Kolumne: Stropek as a Service

Karrierestart: was lernen angesichts von Cloud, SaaS, AI und Co?
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Neben meiner Arbeit als Berater und Softwareentwickler unterrichte ich einen Tag pro Woche an der höheren technischen Lehranstalt für Informatik in Perg (Österreich). Meine Schüler sind zwischen 17 und 19 Jahre alt und stehen daher kurz vor ihrem Karrierestart oder dem Beginn eines Studiums. Im Rahmen einer Berufsinformationsveranstaltung war ich an unserer Schule eingeladen, an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen.

Die zentrale Frage war, welche Fähigkeiten die Schülerinnen und Schüler brauchen, um am Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. Welche Weichen sollen sie in Hinblick auf Ausbildung und Jobauswahl stellen? Generelle Empfehlung zu diesem Thema abzugeben, ist schwierig. Schließlich hat jede Person unterschiedliche Talente und Leidenschaften. Ich bin jedoch der Meinung, dass man eines mit ziemlicher Sicherheit sagen kann: Die Wirtschaft braucht dringend mehr technisch brillante, verantwortungsbewusste Hacker.

Technische Brillanz

Die Zeit, in der man sich als Softwareentwickler durch Zusammenkopieren von Codeschnipseln aus Stackoverflow durchmogeln konnte, geht zu Ende. Der Trend zur Automatisierung macht auch vor der Informationstechnik nicht halt. Kunden sind nicht mehr bereit, für jede noch so einfache Geschäftsanwendung teure Individualentwicklungsprojekte zu starten. Sie nehmen eine oder mehrere fertige SaaS-Lösungen in der Cloud und lassen sie für einen Bruchteil der Kosten einer Individuallösung integrieren und an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Dieses Vorgehen ist heute schon gang und gäbe und wird sich meiner Einschätzung nach in den nächsten Jahren noch verstärken. Schließlich sind Standardprodukte heute keine starren, in sich geschlossenen Monolithen mehr. Anpassbarkeit und Erweiterbarkeit zum Beispiel durch Web-APIs und WebHooks sind in modernen Lösungen Standard.

Selbst in Teams, die solche Integrationsarbeiten durchführen, sind nur wenige klassische Programmierer notwendig. Für die notwendigen Integrationsaufgaben gibt es fertige oder halbfertige Cloud-Komponenten. Man denke nur an Dienste wie Azure Functions, Azure Logic Apps oder Microsoft Flow. Für ergänzend notwendige Anwendungsteile wie Datenerfassung, Reporting oder Datenanalyse schreibt dank SaaS-Angeboten wie PowerApps oder Power BI niemand mehr nennenswert Code.

Was ist mit dem Betrieb der notwendigen IT-Infrastruktur? Schlagworte wie „NoOps“ sprechen für sich. Automatisierung in der Cloud hat den Personalbedarf in noch vor zehn Jahren weit verbreiteten Berufsbildern zusammenschrumpfen lassen, und es ist davon auszugehen, dass dieser Trend anhalten und sich sogar noch beschleunigen wird. Dienste wie Application Insights erlauben es, ohne große Programmierung oder Konfiguration auch große komplexe Systeme mit minimalem Personalbedarf im Griff zu haben. In PaaS-Angeboten wie Azure SQL Database oder Azure Active Directory arbeiten längst ständig Softwareroboter an der Optimierung, Fehlerkorrektur und Überwachung der Systemsicherheit.

Stirbt der Beruf des Programmierens also aus? Keinesfalls, zumindest nicht kurz- oder mittelfristig. Wer von meinen Schülern diesen Karrierepfad einschlagen will, hat meiner Meinung nach auf Jahrzehnte einen sicheren Job – wenn er oder sie technisch sehr gut ist. Softwareanbieter suchen händeringend nach Personal, das in der Lage ist, schwierige technische Probleme in einem sich rasant entwickelnden Umfeld zu meistern. Es gibt viel zu wenig Expertinnen, die Cloud, Machine Learning und Co perfekt beherrschen. Wer sich nicht scheut, diese Herausforderung anzunehmen und bereit für das viel zitierte lebenslange Lernen ist, wird mit offenen Armen empfangen.

Kreativität

Wer keine Lust hat, ganz tief in die Softwaretechnik einzutauchen, sollte sich meiner Ansicht nach auf Aufgabengebiete konzentrieren, in denen Algorithmen, Machine Learning und AI dem Menschen noch längere Zeit nicht das Wasser reichen können: das Finden von kreativen Lösungen. Der Markt für Beratungsunternehmen, die Kunden helfen, die oben erwähnten (Halb)Fertiglösungen zu finden, zu evaluieren und schlau zu kombinieren, ist riesig und bei Weitem nicht gesättigt. Man nutzt technisch fundiertes Grundwissen und guten Marktüberblick, um die Brücke zwischen den Herausforderungen der Kunden und Softwarelösungen zu bilden. Personen, die nicht aus der IT kommen, können ihre Anforderungen oft nur schwer ausdrücken und für eine Umsetzung mit Software strukturieren. Langfristig erfolgreiche Berater kombinieren Technikkompetenz mit sozialen Kompetenzen. Wem das gelingt, der hat meiner Meinung nach eine glänzende berufliche Zukunft vor sich und wird nicht so schnell von einem AI-Bot ersetzt.

