Lernen in der Gemeinschaft

Lernpsychologisches Testen: Community of Practice für alle
Kommentare

Nature or Nuture? Das ist die große Frage, wenn es um die Rockstars im Büro geht: Ist es Talent, das ihnen ihre Fähigkeiten verleiht, oder doch nur Übung? Eine Faustregel besagt, dass 10.000 Stunden Übung notwendig sind, um zum echten Experten zu werden. Die kann aber nicht jeder in jede Aktivität investieren. Wer seine Fähigkeiten auf dem Gebiet der Code-Tests perfektionieren möchte, kann sehr von einer Community of Practice profitieren.

Die Antwort auf die Frage nach dem Schlüssel zum Erfolg dürfte lauten, dass es beides braucht: Nature and Nuture; Begabung und Übung. Ohne den goldenen Funken, den Kuss der Muse, die Faszination für eine bestimmte Art von Tätigkeit wird aus der notwendigen Übung nie eine angenehme, spannende Sache, die man zur Perfektion führen kann. Ohne Übung kann aber auch der Begabteste nichts aus seinen Fähigkeiten machen.

Allrounder oder Spezialisten?

Genug Übung zu bekommen, kann allerdings schwierig sein, wenn es um das Testen von Code geht. Immer häufiger gehören ein oder zwei Tester zum agilen Entwicklerteam und müssen jede notwendige Art von Test am gerade entwickelten Feature vornehmen. Das führt natürlich zu einer gewissen Routine; einem Allrounder in Sachen Test-Design fehlt aber oft der tiefe Einblick in die hoch spezialisierten Bereiche des Themas.

Gerade die sind wichtig, wie Frank Düsterbeck im BASTA-Interview erklärt. Testen, das ist keine Aufgabe, die einfach so nebenbei erledigt werden kann. Natürlich sollte jeder Entwickler einen einfachen Unit-Test schreiben können. Um ein Produkt vollständig durchzutesten, braucht es aber viel mehr. Düsterbeck listet auf, dass sich ein richtig guter Tester auch mit Automatisierung, Security und Performance-Fragen auskennen muss. Nur dann kann er ein gutes Gesamtbild der Stärken und Schwächen eines Produktes zeichnen. Es geht nämlich um viel mehr als nur die kleinen Bugs, die sich im Entwickler-Alltag in den Code einschleichen.

Vom Center zum dezentralen System

Früher gab es darum zumeist Test-Center, die sich um das Durchprüfen von Produkten nach der Entwicklungsphase gekümmert haben. In Zeiten der iterativen Softwareentwicklung wurde dieses Modell aber abgelöst. Einen anderen Ansatz stellt die Verteilung von Testern auf Teams anhand des gegenwärtigen Bedarfs dar. Jeder Test-Spezialist ist mit seinen Spezialgebieten in einer Datenbank erfasst und wird vom Personalmanagement herum geschickt. So bekommen Mitarbeiter natürlich die nötige Übung, um wirklich gut in einer Art von Test-Ablauf zu werden; diese Spezialisierung kann sich aber auch schnell als einengend erweisen.

Es gibt aber ja auch noch immer eine Menge (ehemaliger) Test-Manager mit immensem Erfahrungsschatz in Sachen Code-Test und daneben eine Menge von Entwicklern, die einfach nicht so richtig wissen, wie richtiges Testen geht. Um das Wissen von Experten an interessierte Mitarbeiter weiterzugeben, haben sich Communities of Practice bewährt.

Was ist eine Community of Practice?

Eine Community of Practice ist ein Zusammenschluss von Menschen mit dem gleichen Interesse. Wichtig ist, dass sie sich einerseits freiwillig und aus eigenem Antrieb zusammenfinden, andererseits aber auch in der Absicht, ihre Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet aktiv zu verbessern. Eine Community of Practice ist keine akademische Fortbildung; sie lebt davon, dass Menschen voneinander lernen wollen und sich dazu zusammenfinden.

Solche Gruppen sind ein ganz natürliches Phänomen. Beschrieben wurden Communities of Practice zuerst auf Grundlage der Feststellung, dass Auszubildende in Betrieben am meisten von anderen, fortgeschritteneren Auszubildenden lernten. Dieser Lernprozess schien effektiver zu sein als der Unterricht durch einen Meister, gleichzeitig schien er den Lernenden leichter zu fallen. Bei der Betrachtung dieses Phänomens fiel auf, dass der soziale Faktor hier eine Rolle spielt: Wer die Pausen zusammen verbringt und eine soziale Bindung zueinander aufbaut, lernt gut voneinander.

Natürliche Lernphänomene

Im Fall der Auszubildenden und auch darüber hinaus stellen solche Gemeinschaften nicht unbedingt ein zielgerichtetes Unterfangen dar, sondern sind eine typische Form des sozialen Lernens, wie es ständig passiert. Jugendgruppen tauschen sich über Strategien zum Erzielen guter Leistungen in der Schule oder das richtige Verhalten innerhalb der Gruppe aus, weil sie besser darin werden wollen. Kollegen besprechen ihre Arbeit miteinander, um Probleme zu lösen. All das sind natürliche Communities of Practice.

