Kreativität – eine vergessene Tugend?

Kreativität. Und sonst so?
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Technologie auf Anschlag, wie es so schön heißt – das weiß doch jeder. Ein ehemaliger Spielkartenhersteller aus Japan scheint aber gerade das Gegenteil zu beweisen.

So gut es softwareentwickelnde Menschen auch haben – schließlich kann man sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen mit neuen Technologien beschäftigen (was man, wenn man ehrlich ist, meist auch gerne und freiwillig tut!) – so sehr stellt uns das vor allem im Berufsalltag manchmal vor ein schier unlösbares Problem. Denn was soll man mit all diesen tollen Technologien anfangen?

Technologie auf Anschlag

Witzigerweise liegt das Problem nicht immer in den Technologien oder in dem umfangreichen Angebot begründet. Das Problem liegt meist in uns selbst. Denn tief vergraben im Entwicklerego steckt etwas, dass die Menschheit schon lange begleitet: eine Jägerin oder ein Jäger, ein Sammler oder eine Sammlerin. Und was nutzt schon eine erbeutete oder gesammelte Trophäe, wenn sie keiner sieht?

Den anderen einmal zeigen, was eine Harke ist!

Also überlegt man sich, was man mit dieser neu gefundenen Technologie alles anstellen könnte, welche tollen Ideen sich damit umsetzen ließen. Geil auch, dass man damit seine Probleme wesentlich eleganter lösen könnte. Nur ein wenig blöd, dass man sich unter Umständen eine Unmenge neuer Abhängigkeiten ins Projekt zieht.

Egal, es ist neu, heiß, fancy. Damit wird alles besser. Und wenn man darauf setzt, ist man technologisch ganz vorne dabei und kann den anderen zeigen, was eine Harke ist!

Das Ding mit der Technologie

Mit der Technologie ist das jedoch so eine Sache. Um ein Beispiel zu bringen, muss ich allerdings erst mal einen Weg einschlagen, den Dennis Wilson vor mir vor kurzem in seinem Breakpoint Was Entwickler von StarCraft lernen können gegangen ist:

Mein Name ist Tom Wießeckel, ich spiele seit deutlich über 30 Jahren Videospiele und lasse mich trotzdem noch immer von meinem eigenen Spieltrieb hypen. Manchmal ärgere ich mich dann über mich selbst – vor allem, wenn ein Spiel oder eine Konsole nicht hält, was das mit Budget vollgepumpte Marketing versprochen hat. Doch meist obsiegt die kindliche Begeisterung. So wie beispielsweise beim neuesten Spielzeug in meiner Sammlung: Die Rede ist von Nintendos Switch.

Choo choo! The Hype Train’s arriving!

Der/die/das Switch ist die neueste Konsole aus dem Hause Nintendo. Dabei handelt es sich – vereinfacht gesagt – um ein Tablet, mit dem man unterwegs vollwertige Spiele spielen kann. Im Lieferumfang enthalten ist jedoch auch eine Docking Station, die an den Fernseher angeschlossen wird und, das Tablet einmal aufgenommen, die Spiele mit etwas mehr Grafikpower auf dem heimischen Kinoleinwandäquivalent spielbar macht.

Eine Konsole für unterwegs und den Fernseher – das gab es so noch nicht.

Dieser Übergang funktioniert übrigens problemlos auch während des Spielens: Kommt man im Spiel versunken zuhause an und steckt das Device in die Docking Station, kann man nahtlos an exakt der Stelle weiterspielen, an der man sich gerade noch befunden hat; und anders herum funktioniert das ebenfalls. Nie wieder also zu spät zu einer Verabredung kommen, weil man nur noch eben diesen einen Gegner plätten will … man erledigt ihn einfach unterwegs.

Technik, die entgeistert

Die technischen Daten der Konsole wirken indes wenig berauschend – so sie denn überhaupt bekannt sind. Unter der Haube werkelt beispielsweise ein „angepasster NVIDIA Tegra-Prozessor“, der Bildschirm auf dem Tablet bietet eine Auflösung von 1280 x 720 Pixeln; 720p also. Ein Wert, über den andere Tablet-Hersteller nur leise schmunzeln. Im Docking-Modus wird zwar eine Auflösung von bis zu 1080p erreicht, allerdings hat Nintendos Hardware in diesem Zustand bisweilen mit Framedrops zu kämpfen.

