Haptisches Device gegen soziale Isolation

Lorm Glove – Smartes Kommunikationsgerät für Taubblinde
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Menschen, die weder sehen noch hören können, verständigen sich mit dem Lorm-Alphabet. Dabei wird Druck auf bestimmte Punkte an Fingern oder Handpartien ausgeübt, die einzelnen Buchstaben zugeordnet sind. Dazu ist direkter Körperkontakt nötig und nur sehr wenige Menschen beherrschen diese Sprache. Deswegen leben Taubblinde meist sozial isoliert. Der Lorm Glove soll das ändern.

Gehört Ihr auch zu den Personen, die ständig mit Freunden via Smartphone chatten oder quatschen? Ja? Und seid Ihr euch dabei auch eurer eingesetzten Sinne bewusst – dem Sehen und Hören? Nein? Das habe ich mir gedacht.

Für taubblinde Menschen jedoch sind solche Aktivitäten quasi unmöglich – bis jetzt. Denn das Berliner Design Research Lab hat unter Leitung von Tom Bieling und Gesche Joost ein haptisches Device entwickelt, das eine wechselseitige Multi-Plattform-Kommunikation ermöglicht: den Lorm Glove.

Kommunikation für Taubblinde

Taubblinde nutzen zur Kommunikation das Lorm-Alphabet. Dabei tastet der „Sprechende“ auf der Handinnenfläche des „Lesenden“. Einzelnen Fingern sowie bestimmten Handpartien sind bestimmte Buchstaben zugeordnet. Dieses Prinzip hat sich der Lorm Glove zunutze gemacht.


entwickler.de: Tom, wie seid ihr auf die Idee zum Lorm Glove gekommen?

Tom Bieling: Das Projekt, das gemeinsam mit Tiago Martins, Ulrike Gollner und unserem Team vorangetrieben wurde, ist eingebettet in ein größeres Forschungsfeld, in dem ich mich schon länger mit den Zusammenhängen von Technologiegestaltung und Behinderung beschäftige. Im Rahmen meiner Forschung arbeite ich mit ganz unterschiedlichen Menschen und Institutionen zusammen, die im weitesten Sinne mit dem Thema „Behinderung“ assoziiert sind. Als ich irgendwann vom Betreuer eines Taubblinden die Anfrage bekam, an einem unserer Workshops teilzunehmen, wurde ich hellhörig: „Taubblind? Wie können wir denn dann mit dem kommunizieren?“ So kam alles ins Rollen, und wir arbeiten seitdem sehr viel mit „Betroffenen“ zusammen.


Generell stand für die Entwickler dabei nicht nur die Frage im Zentrum, was sie für Taubblinde tun können, sondern besonders die Frage, was man von Taubblinden lernen kann. „Und zwar in Bezug darauf, wie Kommunikation und Interaktion – und somit auch deren technische Gestaltung – auch auf andere Weise funktionieren können, als es die meisten von uns gewohnt sind,“ erklärt Tom Bieling.

Beim Lorm Glove handelt es sich um ein Kommunikationsgerät in Form eines Handschuhs, mit dem sich das Lorm-Alphabet in digitalen Text übersetzen lässt. Umgekehrt funktioniert das Ganze natürlich auch. Durch am Handschuh angebrachte textile Drucksensoren ist es möglich, Textnachrichten zu erstellen, die sich automatisch an gekoppelte Devices per SMS, E-Mail oder Sprachnachricht verschicken lassen. Eingehende Nachrichten werden durch vibrotaktiles Feedback mittels kleiner Motoren auf dem Lorm Glove wiedergegeben. Um Fehler zu vermeiden, läuft zusätzlich eine Mustererkennung im Hintergrund: Wird zum Beispiel fälschlicherweise ein Dreieck oder Quadrat geschrieben, erkennt der Handschuh die einzig mögliche Übersetzung als Kreis, der für den Buchstaben S steht.

Auf diese Weise wird das Chatten mit anderen, das Empfangen von Nachrichten oder sogar das „Hören“ von Hörbüchern möglich. Dank des Lorm Gloves ist nicht länger zwingend eine Anwesenheit des Gesprächspartners nötig – auch eine Kommunikation mit mehreren Personen gleichzeitig ist so möglich. Taubblinden erschließen sich so einfacher bislang schwer zugängliche Informationen und Kontakt zu anderen lässt sich leichter herstellen.

Most of us take for granted the digital revolution and the amazing new connections it has offered. For those constrained by a barrier of unseen sights and unheard sounds, it was once unexplored territory – but with the Lorm glove, they might just have that world in the palm of their hands.

Aktuell wird der Ausbau einer direkten Sprachein- und ausgabe vorangetrieben, sodass auch alltägliche Kontakte – beispielsweise beim Kauf einer Busfahrkarte – wesentlich erleichtert werden.


entwickler.de: Kann der Lorm Glove zur Inklusion und somit zu einem selbstbestimmteren Leben beitragen?

Tom Bieling: Der Handschuh erleichtert es, autonom darüber zu entscheiden, wann, wo und mit wem ich als Taubblinder kommuniziere – selbst mit Leuten, die des Lorm-Alphabets nicht mächtig sind. Für den Alltag kann das z. B. bedeuten, dass der Sohn mit der Mutter in Kontakt bleiben kann, selbst wenn diese gerade unterwegs ist. Oder dass man mit Menschen kommuniziert, mit denen das vorher gar nicht möglich war. Auch das Beispiel Privat- bzw. Intimsphäre ist von Bedeutung: Es ist schon ein Unterschied, ob ich mit einer Person allein kommuniziere, oder ob ich jemanden benötige, der für mich übersetzt. Grundlegend für ein selbstbestimmteres Leben ist es aber auch, selbst darüber zu entscheiden, wo ich mir welche Informationen beschaffe. Oder wo ich bestimmte Nachrichten verbreite. Dadurch, dass ich mit einem solchen Handschuh selber aufs Netz zugreifen kann, verfüge ich über ein größeres Spektrum an Informationsbeschaffung und habe auch mehr Möglichkeiten zur Teilhabe (z. B. über Diskussionsforen, soziale Netzwerke o. ä.).

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entwickler.de: Ist es möglich, dass auch von Geburt an taubblinde Menschen das Lorm-Alphabet lernen?

Tom Bieling: Auch Menschen, die von Geburt an taubblind sind, können das Lorm-Alphabet lernen. Deutlich einfacher ist es natürlich für Menschen mit sogenannter spät erworbener Taubblindheit – also Menschen, die schon mal eine Laut- und/oder Schriftsprache benutzt haben und die somit über ein Referenz-System verfügen. Das heißt für Menschen, die wissen, was bestimmte Wörter und Buchstaben überhaupt bedeuten.


Der Lorm Glove kann Taubblinden also zu einem sozial aktiveren Leben verhelfen und uns alle ein Stück offener machen. Alles, was es dazu braucht, sind der Handschuh und ein Smartphone. Wie der Lorm Glove und die zugehörige Lorm Hand in Aktion aussehen, zeigen folgende Videos:

Tom Bieling

Designforscher, Interaction Designer und Autor, forscht, lehrt und promoviert am Design Research Lab der Berliner Universität der Künste, wo er das Forschungscluster “Social Innovation” leitet. Seit 2011 Gastprofessor an der German University in Cairo (GUC). Aktives Gründungsmitglied des Design Research Networks und Initiator von Designabilities.org. Mehr Informationen unter http://www.tombieling.com/.

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