Was Unternehmen vom Flug der Apollo 13 lernen können

Irren ist menschlich: Die moderne Fehlerkultur
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In Zeiten des digitalen Wandels, steigender Flexibilität und beschleunigter Prozesse müssen Managementebenen die Weichen neu stellen. Häufig vergessen Unternehmen dabei aber, dass auch die Fehlerkultur ein Teil davon ist.

Wir schreiben das Jahr 1970. Die Crew der Apollo 13 ist bereits in der Erdumlaufbahn auf dem Weg zum Mond, als ein Sauerstofftank der Kapsel explodiert und dabei einen weiteren der überlebenswichtigen Behälter beschädigt. Der Grund: ein schon beim Abflug überhitzter und defekter Sauerstofftank.

320 000 Kilometer über der Erde stehen Jack Swigert, James Lovell und Fred Haise vor schier unlösbaren Aufgaben. Ein einfaches Umdrehen und Zurückfliegen ist aufgrund der Schwerelosigkeit nicht möglich. Einfallsreichtum und Kreativität aufseiten der Besatzung und Bodenstation sind also gefragt – mit Erfolg.

Mithilfe der Düsen der Landefähre lenken die Astronauten das Raumschiff in eine neue Umlaufbahn. Dies ermöglicht so neues Schwungholen und bringt die Kapsel auf den richtigen Weg zur Erde zurück. Nach 87 Stunden Angst und Bangen landet die Raumfähre wieder sicher auf der Erde.

Im Anschluss analysierte eine Untersuchungskommission Ursache, Entscheidungen sowie Einschätzungen im Zusammenhang mit dem Unglück. Schon damals bewährte sich: Die beste Prävention – allen voran von Wiederholungsfehlern – sind ihre Analyse und das Finden einer entsprechenden Lösung. Für eine erfolgreiche Betrachtung und Prüfung der Fehlleistungen benötigen Unternehmen im digitalen Zeitalter allerdings eine neue Fehlerkultur. Denn diese ist es, die den entscheidenden Unterschied gegenüber den Wettbewerbern ausmachen kann.

Die Weichen neu stellen

„Ich war’s nicht!“, „Das Problem ist mir vollkommen neu“ oder „Das hat eine andere Abteilung bearbeitet“ – Menschen, die Fehler machen, reagieren im ersten Moment fast immer mit Unsicherheit, Ablehnung und Abweisung. Zu groß ist die Angst vor den Konsequenzen. Verliere ich nun mein Ansehen im Büro? Oder muss ich mir gar einen neuen Job suchen?

Dabei passieren tagtäglich Fehler – egal ob zu Hause oder in Unternehmen (Abb. 1). Allerdings setzen Führungsebenen Fehler oftmals noch mit finanziellen Einbußen, Schwierigkeiten und Problemen gleich. Fehler mit etwas Negativem zu verbinden, ist dabei eine ganz natürliche und menschliche Eigenschaft. Allerdings sollte es keine Rolle spielen, wer für die Fehlentscheidung und das Scheitern des Projekts oder der Aufgabe verantwortlich ist. Entscheidend ist viel eher der richtige Umgang mit Fehlern.

Gründe für Störungen im Arbeitsalltag

Abb. 1: Gründe für Störungen im Arbeitsalltag

In Zeiten des digitalen Wandels, steigender Flexibilität und beschleunigter Prozesse müssen Managementebenen die Weichen neu stellen. Häufig widmen sich Unternehmen hierbei vorrangig aber nur der Neuausrichtung ihrer Unternehmenskultur in Bezug auf die Digitalisierung – und vergessen dabei meist, dass auch die Fehlerkultur einen Teil davon einnimmt. Nur mithilfe einer modern ausgerichteten Fehlerkultur können Unternehmen auf die digitalen Herausforderungen eingehen und diese anpassen.

Die Basis hierfür bildet die Akzeptanz von Fehltritten und Fehlleistungen, denn diese sind es, die überhaupt erst neue Blickwinkel auf Prozesse und Projekte ermöglichen. So ergeben sich innovative Ansatzpunkte, die zuvor häufig kaum bis gar keine Beachtung fanden. Durch das Erkennen von Problemen können somit unter anderem veraltete Abläufe und Services optimiert, ergänzt und weiterentwickelt, aber auch völlig neu kreiert werden.

