Weltfrauen 2021: Choose To Challenge

Weltfrauentag 2021: Tech-Expertinnen diskutieren, wie man den Geschlechter-Bias angeht
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Über die Gleichstellung der Geschlechter am Arbeitsplatz wird seit Jahren gesprochen. Es wurden zwar schon einige Fortschritte gemacht, aber die Führungsspitzen sind in vielen Branchen noch weit entfernt von einer 50/50-Geschlechterparität. Mangelnde Chancengleichheit bleibt ein reales Problem für Frauen, ganz speziell im Tech-Bereich.

Wenn es darum geht, Diversität voranzutreiben, haben die Unternehmensleiter die Pflicht, unterrepräsentierten Gruppen erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken, sei es durch Neueinstellungen, Mentoring oder Beförderungen. Die aktuelle Forschung zeigt, dass eine Balance aus Männern und Frauen an der Führungsspitze die Performance verbessert und dabei hilft, psychische Gesundheit, Innovation und gedankliche Vielfalt zu schaffen. Aus diesem Grund müssen auch Männer für Diversität kämpfen, wenn sie Unternehmenswachstum anstreben. 

Das Thema des Weltfrauentags 2021 lautet #ChooseToChallenge. In diesem Artikel äußern sich Expertinnen aus den Bereichen der Softwareentwicklung, der KI, der IT in der öffentlichen Verwaltung, der Datenanalyse und der Cybersecurity darüber, wie wichtig es ist, die heutige Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Tech-Branche zu bekämpfen.

Die Bedeutung der Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Vorurteilen

Chris Fielding, CIO bei Sungard Availability Services, fühlt sich immer wieder von ihren Koleginnen inspiriert, wenn sie erwarten, angemessen behandelt werden zu werden und sich wehren, sobald das nicht der Fall ist. „Ihre Energie und Erwartungen sind ansteckend und ich habe viel von ihren Herangehensweisen gelernt“, erkärt sie. „Es gab viele Dinosaurier in der Tech-Industrie, aber in den letzten 10 Jahren wurde meiner Erfahrung nach so ein Verhalten immer weniger akzeptiert. Das liegt an den erheblichen Anstrengungen der Unternehmen, ihren Führungskräften die Augen für die Vorteile einer vielfältigen Belegschaft zu öffnen, was zu neuen Ideen und Führungsstilen führt.“

Munni Musa, Business Development Manager bei Civica hat eine ähnliche Sichtweise: „Diversität am Arbeitsplatz reduziert unbewusste Vorurteile und erschafft eine Kultur, an der Frauen teilhaben und zu der sie gehören möchten. Wir können geschlechtsspezifische Vorurteile nur dann wirklich bekämpfen, wenn wir uns unserer eigenen Vorurteile bewusst werden, uns einen Spiegel vorhalten und betrachten, wie wir mit anderen Gruppen umgehen. Unsere Rolle als Führungskräfte beinhaltet auch Kulturchampions zu sein. Wir müssen uns unserem Verhalten, unserer Sprache und unserem Handeln bewusst sein. Taten sprechen lauter als Worte und ich habe das Gefühl, dass wir das bei Civica sehr gut machen, indem wir eine Kultur der Inklusivität herstellen. Aber wir müssen alle auch weiterhin Ungleichheiten in Frage stellen und uns dafür entscheiden, Frauen in der gesamten Branche zu suchen und wertzuschätzen.“

Lisa McLin, Global VP Alliances, Channel Chief Officer und Leiterin von POWER bei Rackspace Technology betont auch, dass es wichtig ist, den Status Quo herauszuforderung. Sie sagt, dass wir uns nicht einfach zurücklehnen und auf das beste hoffen können: „Einige kleine Schritte, die ich in diese Richtung mache, beinhalten Folgendes: Ich fordere Veränderungen in Meetings ein, bei denen ich die einzige Frau bin, indem ich Kolleginnen einlade, von denen ich weiß, dass sie einen Mehrwert beisteuern können. Ich halte Unternehmensleitungen immer wieder dazu an, nicht nur eine Strategie für Diversität und Inklusion bereit zu haben, sondern auch sicherzustellen, dass sie regelmäßig evaluiert und verstärkt wird. Und ich gebe mein bestes, Personalreferenten bei der Suche nach Talenten zu unterstützen, indem ich starke Frauen vorschlage von denen ich weiß, dass sie für den nächsten Karriereschritt bereit sind.“

