Im Zeichen der Eins

Xbox One und PlayStation 4 im Vergleich
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Klassischerweise trugen die diversen Konsolenhersteller ihre Gefechte aus, indem sie sich mit immer leistungsfähigerer Hardware übertrumpften. Bei der achten Generation scheint es anders zu laufen – sowohl Microsoft als auch Sony treten um einiges leiser.

Aus hardwaretechnischer Sicht fällt es schwer, wirkliche Unterschiede zwischen Xbox One und PlayStation 4 zu finden. Beide basieren auf einem x86-SOC von AMD, der Arbeitsspeicher ist bei beiden Maschinen 8 GB groß. Unterschiede finden sich bei den Grafikchips und den Anwendungsszenarien: Microsoft sieht Kinect nun als integralen Teil des Gesamtprodukts; Sony spendiert seiner Konsole einen etwas stärkeren Grafikchip (Entwickler schätzen ihn als mit einer 150-Euro-Grafikkarte ebenbürtig ein).

Neuartig ist die bei beiden Systemen verwendete Architektur auf Basis von „unified memory“. Das bedeutet, dass Grafikkarte und Hauptprozessor den Arbeitsspeicher gemeinsam nutzen – dank sehr hoher Bandbreite tritt der bei Notebookgrafikkarten bekannte Bottleneck-Effekt nicht oder nur sehr abgeschwächt in Erscheinung. Auch hier ist Sony weitaus spendabler als Microsoft: In der PlayStation 4 arbeitet ein DDR5-Speicher, während die Xbox One mit DDR3 auskommen muss. Im Austausch dafür bekommt die XBox aber einen 32 MB großen „SRAM-Cache“ direkt in der GPU – noch ist nicht klar, inwiefern dieser den Leistungsunterschied ausgleicht.

Trotz aller Spekulationen gilt schon jetzt: Sowohl Xbox One als auch PlayStation 4 gewinnen im Vergleich zu aktuellen Workstations keinen Blumentopf. Jeder seriöse Zocker hat wesentlich mehr Rechenleistung zur Verfügung. Aus diesen Konsolen baut mit Sicherheit niemand einen Cluster zusammen.

Zur Xbox 360 ist die neue Version übrigens nicht kompatibel; Spiele lassen sich demnach nicht weiterverwenden. Don Mattrick verstieg sich in einem Interview mit dem Wall Street Journal sogar zu der Aussage, dass „an Rückwärtskompatibilität interessierte Personen Hinterweltler (really backwards)“ seien. Immerhin soll der Verkauf der existierenden Hardware noch einige Zeit weiterlaufen.

Entertainment, Spiele und TV

Ein hoher Microsoft-Manager (Phil Harrison) betonte in einem Interview mit EuroGamer, dass Microsoft seine neue Konsole als „Hybriden“ zwischen Entertainment, Fernsehen und klassischer Zockerei sieht. Zur Betonung dieses Anspruchs hat die Xbox One neben dem obligatorischen HDMI-Ausgang auch einen HDMI-Eingang, der wie schon zu Zeiten des Commodore 64 als „Passthrough“ agieren kann.

Das ermöglicht dem Gerät, die von den Fernsehanstalten ausgestrahlten Inhalte mit weiteren Informationen anzureichern. Microsoft plant unter anderem eine Partnerschaft mit dem in Amerika weit verbreiteten Sportsender NFL. Laut den Demos kommt dabei ein an Windows 8 erinnerndes Multitaskingkonzept zum Einsatz.

Selbstverständlich kommt die Convergence nicht zu kurz. Microsoft hat SmartGlass während der gesamten Entwicklung der Konsole berücksichtigt; im Rahmen der Vorstellung versprach das Unternehmen eine noch nie zuvor dagewesene Integrationsdichte zwischen Mobilgerät und Fernseher.

Kinect sieht alles

Die Xbox 360 verdankt ihre großartigen Verkaufszahlen unter anderem dem Erfolg des Kinect-Sensors. Jede Xbox One wird mit einem neuen Kinect ausgeliefert, der eine wesentlich erhöhte Auflösung im Video- und Tiefenbereich bietet.