Wer wagt, gewinnt

Bevor Unternehmen allerdings überhaupt von einer positiven Fehlerkultur sprechen können, müssen Fehler erst einmal entstehen dürfen. Mut ist das große Stichwort, dessen sich sowohl die Führungsebenen als auch die Mitarbeiter annehmen müssen.

Um neue, innovative und kreative Wege zu gehen, ist das Management angehalten, den Mut seiner Belegschaft ebenso zu stärken wie den Willen, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Angst vor Neuem darf für beide Parteien keine Rolle spielen – vielmehr steht die Motivation zu mehr Risikobereitschaft im Vordergrund.

Wenn das Management seinen Mitarbeitern den Eindruck vermittelt, dass Ungereimtheiten nicht geduldet oder sogar bestraft werden, steigt der Druck auf die Arbeitnehmer. Die Konsequenz: wachsende Belastung und Stress für die Belegschaft und damit einhergehend eine zunehmende Anzahl von Missgeschicken. Von Fehlervermeidung keine Spur.

Allerdings ist im Umkehrschluss auch Vorsicht geboten. Lassen Führungsebenen Fehler ohne Analyse und Untersuchung durchgehen, agieren Mitarbeiter häufig nur noch leichtsinnig und fragen sich, warum sie sich noch anstrengen sollten. Die Folge: Unmotivierte und unkonzentrierte Angestellte und dementsprechend eine steigende Anzahl von Fehlern.

Klare Rollenverteilung

Durch den Einsatz flacher Hierarchien und das Schaffen von Freiräumen gewähren Unternehmen ihren Mitarbeitern entsprechende kreative Phasen und Möglichkeiten, über den Tellerrand hinauszuschauen und innovativ zu sein. In diesen Zeitfenstern dürfen auch Fehler gemacht, untersucht und analysiert werden. So schaffen sich Unternehmen einen erheblichen Vorteil gegenüber den Wettbewerbern und entwickeln sich stetig weiter.

Als Basis kann ein rollenbasierter Ansatz dienen, bei dem den Mitarbeitern entsprechende Rollen in Zeitfenstern zugeordnet werden (Abb. 2). Durch diese Aufteilung sind die Verantwortlichkeiten klar vergeben und auch für die Kollegen transparent. Die interne und offene Kommunikation vermittelt auch den Teammitgliedern, wann ein Mitarbeiter sich in welcher Rolle befindet und nicht gestört werden soll. Störungen und Unterbrechungen des Arbeitsalltags bleiben aus – die Produktivität der Mitarbeiter steigt.

Beispiel für einen Serviceplan

Abb. 2: Beispiel für einen Serviceplan

Im Raum getrennt, im Team vereint

Eine rollenbasierte Methode eignet sich ebenfalls für die immer häufiger in Firmen vorkommende Arbeit in virtuellen Teams. Durch die Digitalisierung und die damit einhergehende wachsende Vernetzung ergeben sich neue Möglichkeiten für Manager und Mitarbeiter – allen voran für Unternehmen, die verschiedene Standorte aufweisen oder international agieren. Aufgrund der vernetzten und virtuellen Organisation ist selten klar, wer an welchen Themen, Projekten und Serviceanfragen arbeitet – und mit welcher Intensität.

Hier kann eine klare Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten Verständnis untereinander schaffen und Doppelarbeiten verringern. Zusätzlich erleichtert es den Teamleitern, einzuschätzen, an welchen Stellen noch Ressourcen und Kapazitäten frei sind – oder welche Mitarbeiter entlastet werden müssen.

Der in virtuellen Teams sehr hohe Kommunikations- und Abstimmungsaufwand wird mithilfe des rollenbasierten Ansatzes ebenfalls vereinfacht. In gemeinsamer Ausarbeitung stellen Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern entsprechend benötigte dezidierte Rollen- und Kommunikationsvereinbarungen auf. Die Gemeinschaftsarbeit verspricht größtmögliche Akzeptanz innerhalb des Teams. Dabei sollte immer ein Prioritätensystem zum Einsatz kommen.

