Wohin ALT.NET
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Wer mit .NET zu tun hat, wird im Verlauf seines beruflichen Lebens sicherlich schon auf sie gestoßen sein: die ALT.NET-Bewegung. Doch obwohl vor einigen Jahren noch relativ rege über diese Gruppe berichtet

Wer mit .NET zu tun hat, wird im Verlauf seines beruflichen Lebens sicherlich schon auf sie gestoßen sein: die ALT.NET-Bewegung. Doch obwohl vor einigen Jahren noch relativ rege über diese Gruppe berichtet wurde, sind Neuigkeiten aus dieser Szene mittlerweile rar geworden. Doch woran liegt das? Ian Cooper von CodeBetter.com hat das Problem genauer beleuchtet.

Zunächst aber: was genau ist eigentlich ALT.NET? Laut dem deutschsprachigen Wiki von ALT.NET definiert sich diese Bewegung wie folgt:

  • ALT.NET Entwickler verwenden was funktioniert und suchen ständig nach neuen, besseren Lösungen.
  • ALT.NET Entwickler bewegen sich auch außerhalb des Mainstream und verwenden Lösungen, Konzepte, Ideen aus allen Bereichen (Open Source, Agile, Java, Ruby, etc.).
  • ALT.NET Entwickler geben sich mit dem status quo nicht zufrieden und suchen ständig nach Möglichkeiten sich in ihrem Code besser, einfacher und eleganter auszudrücken.
  • ALT.NET Entwickler halten Tools für wichtig, wirklich wichtig sind aber fundierte Kenntnisse und Prinzipien. Die besten Tools sind solche, die einen bei der Anwendung der Prinzipien unterstützen.

Trotz alledem: ALT.NET will explizit nicht kontra Microsoft und auch nicht alternativ sein. Es gehe lediglich darum, aus den möglichen Alternativen die jeweils beste auszuwählen. Das schließt Lösungen von Microsoft ausdrücklich mit ein, genauso wie Open Source und Third Party Hersteller.

Kein Wunder, dass die Bewegung in ihren Anfängen gerade für alle Unzufriedenen ein „Licht in der Dunkelheit“ war, wie Cooper schreibt. Der Moment der Unzufriedenheit, der Rebellion, der Sehnsucht nach besserer Software, habe von jeher das Wesen der ALT.NET-Gruppe geprägt. Eine Sehnsucht, die nach wie vor aktuell ist:

Call it what you will. The point is not the name, but the passion for better software development,[…] But let’s move on and accept that we all agree on the need for a movement that expresses the desire to be ill-content with the status quo, to rebel against the orthodoxy, to rage against the machine.

Aber: So dynamisch die Idee in der Anfangszeit auch war und so groß ihr Potenzial Gleichgesinnte zusammen zu bringen, mittlerweile scheint sie an Energie verloren zu haben. Die Unkrenrufe von damals, die Bewegung werde eher ignoriert als integriert, könnten sich, laut Cooper, mittlerweile bewahrheitet haben.

Today as I ponder the state we are in I wonder if the critics have not triumphed in there soothsaying over the enthusiasm that once fired our souls. Blogs wane in fire and passion. We seem tired from the fight.

Doch warum hat die Bewegung eigentlich so stark an Dynamik verloren? Ein Grund für den Niedergang von ALT.NET könnte laut Cooper darin bestehen, dass die Leute sich mit einer neuen Orthodoxie arrangiert habe, die etwa aus Dingen wie Scrum, TDD, NHibernate bestehe. In dieser bequemen Routine lebend, wollten die Entwickler nun diese Orthodoxie nicht mehr herausfordern.

Eine weitere große Gefahr lauert darin, dass sich Leute für ALT.NET zusammengefunden hätten, weil sie Gleichgesinnte suchten. Wenn aber einsame Gleichgesinnte aufeinander treffen, versperrten sie sich möglicherweise gegenüber der Außenwelt und begnügten sich damit, einander ihr Leid zu klagen. Gerade Twitter könnte sich zu solch einer „Moaning Chamber“ entwickeln. Warum?

First Twitter is a passable medium for conversation, but not a good vehicle for a comprehensive discussion of ideas. The length of tweets is too limiting, the ability to construct argument too limited […] But we should recognize that Twitter is ineffective at explaining complex ideas. It’s great that snapshot comments have somewhere to go and don’t crowd the blogosphere, but we need to continue to blog or write articles about the ideas for clarity[…]

Was aber soll man tun, wenn der Kampf anscheinend vorbei ist? Aufgeben? Oder vielleicht sogar aufgeben und behaupten, dass man den Kampf gewonnen habe? Aus Coopers Sicht keine passende Lösung, schließlich sei der Kampf alles andere als gewonnen. Noch immer gibt es jene Probleme, derentwegen ALT.NET ursprünglich einmal entstanden war:

The ultimate destructive force in .NET development: Microsoft convincing developers not to worry about deepening their skills[…]I hear from junior developers that entrenched senior developers unwilling to learn try to kill attempts to adopt TDD/BDD because they do not understand and worry it will undermine their authority[…]People talk about having adopted agile at an organization but are often practicing cargo-cult agile, scrumerfall or waterscrum or worse agile as no-process at all.

Wenn der Kampf aber nicht gewonnen wurde, was bleibt dann noch? Die Augen zu verschließen? Aus Coopers Sicht eine indiskutable Möglichkeit. Nicht genug, dass dies nur eine bequeme Lüge wäre, nein: auch wäre es ein Zeichen für die Gegenseite, dass diese einfach nur den längeren Atem braucht, um die ALT.NET-Bewegung zu überstehen:

don’t think we can declare victory in any sense. We may be tired of the casualties, but walking away from the fight right now just lets the other side know that they can outwait us.

Hat sich ALT.NET also selbst überlebt und muss ersetzt werden? Aus Coopers Sicht nicht. Zwar sei klar, dass die Dynamik der Anfangszeit nicht mehr da ist, allerdings blieben die Herausforderungen, der sich die Bewegung damals angenommen hatte, weiterhin aktuell.

So I don’t think Alt.Net needs wither or be replaced by something else. I think its spirit ou’re not content with the status quo. Things can always be better expressed, more elegant and simple, more mutable, higher quality, etc. remains alive. I think the value in a community that supports those who practice that within the .NET community remains, even if needs to re-invent its passions on a regular basis.

Wenn man das, was Cooper schreibt, zusammenzählt, so muss ALT.NET weiterhin den Weg gehen, den es eingeschlagen hat, zugleich aber aktiver auftreten und weiterhin kämpfen. Nicht im Rückzug in die Passivität und in „Moaning Rooms“, sondern im offensiven Leben und Praktizieren der ALT.NET-Werte seine Position verteidigen.

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