Verantwortungsbewusstsein

Verantwortungsbewusstsein ist meiner Meinung nach für Softwareprofis wichtiger denn je. Das Überleben eines SaaS-Anbieters kann heute schon bei kleinen Unachtsamkeiten zum Beispiel bei der Verwaltung von Passwörtern auf der Kippe stehen. In den abgeschotteten IT-Infrastrukturen des letzten Jahrtausends war man von Natur aus vor externen Angreifern bis zu einem gewissen Grad geschützt. Heute nehmen fast alle Organisationen an elektronischen Marktplätzen teil. Kaum ein Netzwerk ist mehr ganz vom Internet getrennt. Die Softwareentwicklerinnen von heute und morgen müssen sich über die Gefahren in diesem Umfeld bewusst sein. Sicherheit ist für sie kein Nebenschauplatz, sondern von Anfang an in alle Handlungen und Entwicklungen eingebettet. Das erfordert entsprechendes Wissen in Bereichen wie Verschlüsselung, Kommunikationsprotokolle, Datenschutzstandards, Sicherheitsfunktionen von Cloud-Diensten und vieles mehr.

 

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Denkt man etwas weiter in die Zukunft, kommt meiner Einschätzung nach Softwareentwicklern besondere Verantwortung durch den Aufstieg von selbstlernenden Systemen zu. Machine Learning dringt mehr und mehr in alle Bereiche der Softwareentwicklung vor. Kaum jemand, der Software entwickelt, wird in Zukunft ohne diese Werkzeuge auskommen. Expertinnen, die nicht nur ihre Möglichkeiten, sondern auch ihre Grenzen und Gefahren erkennen und erklären können, werden dringend gebraucht. Nicht alles, was Maschinen (werden) tun können, sollten wir sie machen lassen. Ethik in der Technik war immer schon ein wichtiges Thema. Meiner Ansicht gilt das noch mehr in einer Welt, in der Algorithmen und AI-Systeme mehr und mehr Bereiche unseres Lebens bestimmen.

Hacker

Am Beginn dieses Artikels habe ich davon gesprochen, dass die Wirtschaft mehr Hacker braucht. Damit meine ich nicht Personen, die Daten klauen oder Sicherheitslücken über dunkle Kanäle an die Meistbietenden verkaufen. Ich meine Hacker im klassischen Sinn des Worts: Leute, die sich nicht nur am üblichen und etablierten Status quo orientieren. Speziell durch Cloud Computing und AI hat sich für uns Softwareentwickler in nur wenigen Jahren die Welt fundamental verändert. Weitere Revolutionen wie Quantencomputer scheinen in greifbarer Nähe. Die meisten Organisationen nutzen das neue Potenzial erst zu einem winzigen Bruchteil. Entwicklerinnen müssen sich meiner Ansicht nach in Zukunft noch mehr als bisher dadurch auszeichnen, dass sie an die Grenzen des Machbaren gehen. Sie haben keine Angst vor Experimenten und Rückschlägen. Sie zeichnen sich durch Neugier aus. Diese Neugier treibt sie an, aktiver Teil der rasanten Entwicklung in der IT zu sein und diese nicht nur passiv zu beobachten oder zu verwalten.

Fazit

Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wie weit Maschinen von Intelligenz und Bewusstsein auf dem Niveau von Menschen (Human-Level Intelligence) entfernt sind. Manche Wissenschaftler erwarten den Durchbruch in den nächsten Jahrzehnten, andere sehen diesen Zeitpunkt wesentlich weiter in der Zukunft. Ich bin zwar der Meinung, dass wir uns als Gesellschaft unbedingt darauf vorbereiten sollten, und eine breite, auf Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Diskussion über die Möglichkeiten und Gefahren überfällig ist. Gleichzeitig halte ich es aber angesichts der vielen Fragezeichen für nicht praktikabel, wenn meine Schüler ihre jetzt zu treffenden Ausbildungs- und Karriereentscheidungen davon abhängig machen.

Intelligenz ohne Bewusstsein ist dagegen heute bereits sehr konkret und auf dem Vormarsch. Der Rat an meine Schüler ist daher: Sucht euch ein Aufgabengebiet, bei dem ihr aktiver, gestaltender Teil der Cloud- und AI-Revolution seid. Wem das zu technisch ist, der sollte sich eine Aufgabe suchen, deren Lösung in großem Maß die Kombination aus Technikwissen und Soft Skills voraussetzt. Eine interessante Aufgabe ist euch in beiden Fällen sicher – zumindest bis Computer ein Bewusstsein entwickelt haben, das unserem nahe kommt oder es überflügelt. Was danach kommt, kann sowieso heute noch niemand seriös abschätzen.

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In der Kolumne greift Rainer Stropek spannende Aspekte wie die Finanzierung, den Customer Lifetime Value, aber auch wichtige Themen wie Billing, Kundenbindung durch Qualität oder APIs auf – alles aus der Sicht eines Unternehmers, der seit 20 Jahren in der IT-Branche tätig ist und seit fünf Jahren intensive Erfahrungen mit SaaS gesammelt hat.
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