Allerdings ist nicht jede Zusammenkunft von Gleichgesinnten auch eine Community of Practice. Nur dann, wenn alle Beteiligten ein Interesse daran haben, etwas dazuzulernen, entsteht eine solche Gruppe. Dieser Prozess kann aktiv angeregt und geleitet werden, obwohl es sich um eine natürliche Lernform handelt. Das widerspricht den Kriterien einer Community of Practice nicht.

Freiwilligkeit statt Forbildungszwang

Ein wichtiges Merkmal einer Community of Practice ist hingegen die Motivation ihrer Mitglieder. Wenn in einem Unternehmen eine solche Gruppe aufgebaut werden soll, um das Wissen um gutes Testen zu verbreiten, muss die Teilnahme unbedingt freiwillig erfolgen. Werden Mitarbeiter zur Teilnahme verpflichtet, sollte eher von einer Fortbildung gesprochen werden. Dann entsteht keine Gemeinschaft, die eine soziale Verbindung miteinander teilt.

Eine erst einmal gebildete Gruppe hat viele Vorteile für ihre Mitglieder. Entwickler, die wenig Erfahrung im Testen haben, können sich der Gruppe anschließen und ihre Fragen stellen; erfahrene Tester können sich als Mentoren hervortun. Mitarbeiter wissen durch die Zugehörigkeit zu einer Community of Practice, an wen sie sich im Fall einer Unsicherheit in Sachen Test-Design wenden können. Soziale Ängste werden abgebaut, Verbindungen zwischen Mitarbeitern entstehen. So werden Grenzen überwunden, die zuvor zwischen verschiedenen Abteilungen und Teams bestanden; häufig wird bewusst darauf hingearbeitet, dass althergebrachte Unternehmens-Hierarchien innerhalb der Community nicht gelten.

Soziales Lernen als Verstärker

Wenn Lernen gleichzeitig sowohl auf einer faktischen als auch auf einer sozialen Ebene stattfindet, wird Wissen also schneller und besser abgespeichert. Dafür könnte auch die Theorie eines „Transactive Memory“ eine Rolle spielen. Dabei handelt es sich um einen Erklärungsansatz dafür, dass das Erinnerungsvermögen von Menschen zuzunehmen scheint, wenn sie eine Information innerhalb einer Gruppe aufgenommen haben. Das Gruppen-Gedächtnis scheint besser zu funktionieren als das individuelle Erinnerungsvermögen – auch, wenn es um den Informationsabruf geht, der innerhalb der Gruppe leichter fällt.

Das Konzept des Transactive Memory wurde von Daniel Wegner entwickelt, der annimmt, dass innerhalb einer Gruppe mehr kognitive Verbindungen zwischen neuen Erinnerungen gebildet werden, als bei alleine erworbenem Wissen. Zusätzlich zum reinen Informationsgehalt soll laut dieser Theorie Wissen darüber abgespeichert werden, welches Gruppenmitglied welche Kompetenz auf dem jeweiligen Gebiet besitzt. Dadurch entsteht neben einer Erinnerung auch ein kommunikatives System, das das vorgenannte Lernen innerhalb einer Community of Practice erklären kann: Wer weiß, wen er innerhalb einer Gruppe wonach fragen kann, kann gezielt neues Wissen erwerben; wer innerhalb einer Gruppe schneller lernt, festig seine neuen Fähigkeiten auf diese Weise.

Auch der emotionale Aspekt darf nicht unterschätzt werden. Insgesamt gilt nämlich, dass Wissen dann umso besser abrufbar ist, wenn es mit verschiedenen Arten von Stimuli verknüpft ist. Wer sich an die gute Atmosphäre erinnert, die ein angenehmes Gefühl beim Gedanken an das letzte Community-Treffen erzeugt, hat eine weitere Verbindung gezogen. Das ist wie mit der Erinnerung an die erste Liebe, die durch einen bestimmten Song wieder hochkommt.

10.000 Stunden? Falsch!

Eine Community of Practice fügt also eine Lerndimension hinzu, die sonst oft fehlt, wenn das Testen innerhalb einzelner Feature-Teams abläuft und darüber hinaus kein Austausch über diese komplexe Disziplin stattfindet. Das macht einen großen Unterschied hinsichtlich der Qualität der Übungsstunden aus, die ein Mitarbeiter mit der Zeit ansammelt.

An dieser Stelle kommt erneut die eingangs zitierte 10.000-Stunden-Regel ins Spiel: Sie ist nämlich falsch. Die Untersuchungen zu diesem Thema zeigten viel mehr, dass ein Durchschnitt von 10.000 Stunden Übung notwendig ist, um eine Fähigkeit zu meistern – manche Studienteilnehmer benötigten weniger, manche deutlich mehr Zeit dazu. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die Qualität der Übungsstunden. Wer unkorrigiert und mit wenig Input vor sich hinübt, wird kein Meister des Faches werden.

Wer es aber richtig anstellt, kann auch in weniger als 10.000 Übungsstunden richtig gut in einer Fertigkeit werden. Nicht jeder muss zum Test-Meister werden; wenn Entwickler aber etwas mehr als eine minimale Vorstellung davon haben, was alles zu einem guten Testverfahren gehört, kann das die Softwarequalität deutlich erhöhen. Dafür könnten Communities of Practice einen sinnvollen Ansatz darstellen, wenn Mitarbeitern die Teilnahme daran angeboten wird.

Aufmacherbild: Group of Diverse Hands Together Joining Concept via Shutterstock / Urheberrecht: Rawpixel.com

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -