Verlässliche Trend-Studie oder mangelhafte Aufbereitung?

11. State of Agile Report: Mehr Schein als Sein?
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Der 11. State of Agile Report ist da und gibt Einblick in die Trends in Sachen agiler Entwicklungsmethoden. Ein Blick auf die Details des Reports lässt jedoch viele unbeantwortete Fragen aufkommen.

Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt führt VersionOne jährlich eine große Befragung durch, um herauszufinden, wie es um die Entwicklung der agilen Arbeitswelt bestellt ist. Erfasst werden die Verbreitung agiler Methoden in Unternehmen, Erfolgsmetriken, Faktoren für den Misserfolg, Daten zur Skalierung von Agile und vieles mehr. In seiner bereits 11. Ausgabe stellt der State of Agile Survey eine bekannte und verbreitete Größe in der Szene dar und wird häufig herangezogen, wenn es um Daten zum agilen Wandel geht. Doch bei genauer Betrachtung ergeben sich etliche Fragen, die in der Veröffentlichung von VersionOne nicht beantwortet werden. Wie valide ist der State of Agile Report also als Maßstab für die agilen Trends des Jahres?

Mehr Atlassian-Anwender als VersionOne-Kunden

VersionOne als Auftraggeber der Studie ist selbst auf dem Gebiet der agilen Softwareentwicklungsmethoden aktiv und bietet Tools dafür an. Ist der Report also neutral genug,  um über die Grenzen des Unternehmens hinaus zu gelten? Die Angabe, dass nur 20 Prozent der Teilnehmer Kunden von VersionOne seien, spricht durchaus dafür. Auch die Tatsache, dass 53 Prozent der Befragten des 11. State of Agile Reports angaben, mit Atlassian/JIRA zu arbeiten, stützt die These, dass hier ein breites, kein spezifisch für Kunden von VersionOne gültiges Bild gezeichnet wird.

Dennoch hat der Report seine Schwächen. So blieb in diesem Jahr erstmalig ungenannt, wie viele Teilnehmer der State of Agile Survey zählte. Führte das Unternehmen im 10. State of Agile Report noch an, dass 3.880 Antworten erfasst wurden, wird dieses Jahr nur benannt, dass die Teilnehmerzahl in den Tausenden gelegen habe. Eine Anfrage an VersionOne bezüglich der konkreten Teilnehmerzahl blieb bislang unbeantwortet.

Trends und Tools

Eine Auswertung der Zusammensetzung der Teilnehmergruppe findet sich aber doch auch im 11. State of Agile Report. Die größte Gruppe unter den Befragten bilden Projektmanager (23 Prozent), gefolgt von Scrum-Mastern und internen Coaches (19 Prozent) und Entwicklern (15 Prozent). In der Branchenauswahl ist traditionell die Softwareentwicklung in Führung und stellt mit 23 Prozent noch immer knapp weniger als ein Viertel der Befragungsteilnehmer; Finanzdienstleister sind als Branche am zweitstärksten vertreten. Außerdem kommen 50 Prozent der Teilnehmer aus Nordamerika und immerhin 28 Prozent aus Europa.

Der Report zeigt, dass die Zahl verteilter, agil arbeitender Teams seit Jahren wächst und dass Punkte die beliebteste Form zur Epic Estimation darstellen – immerhin ein Prozent der Befragten gab aber auch an, Gummibärchen dafür zu nutzen. 51 Prozent gaben außerdem an, Agile auch zum Management outgesourcter Projekte zu nutzen. Atlassian/JIRA ist in Führung bei den verwendeten Management-Tools, auch Excel ist bei 46 Prozent der Befragten aber noch immer im Einsatz.

Devs fight your battle! A pledge for cross-functional teams

mit Steffen Behn & Tina Dreimann (die kartenmacherei)

Bausteine erfolgreicher Retrospektiven in agilen Prozessen

mit Tobias Ranft (Beratung Judith Andresen)

Neu dabei: DevOps und Agile UX

Neu im 11. State of Agile Report ist die Frage nach der Anwendung von Agile/lean UX im Bereich der agilen Arbeitsmethoden. 22 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit damit arbeiten; mit 90 Prozent ist die Planung von Iterationen nun außerdem die am häufigsten eingesetzte agile Arbeitsmethode. Daily Standups und Retrospektiven finden sich auf Platz zwei und drei der Methoden – das passt gut dazu, dass ganze 68 Prozent der Befragten mit Scrum oder Scrum und XP arbeiten. Interessant ist hier aber auch, dass zwar nur 5 Prozent der Befragten ausschließlich oder primär mit Kanban arbeiten, insgesamt 50 Prozent jedoch angaben, dass Kanban zu den von ihnen eingesetzten Methoden gehört.

Verwendete agile Arbeitsmethoden. © VersionOne; Quelle: 11th State of Agile Report https://explore.versionone.com/state-of-agile

Ebenfalls erst seit dem 11. State of Agile Survey wird die Adaption von DevOps als zusätzliche Methode erfasst. Im gegenwärtigen Report haben 71 Prozent der Befragten angegeben, dass in ihrem Unternehmen bereits eine DevOps-Initiative existiert oder in den kommenden 12 Monaten entstehen solle. Das zeigt, dass die Methodenwelt in der IT in Bewegung ist!