Entwickler sind dazu angehalten, ihre Produkte „zumindest irgendwie“ mit dem Sensor zu integrieren. Microsoft macht dies im Betriebssystem der Konsole vor – die Xbox lässt sich mit Sprachbefehlen einschalten und erkennt den aktiven Spieler an seinem Gesicht.

Anlass zur Sorge geben die weitgehenden Analysefunktionen, die Microsoft stellenweise sogar in der Patentschrift offenlegt. Der neue Kinect erkennt den Herzschlag des Nutzers, was z. B. für Fitnessanwendungen nützlich ist. Zudem ist es im Gespräch, die Emotionen der Zuschauer von Fernsehsendungen zu analysieren – das ist z. B. für die Autoren von Telenovelas in höchstem Maße nützlich.

Übrigens kommen die hier vorgestellten Funktionen auch am PC an. Ein aktualisierter Kinect for Windows ist für 2014 avisiert. Es ist noch nicht bekannt, ob sich der Xbox-Sensor auch diesmal am Rechner „zweckentfremden“ lässt.

Ab in die Cloud

Zu guter Letzt sollte an dieser Stelle erwähnt sein, dass sich die Xbox in der Cloud pudelwohl fühlt. Neben dem von Haus aus mitgelieferten Skype-Client spendiert Microsoft der Konsole auch eine als Game DVR bezeichnete Funktion. Diese zeichnet besonders erfolgreiche Spielszenen auf und erlaubt es, diese mit Freunden zu teilen.

Im Rahmen der Vorstellung erwähnten mehrere Personen, dass die Anzahl der im Hintergrund stehenden Server beinahe exponentiell gewachsen ist. Es ist offensichtlich, dass Microsoft seine User immer stärker an SkyDrive und Co. binden möchte.

Publisher zwingend erforderlich

XNA Indie Games boten Entwicklern erstmals die Möglichkeit, Konsolenspiele ohne dazwischengeschalteten Publisher zu veröffentlichen. Mit der Xbox One verabschiedet sich Microsoft vom Konzept der „getrennten Kanäle“. Auf der neuen Konsole gibt es keine Arcade, Indie und First Publisher Games – stattdessen bietet Microsoft nur mehr „Spiele“ an.

Der unangenehme Nebeneffekt dieser Änderung ist, dass kleinere Unternehmen ab sofort wieder mit einem größeren Publisher zusammenarbeiten müssen. Weitere Informationen zum dabei zum Einsatz kommenden Prozess wurden für die Spielemesse E3 angekündigt, über die Entwicklungsumgebung gibt es noch keine Gerüchte.

Quo vadis, XNA?

Es gilt seit einiger Zeit als sicher, dass XNA keine weiteren Updates erhält. Trotzdem ist es (auch jetzt) nicht sinnlos, sich mit dem Framework zu beschäftigen. Als Grund dafür genügt ein Blick auf die Millionen von verkauften Smartphones und Konsolen.

Die Erfahrung zeigt, dass sich die Entwicklung von Software selbst zwei Jahre nach dem Ende des Hardwareverkaufs rentiert. Da Microsoft die Xbox One erst Ende 2013 loslässt, gibt es keinen Grund, schon jetzt auf XNA zu verzichten. Zudem gibt es mittlerweile einige Grafik-Engines von Drittherstellern, die ein mit XNA kompatibles API anbieten.

Fazit

Die Ankündigung der Xbox One hätte für die leidgeplagten Entwickler von Indie Games mit Sicherheit besser ablaufen können – viele Fragen bleiben offen, was aber an der grundlegenden Nützlichkeit von XNA nichts ändert.

Viel interessanter ist, wie Microsoft die Zukunft der Spielkonsolen als Ganzes einschätzt. Eine nicht nur für Zocker attraktive „Entertainmentzentrale“ stellt andere Anforderungen an ihre Entwickler: Anstatt möglichst komplexen und gut aussehenden Spielen dürften die zukünftigen Bestseller eher aus der Rubrik Casual Games stammen.

Dabei sind die von Microsoft vorgegebenen Effekte in höchstem Maße hilfreich. Sie bringen alles mit, was man zum Entwickeln einfacherer Spiele braucht. Die eingesparte Zeit investieren Sie am Besten in bessere Grafik oder ein innovativeres Spielkonzept – der Autor wünscht viel Spaß!

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