Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Yasmine Limberger

Women in Tech: „Frauen haben an ihre IT-Karriere oft andere Erwartungen“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Yasmine Limberger, Referentin an der Technischen Hochschule Ingolstadt im Bereich der Hochschulentwicklung und Kommunikation, Autorin, Sprecherin.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Yasmine Limberger

Karriere ist kein Zufall. Ich glaube nicht an Zufälle und habe auch meine Karriereplanung immer lieber selbst in die Hand genommen, als die Dinge dem Schicksal zu überlassen. Wie viele in meinem Alter bin ich damals als junges Mädel mit den ersten kommerziellen Computern, wie dem C64 oder dem Amiga, zunächst spielerisch in Kontakt gekommen. Die Technik dahinter habe ich den echten Techies überlassen. Aber es hat mich fasziniert, wie schnell es mit der EDV dann voranging. Die ersten Personal Computer waren eigentlich noch bessere Schreibmaschinen mit der Möglichkeit, Tippfehler vor dem Druck zu verbessern, aber mit Programmen wie Excel und Access wurde es immer interessanter.

Erste Programmiererfahrungen konnte ich dann in COBOL während des BWL-Studiums machen. Dabei sollte es aber auch bleiben. Klar war für mich aber, dass ich nach meinem Studium in einer innovativen Branche arbeiten wollte. In einem Umfeld, in dem es immer vorangeht, in dem man die Zukunft mitgestaltet und nicht stehenbleibt. Daher entschied ich mich für eine internationale Technologieberatung. Mein Schwerpunkt lag jedoch schon immer im Personalbereich.

Mich interessieren die Menschen, die Persönlichkeiten. Mich motivierte die Aufgabe, hoch qualifizierte Experten für die Technologieberatung zu rekrutieren. Um die Anforderungen, die an Entwickler hochkomplexer Lösungen gestellt werden, besser zu verstehen, lernte ich in Gesprächen mit den Architekten und IT-Projetleitern viel über die eingesetzten Technologien, Methodiken und Tools. Damals war eine weibliche Entwicklerin aber noch eine Rarität. Umso mehr freue ich mich, dass sich heute immer mehr Frauen für die IT interessieren und den Einstieg in Hightechunternehmen finden.

Erste Programmiererfahrungen konnte ich dann in COBOL während des BWL-Studiums machen.

Eine Entwicklung, die dazu beigetragen hat, ist sicher, dass heute eigentlich jeder täglich mit IT-Lösungen und Apps in Berührung kommt und somit das Interesse schon früh geweckt wird, an diesen mit zu entwickeln. Auch die Zunahme der Bedeutung benutzerfreundlicher, intuitiv bedienbarer Oberflächen hat bei Frauen die Motivation geweckt, hier am Design und der Technik zwischen Mensch und Maschine mitzuarbeiten. Dieser Trend wird sich im Rahmen zukünftig neu entstehender Berufsgruppen und dem Anspruch der Digitalisierung sicher weiter fortsetzen.

Frauen haben an ihre IT-Karriere langfristig oft andere Erwartungen

Nach der Geburt meiner Tochter habe ich meine Karriereambitionen für einen mittelfristigen Zeitrahmen neu geordnet. Karriere bedeutete für mich nun, Beruf und Familie in einem innovativen Umfeld mit einer anspruchsvollen Aufgabe unter einen Hut zu bringen. Das Wort Teilzeit stieß damals in einer IT-Beratung nicht unbedingt auf offene Ohren und Zustimmung. Wie sollte man in einem internationalen Unternehmen, in dem Überstunden an der Tagesordnung stehen und man mit seiner Arbeit schon in Vollzeit ständig unter Zeitdruck steht, einen verantwortungsvolle Rolle in Teilzeit übernehmen?

Irgendwie bekam ich es hin, dennoch auch in Teilzeit meinen Mehrwert zu leisten, aber ich merkte, wie ich meiner Zeit immer mehr hinterherrannte und ein permanent schlechtes Gewissen hatte. Ich arbeitete viel im Homeoffice, was praktisch war, aber eben auch kein Ende kannte. Wenn meine Tochter abends schlief, saß ich wieder am Laptop und nahm an Webkonferenzen mit den Kollegen in den USA teil. Oft genug musste ich es irgendwie organisieren, mein Kind zu beschäftigen, während ich um 17:00 Uhr noch Präsentationen für die Telefonkonferenz am nächsten Morgen vorbereitete. Für die Teilnahme an ganztägigen Veranstaltungen war es eine Herausforderung, die Kinderbetreuung nach der Kita oder später nach der Schule zu organisieren. Meine firmeninterne Karriereplanung lag auf Eis.