Die richtigen Möglichkeiten bieten

Sara Boddy, Abteilungsleiterin bei F5 Labs, ist der festen Überzeugung, dass die Chancen für Frauen in der Tech-Branche bereits in den frühesten Phasen ihrer Ausbildung und Karriere deutlich gemacht werden sollten: „Damit Technologieunternehmen Frauen stärker einbeziehen können, ist eine kontinuierliche Finanzierung von MINT-Schulen durch die Tech-Industrie sehr wichtig. Ich glaube auch, dass wir den Geschlechterunterschied überwinden können, indem wir Wege finden, coole Geschichten darüber zu erzählen, was diese Branche macht. Wir müssen die frühzeitige Einbindung auf staatlicher und lokaler Schulebene vorantreiben. Es kann eine Zeit dauern, bevor wir signifikante Unterschiede beim Ausbalancieren der Geschlechter auf allen Ebenen der Branche sehen, aber ich bin optimistisch, dass der Wandel kommt.“

Elli Barrett, Global Alliances Manager bei Natterbox, teilt die gleiche Sichtweise, dass der Wert von Technologie so früh wie möglich gelehrt werden sollte. „Es ist mir wichtig, dass andere Menschen die Möglichkeit bekommen, neben anderen Branchen und Karrieremöglichkeiten auch Technologie in einem früheren Stadium ihres Lebens kennenzulernen. Das muss bei Bildungseinrichtungen und Berufsberatungen anfangen, die den Studenten und Studentinnen angeboten wird. Wir müssen jüngeren Generationen beibringen, wie aufregend Technolgie wirklich ist. Sie treibt die Welt um uns herum und die Dinge an, mit denen wir am häufigsten am Tag interagieren: von unseren Smartphones zu kontaklosen Kreditkarten: Alles Dinge, die wir für gegeben hinnehmen.

Elcenora Martinez, VP im Produktmanagement bei Genesys glaubt, dass Chancen da sind, wenn man nach ihnen fragt: „Das ist etwas, das ich von meinem Vater gelernt habe. Er bestand darauf, dass ich mich bei der Harvard University bewerbe, als ich mich nach Colleges umgesehen habe. Ich wusste, ich würde nicht angenommen werden, aber ich habe eine wichtige Lektion gelernt. Er brachte mir bei, dass wir nur durch unsere eigenen Entscheidungen limitiert sind. Man kann es nicht wissen, bis man gefragt hat. Das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen. Aber meiner Erfahrung nach verinnerlichen Männer diese Philosophie viel leichter als Frauen. Und es macht auch einen großen Unterschied, dass in der heutigen Zeit die Unternehmen zunehmend auf Gleichberechtigung und Vielfalt setzen. Das macht es für Frauen heute viel einfacher, den Vertrauensvorschuss zu nutzen und nach einer Chance zu fragen.“

Nan Craig, Datenanalystin bei Faethm AI, glaubt, dass die Verantwortung bei den Unternehmen liegen muss, um Chancengleichheit für alle zu gewährleisten: „Im Moment wird zu viel Augenmerk darauf gelegt, dass sich Einzelpersonen anpassen und verändern. Die Hürden für den Einstieg in Technologie können niedrig sein für diejenigen, die Zeit und Ressourcen für Selbstunterricht haben. Aber Umschulungen sollten nicht allein in ihrer Verantwortung liegen. Unternehmen müssen Möglichkeiten testen, mit denen alle Angestellten essenzielle digitale Fähigkeiten erlangen können und sie in gefragteren Rollen einsetzen. Dies sollte dazu beitragen, vielfältige Teams zu schaffen, in denen auch Frauen gleichberechtigt vertreten sind und nicht nur zur technischen Innovation beitragen, sondern auch dem Unternehmen und der Gesellschaft insgesamt zugutekommen.“

Kämpferin für die Viefalt

Sheree Atchseon, Global Director für Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion bei Peakon, glaubt, dass es ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung unter Geschlechtern ist, wenn man sich die Zeit nimmt, um die Herausforderungen von unterrepräsentierten Gruppen zu verstehen: „Wenn Unternehmensführungen die Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsplatz wirklich verbessern wollen, müssen sie sich die spezifischen Herausforderungen der unterschiedlichen Gruppen an Frauen vergegenwärtigen. Wenn sie das nicht schaffen, vergeben sie die Chance auf eine echte weiterführende Dikussion. Dadurch ignorieren sie die Probleme, vor denen unzählige Frauen stehen und lassen sie unbehandelt.“

