Breakpoint Wilson: Mit dem Programmieren aufhören?!

Vom Programmieren kommst du nicht mehr los
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Mit dem Programmieren anfangen, kann heutzutage jeder. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn man mit dem Entwickeln aufhören möchte?

Als Software entwickelnde Menschen in den letzten Jahren Mangelware wurden, schien es nahezu überall darum zu gehen, neue Talente zu finden. Anfangs schalteten Unternehmen lediglich Anzeigen. Das führte wiederum relativ schnell dazu, dass Vermittlungs-Unternehmen, sogenannte Headhunter, auf gute Geschäftsmöglichkeiten aufmerksam wurden. Also sprangen diese auf den Zug dauerhafter oder zeitweiser Personalvermittlung auf.

Andere Menschen gründeten Software getriebene Unternehmen und wurden relativ schnell relativ wohlhabend und einflussreich. Irgendwann bekommt das auch der Rest der Welt mit und plötzlich galt Programmieren nicht mehr als uncoole Strebersache, sondern sogar als unheimlich cool und angesagt. Das führte dazu, dass um diesen Trend herum andere Unternehmen und Non-Profit-Initiativen entstanden, die es sich als Ziel setzten, anderen Menschen programmieren beizubringen. Ein riesiges Geschäft!

Programmieren: die neue Fremdsprache?!

Zuletzt erst im Frühjahr 2017 forderte dann letztendlich das Bildungsministerium: Programmierung müsse unbedingt in die Lehrpläne aufgenommen werden, jeder müsse programmieren lernen, programmieren sei die neue Fremdsprache! Mittlerweile existiert in Berlin sogar eine Hochschule, bei der nicht mehr Informatik, sondern insbesondere das Handwerk der Software-Entwicklung im Mittelpunkt des Curriculums steht.

Es kommt mir vor, als handle es sich hierbei um eine gewisse Art von Massen-Hysterie. Wie in einem niemals enden wollenden Mate-Rausch gehen alle rund um die Uhr auf alles, was nur irgendwie mit Software-Entwicklung zu tun hat, vollkommen steil. Warum eigentlich? Das war viele Jahre zuvor auch nicht so. Ist es wirklich nur, weil Software und Digitalisierung die Zukunft ist? Wegen des guten Geldes, das einem versprochen wird? Wegen der elitären Aura, in die man sich hüllen kann, um den eigenen sozialen Status auszubauen?

Wie dem auch sei: Lass mich heute bitte ausnahmsweise mal den Spielverderber spielen. Denn während alle darüber sprechen, dass jeder anfangen sollte, zu programmieren, mache ich mir in letzter Zeit eher Gedanken darüber, wie es eigentlich ist, wenn jemand mit dem Programmieren aufhört.

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Vom Programmieren kommst du nicht mehr los

Berufliche Software-Entwicklung ist eigentlich wie rauchen: Meistens fängst du heimlich und abgeschieden damit an, hier und da mal ein bisschen „Hello World“ zu schreiben – weil es cool ist. Alle coolen anderen Kinder machen es schließlich auch. Dann wirst du irgendwann abhängig davon. Du programmierst heimlich am Computer deiner Eltern, bis du ihren Schlüssel im Hausflur klimpern hörst. Stehst nachts, wenn alle schlafen, nochmal auf, um im Internet ein paar Bibliotheken mit dem Modem zu laden. Dieses Programmieren ist das Risiko, erwischt zu werden, jedes Mal wieder aufs Neue wert. Du nutzt jede freie Minute dafür, bis es ein so wichtiger Teil deines Lebens geworden ist, dass du sogar deinen Freunden absagst, damit du zu Hause in Ruhe programmieren kannst.

Es hat sich schon so mancher Mensch den eigentlichen Genuss und Spaß am Coden kaputt gemacht.

Wenn du diese Kolumne liest, ist die Chance ziemlich hoch, dass Programmieren sogar zu deiner Hauptbeschäftigung geworden ist. Später, nach zehn bis 15 Jahren beruflichem Ketten-Programmieren, hat sich schon so mancher Mensch den eigentlichen Genuss und Spaß am Coden kaputt gemacht. Dann stehst du irgendwann mit Augenringen und schlechter Haut, kaffeesaufenderweise vor Schüler-Praktikanten und rätst ihnen: „Fangt besser erst gar nicht damit an, das macht süchtig und ist außerdem ungesund. Da kommt ihr nicht wieder von weg.” Es gefällt dir nicht mehr, aber du machst es, weil es das einzige ist, was du bisher jemals gemacht hast. Du bist eben ein Codemonkey.

Ich werde dieses Jahr 34 und programmiere dann seit fast 20 Jahren. Das ist mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens! Davon habe ich 17 Jahre vor allem beruflich in der Branche verbracht. Was für mich heute definitiv anders ist als früher, ist dass ich immer weniger Menschen treffe, die ähnlich lange in diesem Feld unterwegs sind.