Das hat die Konkurrenz, namentlich vor allem Microsoft und Sony, zwar hin und wieder auch, aber sie schafft es, deutlich besser aussehende Landschaften mit kleinen Tricks in bis zu 4k auf den Bildschirm zu zaubern. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz zwar zum Launch mit einem nicht gerade umfangreichen Spieleangebot aufwarten konnte, doch das hat sich mittlerweile geändert: Nun hat jeder Spieler jedoch die Möglichkeit, auf ein umfangreiches Spieleangebot zurückzugreifen, das zu einem großen Teil auch von Angeboten von 3rd-Party-Herstellern lebt – auf der/dem Switch könnte das aufgrund der eingeschränkten technischen Möglichkeiten der Hardware anders aussehen.

Auch sonst steht Nintendo nicht sonderlich gut da: Die Akkuleistung ist „übersichtlich“, die Controller winzig und der Preis für die Hardware im Vergleich zur Konkurrenz eher sportlich. Und das meine ich nicht im guten Sinne 1).

1) Natürlich muss man hier ein wenig relativieren: Nintendo setzt auch auf einige Innovationen und auf starke, eigene Franchises, die vor allem bei älteren Spielesemestern nostalgische Gefühle wecken und die sich qualitativ zum größten Teil deutlich von der Konkurrenz absetzen.

Kreativität – und die anderen so?

Nintendo hat es dennoch oft verstanden, mit im Vergleich zu seinen Konkurrenten hinterherhinkenden Technologien große Erfolge zu feiern; nicht anders mit dem/der Switch: Verkaufsrekorde in Deutschland und Frankreich, ein hervorragender Start in Japan sowie ein Rekordlaunch in Nordamerika. Auch GameStop, eine der weltweit größten Einzelhandels-Spieleketten, berichtet von einem der stärksten Konsolen-Launches seit langem. Woher also dieser immense Erfolg, wenn man doch schon Schwierigkeiten hat, aktuelle „Standards“ zu erfüllen?

Moderne „Standards“ erfüllen war noch nie Nintendos Stärke. Doch wer definiert, was Standard ist?

Mit kreativen Einfällen konnte Nintendo der technologisch weit überlegenen Konkurrenz schon öfter ein Schnippchen schlagen; zuletzt mit einer Konsole namens Wii, in der die Controller reale Bewegungen direkt in die Spielwelt übertragen haben. Ein enormer Erfolg, vor allem in den Reihen der Casual Gamer – Menschen also, die nur hin und wieder eine Runde spielen, nie den neuesten Hypes hinterherrennen und daher vor allem auf schnell zugängliche Games setzen.

Kreativität macht den Unterschied

Mit erstaunlichem Erfolg beweist Nintendo, dass man nicht immer die neueste Technologie nutzen muss, um beeindruckende Ergebnisse zu erzielen 2). Viel mehr zählt das Ergebnis, und das ist in diesen Fall vor allem eines: kreativ. Geht das nicht auch irgendwie in der Softwareentwicklung?

Ich unterstelle, dass das durchaus funktioniert. Denn nicht wenige von uns arbeiten in Sprachen, besser gesagt mit Versionen von Sprachen, die schon einige Jährchen auf dem Buckel haben. Manch einer mag es „gewachsene Systeme“ nennen, manch anderer „Legacy“. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen, denn manchmal ist es einfach nicht möglich, ständig auf aktuelle Versionen upzudaten. Ganz zu schweigen davon, jedes halbe Jahr eine neue Technologie einzuführen …

2) Zugegeben, der Switch-Vergleich ist auf die einfachste Formel heruntergekocht; eigentlich würde ich die fünf-, vielleicht sechsfache Menge des jetzigen Textes schreiben können, um am Ende zu einem rein aus spielerischer Perspektive betrachtet nur bedingt schmeichelhaften Fazit zu kommen.

Technologie mit Augenmaß

Es gilt also, Technologie mit Augenmaß einzusetzen und bei der Erkundung technologischen Neulands Ruhe zu bewahren. Ist das, was ich mir gerade ansehe, wirklich zukunftsfähig? Lohnt es sich, ein neues Projekt damit umzusetzen, oder haben wir in zwei Jahren nur noch zwei Entwickler_innen, die damit umgehen können? Ist das wirklich eine Technologie, mit der ich meine Use Cases schneller und effizienter umsetzen kann?

Für alles gibt es die richtige Zeit – und das richtige Einsatzgebiet.

Manchmal genügt ein klein wenig Kreativität, um mit dem Standardrepertoire einen gehörigen Schritt weiter zu kommen; ganz ohne, dass man seine Entwicklungs- und/oder Ops-Abteilung auf links drehen müsste, nur weil man etwas komplett Neues einführt. Für die meisten Sachen gibt es die richtige Zeit und – noch wichtiger – das richtige Einsatzgebiet. Das gilt für Hardware wie für Software, für Architekturen wie für Paradigmen.

Leben und leben lassen, lautet die Devise. Man muss nicht alles einsetzen, aber man sollte sich nicht davon abhalten lassen, die Augen offen zu halten.

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