Ekaterina Stoianova, Cognitive Project Lead bei Amelia, sieht das ähnlich: „Als ich befördert wurde, überraschte mich mein Ehemann mit dem Buch ‚Nice Girls Don’t Get The Corner Office‘. Das Geschenk war nicht nur eine nette Geste zur Rückversicherung, sondern hat mich auch erkennen lassen, dass es tatsächlich Verhaltens- und Perspektivunterschiede gibt, denen wir manchmal nicht genug Bedeutung zumessen. Ich sehe die größte Herausforderung darin, dass uns unsere Ängste im Weg stehen. Historisch betrachtet wurden Jungs dazu erzogen, mutig zu sein und Mädchen, höflich zu sein. In der modernen Gesellschaft verliert die Geschlechterdefinition allmählich ihre Bedeutung. Schließlich sollten wir alle gleichermaßen mutig genug sein, uns unseren Ängsten zu stellen und tapfer genug, über sie hinaus zu wachsen und Ideen auf den Tisch zu bringen.“

Auch Nicky Tozer, VP EMEA bei Oracle NetSuite, betont die Relevanz, dass jeder in einem Unternehmen seinen Teil zur Gleichberechtigung beiträgt: „Für mich ist das Thema, „Choose to Challenge“, die Mission für uns alle, zu analysieren, zu hinterfragen und zu adaptieren. Der Schlüssel ist das „Choose“. Jeder Einzelne von uns muss die Ungleichgewichte, denen wir immer noch jeden Tag begegnen, bewusst bewerten und danach handeln. Ob das jetzt bedeutet, die jüngste weibliche CEO zu werden, die ein Unternehmen mit einem mehrheitlich weiblichen Vorstand an die Börse bringt order Männer, die sich die Verantwortung teilen, um das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf anzugehen, das sich durch die Heimarbeit noch verschärft hat. Choose to Challenge ist die Plattform, die uns an die Notwendigkeit von Bildung und Handeln erinnert und an die Arbeit, die wir alle leisten müssen, um Gleichberechtigung auf allen Ebenen zu normalisieren.“

Balance in der Pandemie finden

Angelica Reyes Froment, Marketingleiterin für Europa und UK bei Freshworks, merkt an, dass Heimarbeit zwar Herausforderungen für Frauen in der Tech-Branche bedeutet hat, sie sich aber dennoch gut entwickelt haben: „Für mich bedeutet der diesjährige Weltfrauentag, dass wir einen Moment haben, um zu erkennen, dass die Herausforderungen der letzten 12 Monate zu Chancen für einige arbeitende Mütter geführt haben, um eine bessere Work-Life-Balance zu erkämpfen. Natürlich ist Remote Work nicht immer einfach, aber ich habe das Glück, dass mein Arbeitgeber mir erlaubt hat, strikte Regeln für meine Zeit in der Pandemie aufzusetzen. Es war mir immer noch möglich, mit meinen Teams zusammenzuarbeiten und meinen Job zu machen, aber auch viel Zeit mit meinen beiden Söhnen zu verbringen. Für sie in wichtigen Momenten da zu sein, etwa beim Mittagessen oder wenn sie von der Schule nach Hause kommen, war für mich wichtig, um die richtige Work-Life-Balance zu finden.

Inklusive Innovation erreichen

Poornima Ramaswamy, stellvertretende Vorstandsvorsitzende für Global Solutions & Partners bei Qlik, fasst die Relevanz des Weltfrauentag gut zusammen: „Es ist sehr einfach, sich dazu verleiten zu lassen, Menschen und Dinge durch eine einzige geschlechtsspezifische Linse zu betrachten, was auf die inhärente Voreingenommenheit zurückzuführen ist, die in unserer Gesellschaft immer noch vorherrscht. Und es ist diese einschränkende Bezugsrahmen, der einen wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise hat, wie unsere Welt funktioniert. Der erste Schritt, um eine angemessene Repräsentation zu erreichen, ist ein ausgeglichenes Team. Diversität ermöglicht verschiedene Perspektiven und Eigenschaften am Arbeitsplatz. Das ist fundamental, um inclusive Innovationen und Lösungen zu erreichen. Mein Rat an Frauen – und die Gesellschaft – ist am Weltfrauentag (und darüber hinaus) also, alles vom kleinsten gemeinsamen Nenner zu betrachten, damit wir mehr empathiegetriebene Lösungen schaffen können, die auch für die unterrepräsentiertesten Gesellschaftsschichten funktionieren.

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