Dabei werden es umgekehrt allerdings deutlich mehr, die mit mir offen über ihr persönliches „Software-Leid” sprechen. Sie scheinen aus verschiedenen Gründen nicht mehr glücklich mit ihrer beruflichen Entscheidung zu sein. Wollen sich beruflich neu orientieren. Die Lehrer-Laufbahn lohne sich jetzt auch nicht mehr, denn für die Beamtung auf Lebenszeit seien Sie jetzt zu alt. Wollen jetzt lieber in die Bäckerei, Landschaftsgärtnerei oder sogar bei der Müllabfuhr arbeiten. Einfach um etwas zu machen, das einen wirklich sichtbaren Beitrag leisten würde. Nicht bloß die beste Checkbox für alle 45 mobilen Geräte und 55 Viewports bauen: „Nach spätestens 1,5 Jahren fragt da sowieso niemand mehr nach. Dafür stecke ich jedes Mal wieder aufs Neue mein gesamtes Herzblut rein? Welchen Sinn hat das denn bitte schön?”

So schnell kommt man aus der beruflichen Software-Entwicklung gar nicht mehr raus.

Doch allesamt scheinen dabei eine ähnliche Herausforderung zu teilen: So schnell kommen sie aus der beruflichen Software-Entwicklung gar nicht mehr raus. Finanziell wegen Haus und Familie oder einfach nur, weil die meisten von uns ihr Leben lang nicht viel anderes gelernt oder gemacht haben, als zu programmieren. So lange schon, dass sie sich nichts anderes mehr vorstellen können.

In die Führung gehen

Der uns allen hoffentlich bestens bekannte Robert “Uncle Bob” Martin hat vor kurzem einen äußerst spannenden Talk über die aktuelle und zukünftige Entwicklung der Software Branche gehalten:

Darin stellt er offen die Frage, wann und wer der erste Programmierer war, um daraufhin die vermutliche Wachstumsrate zu überschlagen, mit der unsere Branche Zuwachs durch neue, unerfahrenere Software entwickelnde Menschen erhält. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Anzahl der Programmierer/innen weltweit sich in etwa alle fünf Jahre verdoppelt.

Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass wir auf jeden Fall auch im Bereich der Führungspositionen und bei den „Meta-Problemlösern” wie beispielsweise Scrum-Moderatoren ordentlich aufstocken müssten. Sprich es könnte durchaus spannend werden, dass Nerds wie du und ich uns in der kommenden Zeit vor allem in Bereichen weiterbilden, in denen man uns normalerweise starke Schwächen nachsagt. Dazu gehört etwa der Umgang mit anderen Menschen, in der Kommunikation und in wirtschaftlichem Handeln.

Die Anzahl der Programmierer/innen weltweit verdoppelt sich in etwa alle fünf Jahre.

Solltest du also den Weg in die Führung in Erwägung ziehen, brauchst du dir meiner Meinung nach keine besonders großen Sorgen zu machen. Zum einen sind wir Teil der Coding-Horde und verstehen ihre Motivationen, Wünsche und Bedürfnisse viel besser als es Menschen, die niemals programmiert haben, jemals tun könnten.

Zum anderen haben wir bereits eines der eher als schwierig geltenden Handwerke erlernt – und teilweise sogar naturwissenschaftlich angelehnt studiert! Was du nämlich bisher vielleicht noch nicht wusstest, ist, dass es insbesondere im Tech-Start-Up-Bereich heißt: Es sei einfacher, einem Nerd Business beizubringen, als einem BWLer die Nerdsachen. Die jahrelange Erfahrung von der Code-Front wird dir jedenfalls so schnell niemand über Nacht wegnehmen können.

Und wo ich gerade schon mal beim massenweisen Zuwachs neuer Entwickler/innen bin: Irgendjemand muss sich doch schließlich darum kümmern, dass die alle auch wirklich gut geschult sind, richtig? Wie schaut es also damit aus, dass du dich in deiner Firma als Ausbilder für den internen Weiterbildungs- und Werksunterricht aufstellen lässt? Wenn du kein Problem damit hast, zu reisen und vor anderen Menschen zu sprechen, könnte sich außerdem ein Karrierewechsel in das Trainer-Wesen als spannend herausstellen.

