Kapitel 5: Wie man ein guter Moderator wird

Der Scrum Master: Spannung im Meeting
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Alles begann mit der Erkenntnis, dass Scrum doch nicht doof ist. Darauf folgte die Ausbildung zum Scrum Master. Und jetzt muss das erworbene Wissen in die Praxis umgesetzt werden. Und das ist manchmal gar nicht so leicht, wie Jürgen Knuplesch im 5. Teil dieser sehr realen und doch erfunden Geschichte berichtet.

„Wozu braucht man nur einen Scrum Master? Lasst uns Scrum machen, aber ohne Scrum-Master. Lasst uns agil sein, aber ohne agilen Coach.“ 95 Prozent derjenigen, die sowas sagen, haben die agile Arbeitsweise nicht verstanden, das agile Manifest nicht verinnerlicht und sich auch sonst keine Mühe gemacht, agile Werte und Prinzipien zu erfassen. Die anderen 5 Prozent gehören zu den Glücklichen, die in einem Team mit durchgängig agil denkenden Menschen arbeiten dürfen. Wie ich euch beneide!

Meetingzeit ist Geld

Bei WabelTech gehören wir zwar nicht zu den glücklichen 5 Prozent, aber zum Glück ist weiterhin eine Offenheit für die Arbeit der Scrum Master vorhanden. Ein Bereich, in dem der Nutzen eines Scrum Masters sehr schnell sichtbar ist, ist der der Moderation von Meetings. Man hat irgendwie errechnet, dass der durchschnittliche Mitarbeiter 30 Prozent seiner Lebensarbeitszeit in Meetings verbringt. Lassen wir es auch nur 20 Prozent sein, so ist es dennoch eine gewaltige Summe an Zeit, die man für unsere Freunde der Zahlen sehr leicht in Euros oder Dollars umrechnen kann. Allein für Deutschland sind das jährlich Milliarden Euro. Oder hunderte von Millionen. Ich hab’s gerade nicht nachgerechnet, aber Milliarden klingen auf jeden Fall beeindruckender.

Es ist also nicht egal wie diese Meetings ablaufen. Haben sie keinen oder auch nur 50 Prozent Nutzen, dann geht die ganze schöne Zeit mit samt dem schönen Geld den Bach runter.  Bei solchen Summen sollte man meinen, dass alle Controller alarmiert sind und die Mitarbeiter auf Moderationsschulungen schicken. Die traurige Realität ist aber, dass man noch nicht Mal darüber nachdenkt wieviel kostbare Arbeitszeit in sinnlosen oder schlecht moderierten Meetings verbrannt wird. Da wäre so manche Entlassung unnötig gewesen. Zum Glück wissen wir agilen Menschen es hier besser. Zeit ist kostbar, insbesondere in Meetings, weil sich dort die Lebenszeit mit der Anzahl der Teilnehmer multipliziert. Hier springen wir Scrum Master ein und machen aus der Moderation eines Meetings endlich wieder einen kunstvollen Skill, mit dem Ziel keine einzige Sekunde zu verschwenden.

Der Scrum Master als Moderator

Zum Glück liegt mir die Moderation von Meetings im Blut. Und darum bereite ich meine Meetings vor, versehe sie mit einer Agenda und bin offen dafür, von anderen agilen Meistern Moderationstechniken zu erlernen. Ein wesentlicher Trick für ein gelingendes Meeting ist es, wenn der Moderator neutral bleiben kann und der sogenannte Meeting-Owner darum nicht moderieren muss. Bei meinen Teams ist das zum größten Teil so. Ich bin ja in diesen Teams der Scrum Master und als Scrum Master muss ich mich nicht an der fachlichen Arbeit beteiligen, sondern coache das Team, moderiere und kümmere mich um die korrekte Durchführung von Scrum. Dummerweise bin ich noch in einem anderen Team als Entwickler tätig.

