Ein Kommentar zum Thema Open Source

„Wir haben uns einfach auseinandergelebt.“
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Der Alltag zieht ein, man verbringt weniger Zeit mit den schönen Dingen – kurz … das Feuer ist erloschen. Da wir hier beim PHP Magazin sind und nicht bei Tante Ernas Beziehungstipps wollen wir jetzt mal sehen, wie sich unsere Beziehung zu Open-Source-Software verändert hat. Dabei ist die Analogie zu einer Beziehung gar nicht so weit hergeholt.

Man sieht sich zum ersten Mal, man ist sich sympathisch und lernt, die Eigenheiten und Macken des Projekts zu lieben. Außerdem ist man ganz schnell dabei, die neue Errungenschaft zunächst allen Freunden zu zeigen, später dann auch Geschäftspartnern und wenn es ganz besonders hübsch ist, auch gerne der ganzen Welt auf Konferenzen. Aber irgendwann schleicht sich Eifersucht ein, und dann ist es eigentlich schon fast zu spät.

Wie sieht das in Open-Source-Projekten aus? Auch hier wird der Spirit weniger: Man beobachtet sich argwöhnischer, nimmt seine Entwickler nicht mehr mit zu Konferenzen oder Camps, weil man sich sorgt, sie könnten abgeworben werden. Hierzu ein kleiner Tipp an CEOs, die so denken: Wenn eure Leute sich abwerben lassen, habt ihr vorher schon nicht gut gearbeitet. Auch die Talks werden unschärfer, man erzählt nur noch das Notwendigste – bloß der Konkurrenz nicht in die Hände spielen. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der wir alle Verbündete waren. Da haben wir uns gegenseitig geholfen, Open Source salonfähig zu machen, uns Argumentationshilfen geschickt und uns angerufen, wenn wir [INSERT RANDOM ENTERPRISE PLAYER HERE] geknackt hatten. Auf einmal konnten wir von Open Source nicht mehr nur leben, sondern richtig Geld damit verdienen (was ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Unterschied ist), und da ging das eigentliche Drama los. Weg waren die T-Shirts, Auftritt der Anzüge. Bitte versteht mich nicht falsch, ich LIEBE Anzüge. Aber gleichzeitig hielt damit auch der Argwohn Einzug. Und ich spreche mich davon auch nicht frei, ich war genauso drauf und habe schwammige Talks gehalten. Bis ich nach Jahren der Abstinenz vom TYPO3-CMS-Projekt, in dem ich viele Jahre lang sehr aktiv war, in das Team von TYPO3 Neos gerutscht bin.

Coole Leute, cooles Projekt, cooles Produkt, cooles Arbeiten Auf einmal war alles wieder da: das Herzblut, das Feuer, die Leidenschaft, etwas Cooles, Neues und einfach Besseres zu bauen. Und da wurde mir klar, dass Open Source sich zwar professionalisieren muss, aber doch mit den alten Werten irgendwie besser dasteht. Man kann also sowohl Geld verdienen als auch entspannter durch die Welt gehen. An dieser Stelle zolle ich all denen meinen Respekt, die noch nicht ausgestiegen sind mit dem Eindruck, dass ein Späthippie ihnen esoterischen Code verkaufen will. Aber es kommt noch dicker. Ich saß einmal mit Kasper Skårhøj auf einer Snowboardtour, und er war den Tränen nahe. Als ich fragte, was los sei, meinte er „Schau dir an, wie viele Menschen ich zusammengebracht habe, durch etwas, was ich erschaffen habe“. Wenn man das ein wenig in sich hereinsickern lässt, merkt man, wie irrsinnig cool unsere Arbeit wirklich ist. Wir bilden keine Abteilungen oder fahren zu Firmenausflügen mit weißen Bändchen – wir schaffen Freundschaften. Und warum sollten es weniger Freundschaften werden, jetzt wo wir alle Geld verdienen? Stattdessen laufen wir voller Angst durch die Businesswelt: Angst, den Pitch nicht zu gewinnen, Angst, dem Konkurrenten in die Hände zu spielen, Angst, unsere Mitarbeiter zu verlieren. Früher hatten wir die nicht – und es waren die blühendsten Jahre. Das muss wieder her … Herz, Leidenschaft und Liebe für Open Source. Und da kann jeder bei sich anfangen: Geht raus, lebt Open Source, tätowiert euch die Logos (beachtet ggf. anstehende CI-Änderungen), seid Evangelisten für euer Projekt.

Aufmacherbild: Open Source Community Concept in 3D Art von Shutterstock / Urheberrecht: kentoh

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