Du bist nicht dein Beruf

Fun Fact: Bei einem meiner letzten Bewerbungsgespräche vor meiner Selbständigkeit bei einem IT Dienstleister eines großen Konzerns saßen dort als Verantwortliche für die Software-Entwicklung ein Sprach-Philosoph und ein Bau-Architekt. Spätestens seitdem erinnere ich mich regelmäßig daran, dass man nicht zwangsweise auf seine eigentliche Ausbildung beschränkt bleiben muss. Dahingehend ist die Wirtschaft relativ dankbar: Wenn du etwas kannst, kannst du es eben – Vertrieb, Marketing, Design, Kochen, Tischlern, was auch immer. Berufe mit sinnvollen Einstiegshürden wie Kinderherz-Chirurg oder Rechtsanwalt sind hierbei selbstverständlich ausgeschlossen.

Generell gilt gerade für Jobs in Konzernen sicherlich, dass wenn du ein Studium absolviert hast, du schon mal per se in einer gewissen, komfortablen Situation bist. Manche Unternehmen vergeben gerade die weniger fachlichen/technischen Rollen vorzugsweise an Menschen mit einem abgeschlossenen Studium jeglicher Art. Wie im vorangegangenen Beispiel ersichtlich, scheint die tatsächliche Fachrichtung dabei jedoch weniger wichtig zu sein.

Warum also nicht auch mal etwas Anderes aus deiner Palette zu barer Münze machen?

Was ich damit sagen möchte ist: Bloß weil du jetzt vielleicht zehn oder 20 Jahre lang Software entwickelt hast, heißt das noch lange nicht, dass du in dieser Rolle weitere zehn bis 20 Jahre bleiben musst. Du bist in erster Linie ein Mensch, und Menschen können eben unterschiedliche Dinge. Mit manchen davon kann man dann sogar den eigenen Lebensunterhalt bestreiten. Warum also nicht auch mal etwas Anderes aus deiner Palette zu barer Münze machen? Etwas, das du bisher noch nicht zum Einsatz bringen konntest?

Normalerweise liest du an Stellen wie dieser sowas wie: „Folge deiner Leidenschaft, denn du bist gut in Dingen, die dir Spaß machen.” Das ist sicherlich eine Überzeugung. Solange du damit deinem persönlichen Bedürfnis nach genug verdienen kannst, klingt das in Ordnung. Ansonsten gibt es nämlich noch die andere Fraktion, die sagt: „Folge den Dingen, die du gut kannst. Denn was du gut kannst, führt dazu, dass du es gut ausführst.” Logischerweise gilt: Was du gut ausführst, wird seitens Dritter mit positivem Feedback und oftmals auch durch Geld belohnt, womit wiederum dein persönlicher Erfolgskreislauf von vorne starten kann.

Jetzt schon mal an später denken

Eine Programmiersprache gilt als ausgereift, sobald man in der Sprache selbst einen Compiler für diese Sprache schreiben kann. Es könnte meiner Meinung nach mittlerweile nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir den gleichen Maßstab auf Programme selbst anwenden werden. Sprich, dass wir Programme schaffen, die von sich aus weitere Programme schaffen werden. Wie komme ich darauf? Zum einen hat Google dieses Jahr genau sowas in sehr kleinem Maßstab bereits gemacht.

Zum anderen schaue ich als außenstehender Beobachter amüsiert dabei zu, wie die Kollegen aus dem Feld des Deep Learnings aus Bestandsdaten unterschiedlichste, jedoch gänzlich neue Medien synthetisieren – beispielsweise aus einem riesen Katzenbild-Datenbestand gänzlich neue, zuvor ungesehene Katzenbilder zu rendern. Zugegeben funktioniert das Ganze noch nicht wirklich 100% überzeugend, doch die Tendenz ist zu erkennen. Den Rest muss die Zeit und der stetige Fortschritt übernehmen.

Jetzt lass dich bitte mal auf folgendes, derzeitig noch völlig unrealistisches Zukunftsszenario ein. Stell dir bitte mal vor, jemand schafft es, nahezu sämtliche Code-Repositories dieser Welt nach Problemklassen zu kategorisieren und daraus neuen, zuvor nie gesehenen Programmcode zu synthetisieren. Was denkst du, wie wird es um unser beider Jobs dann wohl stehen?

Wann genau das wohl sein wird und ob es meine und deine Generation noch betreffen wird, ist ehrlich gesagt erstmal noch dahingestellt. Ich halte es dennoch für eine gute Gelegenheit, mal über deine berufliche Zukunft nachzudenken. Eines der folgenden Dinge wird nämlich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit früher oder später in deiner Karriere eintreten: Jüngere Menschen werden dich technologisch abhängen, andere Menschen oder Computer kostengünstiger programmieren oder du irgendwann von den treibenden Anforderungen, der technologischen Branche ermüdet sein.

Wenn du und ich uns vielleicht heute auch schon mal eine alternative Strategie überlegen, ist das sicherlich eine gute Idee. Also: Weiterbilden? Aufsteigen? Ganz andere Wege einschlagen? Ich bin gespannt wie du dich entscheidest und ob wir auch in zehn Jahren noch voneinander lesen werden!

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