Heute habe ich die Ehre beim Team „Cern“ den vakanten Scrum-Master zu vertreten. Dieser hatte mich gefragt ob ich das Meeting leiten könnte. Ich habe mich gut vorbereitet und eine klare Agenda erstellt. Zudem habe ich die Teammitglieder nach aktuellen Themen gefragt und nach dem, was man in Scrum-Deutsch „Impediments“ nennt, also alles was das Team derzeit bei der Arbeit unnötigerweise behindert. Ich bin in gutem Schwung und leite die Retro nach dem bewährten Konzept mit „Sticky Notes“ und Eddings. Jeder Teilnehmer schreibt in Ruhe seine Themen auf. Dadurch haben alle ausreichend Zeit und nicht nur Vielredner wie ich kommen zum Zug.

Wie es nicht geht…

Alles läuft ganz gut, bis jemand das Thema „Releasen“ anspricht. Sofort spüre ich einen starken Schmerz. Das „Releasen“ dauert derzeit ca. 2 Wochen. Und ich habe ein Querschnittsteam zusammengestellt, das sich darum kümmern soll diesen Missstand zu beseitigen. Leider haben die von uns getroffenen Maßnahmen allesamt noch keinen sichtbaren Erfolg gezeigt. Trotzdem fühle ich mich verantwortlich. Auweia. Jetzt passiert es. Ich beginne als Moderator in die Diskussion mit Feuereifer einzusteigen. Es packt mich. Ich weiß, dass es verkehrt ist. Aber ich denke, dass es in diesem Fall o.k. ist, mitzudiskutieren und mich zu verteidigen. Was habe ich da gerade gedacht: Mich verteidigen? Das bedeutet ja, das ich es bereits persönlich nehme. Jetzt wird noch heftiger diskutiert und erklärt, was wir im Spezialteam so alles machen. Auf einmal trifft mich ein böser Blick von Nadja und dann schleudert sie eine sarkastische Bemerkung nach der anderen in meine Richtung. Ich taumele und kämpfe mich durch den Rest des Meetings. Da noch ein böser Blick und eine ironische Bemerkung zum Thema „Moderation“. Endlich ist das Meeting vorbei. Ich wanke aus dem Besprechungszimmer und weiß, dass ich jetzt ein Problem mit Nadja habe. Zum Glück kann ich mich wieder aufs Tagesgeschäft konzentrieren.

Am nächsten Tag treffe ich Nadja an der Kaffeemaschine und merke, dass ich nicht mit ihr reden will. Da hat sich also ein persönlicher Konflikt zwischen uns entwickelt. Ich habe Angst mit ihr zu reden und mache den ganzen Tag einen Bogen um Nadja. Jetzt habe ich eine ruhige Minute und denke nach. Was ist da gestern nur passiert? Genau. Ich habe die neutrale Rolle des Moderators verlassen und mich mit voller Wucht in die kontroverse Diskussion eingemischt. Ich habe mir selbst mehr Redezeit als den anderen eingeräumt und ich bin in eine Verteidigungshaltung gerutscht. Kurzum: Ich habe die Moderation verka…. Ein typischer Fehler eines Moderators und einer meiner Lieblingsfehler. Ich hätte mein Fachwissen in diesem Fall zurückhalten müssen und das Team zu den eigenen Ergebnissen kommen lassen, auch wenn das bedeutet hätte, meinem Spezialteam einmal die Meinung zu sagen. Leider können auch Scrum Master nicht die Zeit zurückdrehen. Also kann ich es nicht ungeschehen machen. Was soll ich nur tun? Zumindest bei der nächsten Moderation nicht mitdiskutieren, das ist klar. Aber wie soll ich nur mit Nadja umgehen?

Zum Glück habe ich nun wieder einen Monat Zeit mir das zu überlegen, denn hier endet der fünfte Teil des „Scrum-Masters“ mit einem Cliffhanger.

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