Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Carola Lilienthal

Women in Tech – „Frauen werden durch das Nerd-Image von Informatik abgeschreckt“
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Frauen sind in der IT weiterhin die Ausnahme. Nur 15 Prozent Frauen arbeiten in IT-Berufen. Der Anteil weiblicher CIOs und CTOs in Deutschland ist noch geringer. Dass es auch anders geht, soll unsere Artikelserie „Women in Tech“ beweisen. Darin stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Den Anfang macht Carola Lilienthal, Senior-Softwarearchitektin und Mitglied der Geschäftsleitung der WPS.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Trotzdem: Der Weg in die IT-Branche ist für Frauen weiterhin ein schwieriges Unterfangen, das zu selten von dauerhaftem Erfolg gekrönt ist. Frauen repräsentieren zwar die Hälfte der weltweiten Arbeitskraft, doch nur jede vierte Stelle in der IT ist mit einer Frau besetzt. Gerade im MINT-Bereich zeichnet sich ein erschreckendes Bild ab: Nur 15 Prozent aller Frauen fassen nach ihrem Abschluss in einem entsprechenden Beruf Fuß. Doch woran liegt das?

Sicher nicht an schlechterer Bildung von Frauen: Wie eine Studie des World Economic Forum belegt, ist der Gender Gap in diesem Bereich zu 95 Prozent geschlossen. Doch was positiv und optimistisch klingt, findet leider keine Entsprechung auf dem Arbeitsmarkt: Weltweit befinden sich insgesamt nur 13,6 Prozent Frauen in einer Führungsposition eines Technologieunternehmens. In Deutschland wurden 2015 laut einer Studie von Bitkom und Kienbaum Management sogar nur acht Prozent der Führungspositionen in der IT von Frauen gehalten, die dann in der Regel 30 bis 40 Prozent weniger verdienen.

Mehr Diversity in der Tech-Branche

Doch wie kann man das ändern? Eine Frauenquote einführen? Die Familienpolitik grundlegend ändern? Auf jeden Fall sollte die Diversity-Debatte geführt werden, denn nur so besteht die Chance, dass sich etwas ändert. Im Zuge der Digitalen Transformation ist gerade der Technologie-Sektor zukunftsweisend und deshalb ist Diversity dort besonders wichtig.

Aus diesem Grund wollen wir ab sofort spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Den Anfang macht Carola Lilienthal, Senior-Softwarearchitektin und Mitglied der Geschäftsleitung der WPS – Workplace Solutions GmbH in Hamburg. Sie hat an der Universität Hamburg studiert und dort zum Thema „Komplexität von Softwarearchitekturen“ promoviert. Seit 2003 analysiert sie im Auftrag ihrer Kunden regelmäßig die Architektur von Softwaresystemen und fasst das Ergebnis in Qualitätsgutachten sowie mit priorisierten Refactoring-Maßnahmen zusammen.

Carola Lilienthal

Unsere Woman in Tech: Carola Lilienthal

Carola kam bereits recht früh mit Technik in Kontakt:

Mich haben Computer bereits als junges Mädchen fasziniert. Als mein Vater 1983 einen Commodore C64 kaufte, war ich es, die ihn ausprobiert und Basic-Programme darauf geschrieben hat. Dazu brauchte ich den Fernseher als Monitor, was meinen Brüdern überhaupt nicht gut gefallen hat.

Zudem gab es an meiner Schule einen sehr engagierten Lehrer, Dr. Zacharias, der dafür gesorgt hat, dass wir um 1984 herum, als ich in die Oberstufe kam, einen Computerraum mit Apple-IIe-Computern bekamen. Da meine Schule damals eine reine Mädchenschule war, war der Computerraum meist leer und ich konnte meine Erfahrungen mit Computern auszubauen. Ich musste dazu nicht die Ablehnung einer Gruppe von jungen Männern überwinden, die sich auf gemischten Schulen die Computer sicherlich schon lange zu Eigen gemacht hätten. Unser Lehrer hat für uns dann Computerkurse durchgeführt, wo wir in Pascal programmiert haben. Das hat mir sehr geholfen, mein Interesse zu vertiefen.

Diesen einmal eingeschlagenen Weg hat Carola dann auch nicht verlassen – mit einer Ausnahme: Nach dem Abitur 1986 wollte sie eigentlich Informatik auf Lehramt studieren, aber dieses Studienfach gab es noch nicht.

Meine Eltern haben mir dann dazu geraten, erst einmal eine Banklehre zu machen. 1988 habe ich angefangen, Informatik zu studieren und 1995 mein Diplom gemacht. Währenddessen hat mich meine Doktormutter Prof. Christiane Floyd sehr unterstützt und gefördert.