Fragliche Vergleichbarkeit

Die größte Veränderung des diesjährigen Reports im Vergleich zum Vorjahr findet sich bei den skalierten agilen Frameworks. Der Report berichtet, dass das skalierte Framework SAFe in diesem Jahr den bisherigen Spitzenreiter Scrum/Scrum of Scrums von der Spitze verdrängt habe. Dieser direkte Vergleich ist jedoch in verschiedener Hinsicht problematisch. War es im Vorjahr erlaubt, mehrere Antwortoptionen zu wählen, ist jetzt nur noch eine Option auswählbar. So erreicht Scrum/Scrum of Scrums keine 72 Prozent mehr, sondern nur noch 27, während SAFe relativ stabil von 27 auf 28 Prozent gestiegen ist.

Auch bleibt unklar, welcher Teil der Befragten überhaupt eine Antwort auf diese Frage gab – und ob es sich um die gleiche Frage wie im Vorjahr handelt. Die Summe der Prozentzahlen der einzelnen Antwortoptionen auf die Frage nach skalierten agilen Methoden beläuft sich in diesem Jahr auf 82 Prozent, nicht auf 100 Prozent. Letzteres wäre aber eigentlich bei einer Antwort pro Person zu erwarten. Woher diese Differenz stammt, lässt sich weder aus dem Begleittext der Grafik, noch aus den sonstigen Studiendaten erklären. Im Weiteren fällt auf, dass im Begleittext zur Grafik vom vergangenen Jahr explizit von der Verwendung skalierter Frameworks die Rede war, während in diesem Jahr ihre Popularität als Fragestellung benannt wird.

Agile Methoden und andere agile Methoden?

Relevant in diesem Kontext ist auch, dass die Erfassung skalierter Methoden separat von der der allgemeinen gewählten Methodik stattfand. Insgesamt gaben 58 Prozent der Befragten an, dass in ihrem Unternehmen mit Scrum gearbeitet werde; weitere zehn Prozent der Unternehmen kombinieren Scrum und XP – der Hybrid nimmt Platz 2 ein. Kanban findet sich mit fünf Prozent nur auf dem fünften Platz der eingesetzten agilen Methoden. Skalierte Methoden kommen in der allgemeinen Erfassung nicht vor. Hier kann also nur gemutmaßt werden, inwiefern eine Differenzierung innerhalb der Befragung stattfand.

Wie hoch der Bedarf an skalierten Frameworks in Unternehmen ist, kann allenfalls an der Unternehmensgröße abgelesen werden. Auf alle Branchen bezogen gaben 39 Prozent der Befragten an, für Unternehmen mit weniger als 1.000 Mitarbeitern tätigt zu sein; 26 Prozent arbeiteten für Unternehmen mit mehr als 20.000 Mitarbeitern. Spezifisch für die Softwarebranche zeigte sich eine kleinere Unternehmensgröße – 39 Prozent der Befragten benannten eine Mitarbeiterzahl von unter 100; 19 Prozent von über 5.000, was in dieser Kategorie das Maximum darstellt.

Ein direkter Rückschluss ist aber auch daraus nicht möglich. Ganze 60 Prozent der Befragten gaben nämlich auch an, dass weniger als die Hälfte der Teams im Unternehmen agil arbeitet. Auch darüber hinaus fällt auf, dass der State of Agile Report grundsätzlich mit exakten Zahlen geizt und beinahe ausschließlich mit Prozentangaben arbeitet. Angaben dazu, welcher Anteil der Befragten überhaupt auf eine Frage geantwortet hat, werden grundsätzlich nicht gemacht.

Persönliche Experten und unreife Adaptionen

Dennoch kann der Report auch einige interessante Entwicklungen aufzeigen. So bezeichneten sich zwar 72 Prozent der Befragten persönlich als sehr bis extrem sachkundig hinsichtlich agiler Methoden; auf Unternehmensebene zeigt sich jedoch ein anderes Bild. 32 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Unternehmen drei bis fünfr Jahre Erfahrung mit der agilen Arbeitsweise habe; weitere 25 Prozent nannten sogar mehr als fünf Jahre Erfahrung.

Dennoch empfanden 80 Prozent die Adaption agiler Methoden im Unternehmen noch nicht als mature, also als nicht ausgereift. Ein Vergleich mit dem Vorjahr wird auch hier durch unterschiedlich formulierte Antwortoptionen erschwert; für die Jahre an Erfahrung zeigen sich jedoch ähnliche Werte. Hinsichtlich des Maturierungsgrads gaben im Vorjahr ebenfalls nur 17 Prozent an, einzelne Teams mit einer mature Adoption agiler Methoden im Unternehmen zu haben. Das deckt sich also mit den aktuellen Zahlen, trotz abweichender Formulierungen.

Begrenzte Aussagekraft jenseits großer Trends

Insgesamt zeigt sich also ein durchwachsenes Bild, wenn man die Daten des State of Agile Reports genauer betrachtet. So wird beispielsweise auch noch angegeben, dass 98 Prozent der Befragten in ihren Unternehmen bereits Erfolge mit Agile erlebt haben. Anhand welcher Maßstäbe diese Wertung stattfand, ist jedoch nicht nachlesbar. Auch fehlt es an einer Aufschlüsselung von Antworten auf Branchen und Regionen, sodass der State of Agile Report wohl primär für die Betrachtung allgemeiner Trends nützlich ist. Auch dann darf aber nicht ohne weiteres zwischen verschiedenen Jahren verglichen werden, da sich hier durchaus relevante Differenzen aufzeigen lassen.

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