Alljährliche Grüße vom Skynet

Tech-Trends 2017 – und warum Gartner sich irrt
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Das letzte Jahr war geprägt von selbstfahrenden Autos, Chatbots und kybernetischen Prothesen. Die Tech-Branche auf der ganzen Welt zerbricht sich den Kopf über die Frage, was in den nächsten 12 Monaten wohl geschehen mag. Das alljährliche Gartner Symposium IT/xpo war dementsprechend ausverkauft.

Tech-Trends 2017 – was könnte uns gegen Jahresende mehr beschäftigen? David Cearley, Vice-President von Gartner,  hat die 10 wichtigsten Tech-Trends für 2017 vorhergesagt.

Tech-Trends 2017

Strategisch wichtige Trends sind Cearley zufolge solche, die substantielles Einschlagspotential besitzen und sich grade erst aus einem Anfangszustand zu einer breiten Nutzung weiterentwickeln – oder rapide wachsende Trends mit einem Höhepunkt in den nächsten fünf Jahren. Gartners Analyse schlägt die üblichen Wellen in den IT-Blogs und Technikseiten. Doch erst zu Cearleys zehn Tech-Trends 2017, dann zur Kritik.

Künstliche Intelligenz (KI) und Advanced Machine Learning (AML, also erweitertes maschinelles Lernen) stehen an erster Stelle. Damit ist das Bündel aus Techniken wie Deep Learning, Neurale Netzwerke und Natural-Language Processing (NLP) gemeint. Durch die gleichzeitige Verfügbarkeit von hoher Rechenkraft, Big Data und fortgeschrittenen Algorithmen, wird laut Gartner einen Quantensprung in der KI ermöglicht.

… dazu gehören ferner auch die Intelligenten Apps. Diese werden in zwei Gruppen unterteilt: Virtual Personal Assistants, die VPAs, sollen alltägliche Aufgaben übernehmen, wie etwa E-Mails nach Wichtigkeit sortieren. Die andere Gruppe, die VCAs, sind als Verkaufsassistenten und Assistenten im Kundenservice angedacht. Cearley beschwört, dass in den nächsten zehn Jahren jede App einen gewissen grad an KI erreichen wird.

KI und AML werden auch als Maschinen mit intelligentem Verhalten glänzen und ermöglichen revolutionäre Interaktionen mit Mensch und Umwelt. Herumschwirrende Drohnen, selbstfahrende Autos und Smart Appliances werden immer leistungsfähiger. Was Cearsley zusätzlich erwartet, sind kollaborierende Schwärme denkender Maschinen.

Das andere große Paradigma ist immersive Technologie. Sie wird sowohl zwischenmenschliche und als auch Mensch-Computer-Interaktionen verändern: Bis 2021 soll es ein nahtloses Netz für Interaktionen geben, an die eigenen Bedürfnisse anpassbar. Dank IoT und sensorbestückten Umgebungen, sollen ganze Räume zur digitalen Welt werden.

Unter einem Digital Twin versteht man ein dynamisches Softwaremodell von physischen Dingen, die mittels Sensoren Zustände, Zustandsänderungen und andere Werte interpretiert. In den nächsten fünf Jahren wird es hunderte Millionen Dinge geben, die mit einem DT ausgestattet werden. Dies spielt besonders in der Wirtschaft eine Rolle, etwa für Lager- und Produktionsplanung. Cearsley zufolge ist ein Kulturwandel notwendig, damit konventionelle Techniker und IT-Kräfte hier gewinnbringend zusammenarbeiten.

Bitcoin und ähnliche Techniken werden ihren marginalen Status verlieren und die zugrundeliegende Techniken werden wichtiger: Blockchains sind ein Typus von dezentral und öffentlich geteilten Kontobüchern (Distributed Ledgers). Was sich noch auf finanzielle Dienste beschränkt, wird sich auf andere Sektoren, wie Musik oder Grundstücke und Immobilien, ausweiten.

Selbst das kurze Gedächtnis des Internets hat Microsofts „Erfolgsgeschichte“ mit dem Chatbot noch nicht vergessen. Trotzdem, Konversations-Systeme sind ein weiterer Trend: Neben dann eventuell intelligenten Chatbots geht es um Sprachsteuerung wie SIRI und Cortana, für alle möglichen Geräte. Cearley erwartet, dass auch Firmen und Regierungsinstitutionen mittels solcher Systeme zukünftig erreichbar werden.

Mesh Apps and Service Architektur, oder auch MASA, sind ein Verbund von Backend-Darstellungen, die sich dem User als App präsentieren, also ein breitmaschiges Netz aus Apps, Dingen im IoT und Vehikeln. Services werden verkapselt und APIs vielfältig zugreifbar, auch über die Grenzen von Organisationen hinweg. Das ganze soll auf einer Balance aus Skalierbarkeit, Agilität und Service-Reuse basieren. So soll die Erfahrung beim Wechsel von Laptop zum Smartphone zum Autofahren nicht unterbrochen werden.

Für Gartner gibt es genau fünf Scheitelpunkte: Informationssysteme, Customer Experience, Analytics und Intelligenz, das IoT und Wirtschafts-Ökosysteme. Jede Organisation wird einen Mix der fünf haben. Die Plattformen sind die Bausteine, um sich als digitales Unternehmen behaupten zu können.

Digitale Meshs verlangen immer komplexere Sicherheitsarchitekturen. IoTs müssen ausgehend von bisherigen Sicherheitstechnologien gesichert werden. Die offenen Flanken sollten mit neuen Tools und Prozessen in die IOT-Plattformen eingewoben werden.