„Frauen halten sich häufig nicht für gut genug.“

Denn als ich Mutter wurde, habe ich die Universität nach drei Jahren Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin ohne Doktortitel verlassen – Professor Floyd hat mich zurückgeholt und war mir mit ihrem Wissen stets ein Vorbild. Mit der anschließenden Arbeit als IT-Beraterin und Softwarearchitektin konnte ich mein Hobby zum Beruf machen und arbeite heute in einer Firma, die von Professor Heinz Züllighoven, dem Betreuer meiner Diplomarbeit, gegründet wurde.

Auf weitere Probleme ist Carola glücklicherweise nicht gestoßen, einzig die Skepsis vieler Männer machte ihr zu schaffen. Kann eine Frau denn überhaupt programmieren und komplexe Architekturen verstehen? Ja, sie kann. Mittlerweile blickt Carola auf über 20 Jahre Erfahrung zurück und ist zusammen mit zwei Männern Geschäftsführerin der WPS – Workplace Solutions.

In dieser Position habe ich viele verschiedene Aufgaben: Bin ich in unserem Büro in Hamburg, spreche ich sehr viel mit den Mitarbeitern und versuche Themen in Diskussion und durch Entscheidungen voranzubringen. Immer wieder bin ich auch bei Kunden und mache Architekturanalysen – mein Lieblingsthema über das ich auch ein Buch geschrieben habe. Außerdem bin ich auf Konferenzen unterwegs, wo ich Vorträge halte, um unsere Expertise in Architekturanalyse und Individualsoftwareentwicklung bekannt zu machen.

Das Problem der mangelnden Diversität in der Tech-Branche ist aber auch heute noch präsent. Woran das liegt?

Viele Frauen denken, dass Informatik genauso abstrakt wie Physik oder Mathematik sei. Deshalb probieren sie dieses Fach erst gar nicht aus. Ich glaube, viele junge Frauen trauen es sich außerdem nicht zu, in die Tech-Branche zu gehen. Frauen haben generell eine eher vorsichtige Meinung zu ihren Talenten und halten sich häufig nicht für gut genug. Noch dazu ist vielen Frauen unklar, wie kommunikativ und kooperativ die Arbeit von Informatikerinnen heute eigentlich ist. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass Software von einzelnen Personen alleine entwickelt wird. Da ist eine Disziplin wie die Informatik, die noch dazu mit einem Nerd-Image daherkommt, nicht interessant.

Außerdem wird man als Frau nicht so ernst genommen wie als Mann. Aber dieses Problem gibt es, meiner Einschätzung nach, in allen Berufen. In der Informatik fällt es nur besonders auf, weil die Anzahl der Frauen so gering ist. Als ich jünger war, wurde ich öfter für die Assistentin oder Sekretärin meiner Informatik-Kollegen gehalten. Das verunsichert Frauen am Anfang sehr.

Carola plädiert aber nicht ausschließlich für mehr Frauen in der Tech-Branche, sondern sieht das Ganze etwas gelassener:

Ich finde es grundsätzlich gut, wenn jede und jeder seine Talente entfalten kann. Durch das Image der Informatik werden entsprechend talentierte Frauen aber abgeschreckt. Und das ist das Problem. Außerdem geben Frauen natürlich jedem Team, jeder Gruppe und jeder Firma eine andere Note als wenn man weitestgehend mit Männern zusammenarbeitet. Genauso, wie Grundschulen gerne männliche Grundschullehrer akquirieren wollen, wollen Informatikfirmen wegen der Diversifikation mehr Frauen einstellen.

Informatik mit seinem Nerd-Image ist für Frauen oft nicht interessant.

Allerdings steigt der Anteil der Frauen sehr langsam. Wir werden noch lange mit der Diversity-Debatte leben müssen. Wenn in 20 Jahren tatsächlich die Computer selbst programmieren und wir sie nur noch trainieren und kontrollieren, wird diese Debatte sowieso Geschichte sein.

Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten, gibt Carola einige Tipps mit auf den Weg:

Wenn man gerne knobelt und gleichzeitig mag, dass man sofort sieht, ob die Lösungsidee sinnvoll war, dann sollte frau unbedingt darüber nachdenken, ob sie Informatik studieren will. Informatik ist in allen Branchen zu Hause. Man hat immer einen fachlichen Bezug, für den man Software schreibt. So kann man viele verschiedene Gebiete kennenlernen und auch dort seine eigene Spezialisierung finden.

Besonders gut ist es, wenn junge Frauen sich ältere Frauen als Mentorinnen suchen. Frau kann sich bei erfahrenen Frauen viel abschauen und das ist sehr hilfreich. Und eben auch ganz weibliche Fragen unter Frauen klären. Das brauchen Frauen immer wieder dringend!


Wie sind eure Erfahrungen als Frauen in der Tech-Branche? Und wie seht ihr Männer das – fehlen euch qualifizierte Frauen als Kollegen? Schickt uns eure Erfahrungen, Meinungen, Wünsche per Mail an redaktion@entwickler.de!

Women in Tech

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