Innovationskraft stärken

Darüber hinaus ermöglicht der Einsatz entsprechender Rollen und Zeitfenster noch Freiraum für kreative Ideen und Innovationen. In Zeiten der Digitalisierung sind Unternehmen angehalten, ihre Mitarbeiter mehr in die Entwicklungen neuer Produkte und Services mit einzubeziehen. Mitarbeiterideen zählen jedoch häufig zu den unterschätzten Ressourcen in puncto Innovationskraft. Dabei sind innovative Ideen von Mitarbeitern häufig die Basis und der Ausgangspunkt für einzigartige neue Services, die einen hohen Mehrwert für den Kunden schaffen.

Der wichtigste Treiber für diese Innovationen ist heute die Technologie. Für Unternehmen heißt das, sie müssen überlegen, wie die Technologien bestmöglich für die Gestaltung innovativer Produkte verwendet werden können – und dies immer unter Berücksichtigung der Ideen und der Kreativität der eigenen Mitarbeiter.

Nutzen Unternehmen das Potenzial der Mitarbeiterideen, steigern sie durch ein erfolgreiches Ideen- und Innovationsmanagement zusätzlich die Identifikation des Arbeitnehmers mit dem Unternehmen. Zeitfenster bieten der Belegschaft die Chance, sich im Unternehmen einzubringen. Das vermittelt das Gefühl, wichtiger Bestandteil eines großen Ganzen zu sein, und bestätigt, dass die Ideen auch wirklich bei der Führungsebene ankommen.

Feiern fürs Scheitern

Fehler lassen sich nur selten ganz vermeiden. Geschieht ein Missgeschick, ist der richtige Umgang damit entscheidend. Eine Option, um das Scheitern zu analysieren, bieten sogenannte „FuckUp-Nights“: In entspannter und lockerer Atmosphäre tauschen sich Unternehmer und Gründer über ihre – ehemaligen – Projekte aus. Bei den Veranstaltungen, die mittlerweile weltweit großen Anklang finden, steht nicht die Schadenfreude im Vordergrund, sondern das Gespräch mit Gleichgesinnten. Die Botschaft: Scheitern ist menschlich und passiert – der wichtigste Punkt ist immer, nach einer Niederlage wieder aufzustehen.

Auch Unternehmen mit langer Historie können von FuckUp-Nights profitieren. Bereits interne und abteilungsübergreifende Veranstaltungen und Treffen schaffen neue Blickwinkel auf die bisherigen Projekte, Produkte und Services. Im Gespräch entstehen mögliche Lösungswege, um den Fehler beim nächsten Auftrag vermeiden zu können.

Das schafft sowohl Transparenz im Unternehmen als auch Vertrauen zwischen der Führungsetage und den Mitarbeitern. Zusätzlich stärkt es die Sympathie gegenüber Managern, wenn diese fehlerhafte Entscheidungen zugeben, und den Mut, auch selbst einmal innovative und kreative Gedanken und Projekte zu verfolgen.

Fazit

Die Anforderungen an Unternehmen und ihre Mitarbeiter steigen durch die Digitalisierung und die wachsende Komplexität der Aufgaben stetig. Übergreifende Tätigkeitsbereiche und Verantwortlichkeiten sowie ein ständiger Wechsel der Mitarbeiter zwischen Projekt- und Tagesgeschäft erschweren Geschäftsführern und Abteilungsleitern den Überblick über die jeweiligen Verantwortungsbereiche. Die Folge: Intransparenz, überlastete Spezialisten und fehlende Möglichkeiten für Innovationen und Kreativität. Ein rollenbasierter Ansatz kann helfen, die Anforderungen an die Mitarbeiter und das Unternehmen zu bewerkstelligen.

Links & Literatur

[1] Utsch, C.: AQRO. Stressfreies und effizientes Human Resource Management. Idstein 2014

[2] https://news.microsoft.com/de-de/digitalisierung-verlangt-neue-fahigkeiten-von-fuhrungskraften/#sm.0001bzu23tdgwfhgrpy2jhomlm61i#qT2Da6A1J1FdvtQ6.97

[3] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Arbeitswelt im Wandel: Zahlen – Daten – Fakten. Ausgabe 2016.

 

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