sich intensiv damit beschäftigen, wie man an Aufträge kommt. Hat man bereits Kundenkontakte, die man nutzen kann, so ist dies sicher ein guter Anfang, aber man sollte sich in keinem Fall nur darauf verlassen. Bricht der eine oder andere Kunde weg, hat man einen direkten Verdienstausfall und zunächst einen längeren Anlauf, bis der nächste Auftrag an Land gezogen ist. Daher benötigt man auch auf der Einnahmeseite eine klare Strategie. Vor allem muss einem eines ganz klar sein: Wer sich bisher nicht für Vertriebsfragen interessiert hat und generell kein „Verkäufertyp“ ist, der wird sich möglicherweise schwertun, seine Selbstständigkeit und sein Geschäft langfristig erfolgreich zu führen. Es reicht nicht nur aus, einfach gut zu sein. Effektives Marketing und eine klare Vertriebsstrategie sind der Schlüssel zum Erfolg, um sich sein Einkommen langfristig zu sichern und sich auch als Selbstständiger weiterentwickeln zu können. Wer mit Akquise wenig am Hut hat, der sollte sich über eine Freelanceragentur vermitteln lassen, auch wenn hier wieder gewisse Abhängigkeiten entstehen. Auch ist die Möglichkeit, sich über eine Zeitarbeitsfirma für Kundenprojekte anstellen zu lassen, eine Variante. Aber gerade im Rahmen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes gilt es, Fallstricke zu beachten, denn die Zeitarbeitsverträge sind für freie Entwickler oft unattraktiv, da sie hier einen geringeren Stundenlohn erhalten, als wenn Sie auf eigene Rechnung arbeiten.

Die rechtliche Seite

Für zusätzliche Unsicherheit sorgte in diesem Zusammenhang die Verschärfung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes im Frühjahr 2017, das das Problem der Scheinselbstständigkeit im Visier hat. Die Problematik sollte man als Selbstständiger nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn laut Gesetzesreform muss der Auftraggeber haften, wenn der beschäftigte Freelancer zum Scheinselbstständigen erklärt wird. Neben Geldstrafen drohen hier sogar Freiheitsstrafen. Klar, dass Unternehmen dies nicht riskieren wollen und dann lieber gleich den unbequemen und teuren Weg der Arbeitnehmerüberlassung wählen. Für Freiberufler heißt es daher, sich auf jeden Fall gemäß der im Folgenden genannten Kriterien vor Annahme des Auftrags abzusichern.

Eine Scheinselbstständigkeit liegt vor, wenn eine Person zwar nach außen (zum Beispiel mit einem Werkvertrag) als selbstständiger Unternehmer auftritt, ihre Aufgaben aber wie ein abhängig Beschäftigter erfüllt. Kriterien dafür sind:

  • Feste Arbeitszeiten (zum Beispiel Schichtdienst in User Help Desks)
  • Unmittelbare Weisungsbefugnis des Auftraggebers
  • Reportingpflichten gegenüber dem Auftraggeber
  • Die feste Integration in Prozesse und sonstige Infrastruktur des Auftraggebers
  • Feste Bezüge und Urlaubsanspruch

Aber das ist noch nicht alles. Damit sich eine Scheinselbstständigkeit ausschließen lässt, sollte man als Freelancer folgende Konstellationen vermeiden:

  • Mehr als fünf Sechstel des Gesamtumsatzes von einem Auftraggeber beziehen
  • Über längere Zeit nur für einen Auftraggeber arbeiten
  • Über keinen eigenen Unternehmensauftritt nach außen verfügen (weder Werbung, Website, Geschäftspapier noch Buchführung)
  • Teilnahme an regelmäßigen internen Briefings und Meetings des Auftraggebers
  • Weisungsgebundenheit gegenüber dem Auftraggeber

Umgekehrt ist man als Selbstständiger nach den Richtlinien der Rentenversicherung auf der sicheren Seite, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Freie Honorarverrechnung und eigene Buchführung
  • Freie Wahl des Arbeitsplatzes und weitgehend freie Zeitplanung
  • Unter Umständen Beschäftigung eigener Angestellter
  • Freie Wahl der Aufträge mit Option der Ablehnung

Und dann durchhalten!

Es ist also gar nicht so einfach, sich mal eben selbstständig zu machen. Und es muss einem klar sein: Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer ist steiniger als ein klassischer Karriereweg eines Angestellten. Es gibt Hürden und Schikanen, Durststrecken und Stressmomente, die es als Selbstständiger zu überwinden gilt. Wer sich aber durchbeißt und nicht auf halber Strecke aufgibt, der kann am Ende durchaus ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit genießen, das er bisher als Angestellter vermisst hat. Zu empfehlen ist auf jeden Fall eine intensive Beratung, z. B. im Rahmen eines Gründercoachings. Hierbei sollte man sich aus der Vielzahl von Angeboten am besten über persönliche Empfehlungen ein Programm raussuchen, das den speziellen Anforderungen von IT-Gründern gerecht wird. Auch die Mitgliedschaft in Gründernetzwerken oder Foren ist sinnvoll.

Machen Sie mit!
Sie können unter karrieretipps@windowsdeveloper.de gerne Fragen, Probleme und Erfahrungen loswerden, die von Yasmine Limberger dann aufgenommen und beantwortet werden – ohne Nennung Ihres Namens. Nutzen Sie die Gelegenheit!
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