Diese Erfahrungen haben mich geprägt und mir fällt auf, dass es auch heute noch für Frauen (aber auch Männer) schwierig ist, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Selbst in einer innovativen Branche wie der IT sehen Karrieremodelle in der Regel heute noch keine Karriere in Teilzeit vor. Auch wenn Homeoffice und flexible Arbeitszeiten sich mittlerweile in der IT-Branche weitgehend durchgesetzt haben, sind die meisten Unternehmen noch weit davon entfernt, ganzheitliche familiengerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dabei sind gerade die Möglichkeiten in Tech-Unternehmen weitreichend vorhanden.

Familiengerechte Bedingungen kommen auch der Entstehung von Innovationen zugute

Heute arbeite ich in Teilzeit (!) als Referentin an einer Technischen Hochschule. Gleichzeitig bin ich als Gleichstellungsbeauftragte für das Thema Gender und Diversity verantwortlich. Ich kümmere mich um die Personalentwicklung, das Ideenmanagement, aber auch darum, familiengerechte Studien- und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die es Müttern und Vätern ermöglichen, gleichberechtigt ihre Karriere weiterzuentwickeln – sei es als Studentin mit Kind oder in Teilzeit als Führungskraft.

Für mich ist Diversity nicht nur ein Trendwort, sondern die Grundlage für ein innovatives agiles Unternehmen. Keiner kann es sich heute leisten, auf hoch qualifizierte Mitarbeiter zu verzichten. Somit müssen gerade in der IT Bedingungen geschaffen und umgesetzt werden, die sich an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Mitarbeiter orientieren. Flexible Arbeitszeiten auf Vertrauensbasis, eine leistungsgerechte Entlohnung, die nicht auf den Wochenarbeitsstunden, sondern der Zielerreichung basiert, eine konsequente Personalentwicklungspolitik mit individuellen Entwicklungsmöglichkeiten, die dem Unternehmen und den Mitarbeitern nützen. Das sind die Voraussetzungen, um die Herausforderungen in Hightechunternehmen heute und in Zukunft erfolgreich bewerkstelligen zu können.

Stereotypische weibliche Vorbilder können Frauen zusätzlich unter Druck setzen

Oft lese ich über erfolgreiche Frauen in Vorstandspositionen in internationalen Hightechkonzernen und habe Respekt davor, wie diese Frauen es geschafft haben, sich in einer männerdominierten Arbeitswelt durchzusetzen und bis an die Spitze zu kämpfen. Ich habe mich dennoch immer gefragt, ob es dieser tägliche Kampf wirklich wert ist und welchen Preis man dafür zahlt. Schaffen diese erfolgreichen Vorbildfrauen es tatsächlich mit Leichtigkeit, Familie und Vorstandsjob, Sportprogramm und Schönheitsritual unter einen Hut zu bringen und mit Zufriedenheit und Gelassenheit dem täglichen Wahnsinn zu begegnen? Sicher haben auch diese Frauen schwache Momente.

Sie sind perfekt organisiert und haben Hilfspersonal und Dienstleister, die ihnen den Alltag erleichtern. Ich habe großen Respekt vor diesen erfolgreichen Frauen, die es bis nach ganz oben geschafft haben, meine Vorbilder suche ich aber lieber im engeren Kreis. Bei Menschen, die ähnliche Interessen haben wie ich und die es schaffen, gelassen und souverän den täglichen Herausforderungen zu begegnen. Menschen, die sich selbst treu geblieben sind und Stärken und Schwächen zeigen, so wie die meisten anderen auch.

Ich habe mich in der IT-Branche von meinen männlichen Kollegen nie einschüchtern lassen. Mit jeder Stufe der Karriereleiter gab es durchaus mehr Gegenwind. Von den Kollegen in der Entwicklung gab es dabei allerdings immer eher Zuspruch und Anerkennung. Den Druck und das Konkurrenzdenken habe ich eher auf der klassischen Führungsebene erlebt. Auf diese politischen Machtkämpfe hatte ich keine Lust, und so habe ich meine Karriereplanung immer sukzessive auch nach meinen Interessen und Bedürfnissen ausgerichtet.

Finde deine Berufung – notfalls auch neben dem Job

Talente und Themen, die ich im Unternehmen nicht einsetzen konnte, habe ich in meiner Freizeit konsequent weiterverfolgt und mich nebenbei als Autor, Sprecher, Dozent und Coach selbstständig gemacht. Hier habe ich die Anerkennung und Bereicherung gefunden, die man als Mitarbeiter in einem Unternehmen oft vermisst. Ich möchte daher allen jungen Frauen, die in die IT einsteigen möchten, folgende Tipps geben:

  1. Suche dir Mentoren und Vorbilder im direkten Umfeld.
  2. Lass dich nicht von deinen Ideen und Interessen abbringen.
  3. Verfolge deine Ziele und bringe Ideen ein!
  4. Lass dich gerade zu Beginn nicht von den technischen Codewörtern abschrecken. Vieles klingt komplizierter als es ist. IT ist heute mehr als NUR Programmieren.
  5. Wenn du dich für die IT interessierst, dann suche dir deine Nische, die dich begeistert – entweder bei einem Arbeitgeber oder früher oder später in deinem eigenen Unternehmen.
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