Warum sich Gartner irrt

Alle Geräte werden zum Teil des Netz, alle Geräte werden zu einem. Ich bin das iPhone, die Google Brille, das sprechende Auto. Cearley malt in den Tech-Trends 2017 eine hypermoderne Welt. Er träumt von so einer dicht gewebten Mesh, dass manch einer an Skynet denkt. Vielleicht aber sind die Vorhersagen auch Fehlprophezeiungen. Es sind viele große Worte und viele Langzeitprojekte, die noch lange an Kinderkrankheiten leiden werden.

Viel heiße Luft

Die großen Schlagworte, KI, AML, intelligente Apps und Devices begleiten die IT seit ein paar Jahren, und inzwischen sind ein paar durchaus reife Ergebnisse dabei entstanden, wie beispielsweise Googles TensorFlow. Und genau nächstes Jahr kommt der ganz große Sprung?

Die digitalen Technologieplattformen sind z.B. fünf derart allgemeine Schlagworte, dass man auch einfach sagen könnte, jedes Unternehmen muss versuchen, auf möglichst viele wichtige digitale Trends aufzuspringen.

Digital Twins werden in allen Unternehmen an logistischen und neuralgischen Punkten Hilfe leisten. Der umfassende und effektive Einsatz solcher Netze scheitert bisher allerdings nicht daran, dass überall zu wenig Big Data hereinströmt. Die Masse an Daten ist bereits da, wird jedoch kaum verwertet. Vielmehr sind  produktionstechnisch grundsätzliche Mängel in den Old Economy Werken zu beklagen, sodass Gartners Kulturwandel – die bessere Kommunikation zwischen ITlern und Old-Economy-Technikern und -Logistikern –, das geringste Problem ist.

Gartner redet immer vom dichten Netz und der ununterbrochenen Immersion. In der Realität stehen  die Zeichen aber auf Abschottung der Konsortien. Tesla hat jüngst untersagt, seine selbstfahrenden Autos mit Ubers App zu benutzen – die Zeichen stehen auf Abschottung der Konsortien. Statt überfällige Grundlagen zu einzuüben, werden Utopien anvisiert.

2017 passiert nichts (außer einer Gartner-Konferenz über 2018)

Cearsleys Vorhersagen stimmen mit denen von Gartner von 2016 überein, abzüglich der 3D-Drucker. Das methodische Grundproblem Problem von Gartners Analyse wird so unterstrichen: Es sind einerseits Investitions-Strategien für Unternehmen für 2017, gleichzeitig aber sehr langfristige Paradigmen. Zahlreiche Ideen werden erst viele Jahre später die beschworene Autonomie und Wichtigkeit erreichen, und dass Unternehmen genau nächstes Jahr alles dort hineinwerfen müssen, ist eine reißerische Empfehlung.

Andere Punkte von Gartner sind schlicht nichts Neues: Konversations-Systeme, die auch Zugriff auf Sensoren haben, können die Kurzweiligkeit von Gimmicks vermindern, sind aber keine Revolution. MASA wird ein sehr langfristiges Projekt bleiben.

Auch der Vorschlag für eine AR, die etwa Strom- oder Wasserleitungen in Wänden sichtbar macht, wird nur in Neubauten nützlich sein. Es bleibt fraglich, ob und wo alte Gebäude und Renovierungen mit ihren Myriaden von Leitungen, die die Mehrzahl ausmachen, davon profitieren.

Gartner Hype Cycle 2016

Virtual Reality – auch 2016 auf dem aufsteigenden Ast. © Gartner

Die Kosten sind schlicht sehr hoch. In der Energiewende macht sich beispielsweise die Einsicht breit, dass die meisten Gebäude erst einmal mit komplett neuen Netzen ausgestattet werden müssen – teure strukturelle Probleme, statt digitaler Wunderlösungen.

Sicherheitstechnik existiert nicht

Ob intelligentes Heim oder Büro, es wird alles weniger bunt und digital, als Gartner erhofft. Das intelligente Mischmasch wird durch Sicherheit aber nicht nur verzögert.

Es ist auf viele Jahre nicht absehbar, wie exponierte APIs und wild kommunizierende Smart Appliances jemals abgesichert werden können. Die Netze und Devices brauchen starke Sicherheitstechnik und werden dadurch enorm gelähmt und beschränkt.

Gartner hat ohne Zweifel Recht, dass Sicherheits- und Verantwortungsfragen die Entwicklung von Smart Appliances ausbremsen werden, bezeichnet sie aber irreführenderweise als „nontechnical-issues“.  Richtig ist: Nur wenn der hohe finanzielle Aufwand nicht gescheut wird, um intelligente Medizintechnik sicher zu machen, wird sie eine goldene Zukunft haben. Sicherheitstechnik muss letztlich marktkonform realisierbar sein – eine technische Aufgabe.

tl;dr

Dieses utopische Bild der Zukunft in den Tech-Trends 2017 entlarvt sich als jenes, das bereits die 1950er von der Zukunft hatten: Einmalanzüge und Kapselwohnungen. So unrealistisch wie wenig wünschenswert. Es ist viel Pathos und Altbekanntes, wenig handfestes Neues.

Gartner bleibt ein Institut, dass seine Wichtigkeit verkaufen will. Und Unternehmen zu erzählen, dass sie jetzt alles investieren müssen, um nicht abgehängt zu werden, war schon immer das probateste Mittel. Gartner „verkauft“ sein „IT Wissen“.

Heiße Luft. Auch Teil sechs der Terminator-Reihe ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

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